Zeitung Heute : Traumhändler

Der harten Realität von Jugendgewalt und politischen Konflikten begegnet das Panorama mit Fantasie: mit einer Vielzahl von Genre-, Fantasy-, Horror- und Märchenfilmen. So verschlägt es in Rusalka (Mermaid) eine Meerjungfrau ins heutige Moskau, in 3 días (3 Tage) wird die Welt von einem Meteoriten bedroht. Für Sleep Dealer haben die USA Roboterfabriken in der näheren Zukunft an der mexikanischen Grenze aufgebaut. In Eskalofrío (Schauder) geht es um ein finsteres Geheimnis in den spanischen Bergen, das der junge Santi entdeckt. Und im japanischen Beitrag Megane lässt sich eine junge Lehrerin durch Südjapan treiben und beobachtet die Leute beim „Zwielichten“.

Die Wirklichkeit dagegen wirft tragische Schatten. Chiko, der deutsche Debütfilm von Özgür Yildirim mit Denis Moschitto und Moritz Bleibtreu, wirft einen unerschrockenen Blick auf die Jugendgewalt im Hamburger Drogen-Milieu. Im kanadischen Beitrag Le Ring von Anais Barbeau-Lavelette ergeht es dem 12-jährigen Jessy in Montreal nicht anders als den Kids im hiesigen Kiez. In A Boy, dem herausragenden britischen Jugendfilm von John Crowley, lebt ein verurteilter Schwerverbrecher mit einer neuen Identität. In Lemon Tree von Eran Riklis („Die syrische Braut“) eskaliert ein Grenzkonflikt über einen Gartenzaun zur Tragödie. Und der iranische Beitrag 3 Women von Manijeh Hekmat nähert sich dem Alltag dreier Generationen von Frauen in Teheran: Eine Teppich-Expertin sucht ihre verschwundene Tochter und bringt ihre senile Mutter zum Arzt, bis auch diese noch verschwindet – samt kostbarem Teppich.

Kein Wunder, dass der Dokumentarfilm mit 18 Titeln stark vertreten ist. Krieg, Unterdrückung, Diskriminierung: Döndü Kilic beobachtet in Das andere Istanbul schwule Männer in der Türkei. Viele lassen sich als Transsexuelle umoperieren, um ihre Liebe leben zu dürfen. In A Jihad for Love verfolgt Parvez Sharma das gleiche Thema in Ländern wie Pakistan, dem Iran, Ägypten und der Türkei. Improvvisamente l’inverno scorso zeigt unter großem persönlichen Einsatz Ressentiments gegen schwule Paare in Italien. Jochen Hicks East/West dokumentiert die Kämpfe um die Gay Parade in Moskau 2006.

Gleichzeitig gibt es etliche Hommagen: an starke Frauen wie die Berliner Fotografin Erika Rabau (Erika Rabau – Der Puck von Berlin) oder die Kandidatinnen zur Miss-Leipzig-Wahl 1989 (Sag mir, wo die Schönen sind), an den genialischen Berserker Klaus Kinski (Jesus Christus Erlöser), den 1994 verstorbenen Filmregisseur Derek Jarman (Derek), den Entertainer und Aids-Aufklärer Pieter-Dirk Uys (Darling!) oder den Politiker Ariel Sharon (Sharon).

Die Beiträge zum diesjährigen Musik-Schwerpunkt: Steven Sebring hat die legendäre Rocksängerin Patti Smith elf Jahre lang bei Reisen und Auftritten begleitet (Patti Smith: Dream of Life). Eddy Moretti porträtiert in Heavy Metal in Baghdad die irakische Band Acrassicauda – ein Film, der mindestens so viel über den heutigen Irak sagt wie über Heavy Metal. In Café de los Maestros versammelt Miguel Kohan alle Tango-Legenden Argentiniens in der Oper von Buenos Aires. Den meisten Rummel dürfte es um Filth and Wisdom geben, das Spielfilmdebüt von Madonna. Eine Komödie über eine Londoner Dreier-WG, eine der Hauptrollen spielt der charismatische Musiker Eugene Hütz.

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