Zeitung Heute : Traumjob statt Knast Fußball, Filme und Formel 1

Der Tagesspiegel

Von Burkhard Schröder

Ein Kampf der Giganten: Jean-Marie Messier klagt gegen Rupert Murdoch. Messier ist der Leo Kirch Frankreichs. Sein Konzern, Vivendi Universal, beschuldigt Murdochs Firma NDS Group, die Pay-TV-Decoder der französischen Konkurrenz und deren Verschlüsselungssystem Mediacrypt gehackt und die Codes über Mittelsmänner ins Internet gestellt zu haben. Konkreter Anlass: In einschlägigen Kreisen wird das Gerücht verbreitet, der englische Hacker Lee Gibling (thoic.com und irde.to) soll andere Hacker ausspioniert und deren Daten an NDS weitergeleitet haben. Gibling soll veranwortlich dafür sein, dass sich die gehackten Codes von Vivendi in der Szene verbreitet haben. Die Klage von Vivendi gegen Murdoch fußt auf der Annahme, dass deutsche Hacker maßgeblich daran beteiligt gewesen seien, NDS einen technischen Vorsprung vor der Konkurrenz zu verschaffen.

Websites mit illegaler Software – den so genannten „Piratenkarten“ – tauchen schnell auf. Ihre Adressen werden in geheimen Foren, im Web und im Internet Relay Chat verbreitet. Sie sind oft nach wenigen Wochen wieder verschwunden. Diejenigen, die Pay-TV-Programme „schwarz" freischalten und gratis sehen, laden die Codes dort herunter. Die großen Konzerne haben bisher gegen diese Homepages und Foren mit ihren „warez“ und „toolz“ wenig unternommen: Ruhe bewahren schien das beste Mittel gegen die wenigen schwarzen Schafe, die keine Mühe scheuten und stundenlang an ihren Rechnern, Decodern und Programmen bastelten, um die Kosten für das Abonnement eines Pay-TV-Programms zu sparen.

Der britische Sender BSkyB, der zu Murdochs Imperium gehört, hat am meisten Erfahrungen mit Hackern. Schon vor zehn Jahren tauchte die Software „The KENtucky Fried chip“ im Internet auf, mit der technisch Versierte Porno-Programme und vor allem die SF-Serie „Star-Trek“ (die nur im englischen Bezahlfernsehen lief) auch in Deutschland zu sehen waren. Der Erlanger Student Markus Kuhn stellte schon damals eine FAQ (Frequently Asked Questions – Häufig gestellte Fragen) unter dem Stichwort TV-Crypt ins Internet und moderierte eine Mailingliste, in der Interessierte sich über die Pay-TV-Codes austauschten. Dort schrieb auch der Berliner Student Boris F., genannt „Tron“, der 1998 auf tragische Weise ums Leben kam. Tron hatte kurz vor seinem Tod das Irdeto-System gehackt. Dessen Code war die Basis für die Smartcards, mit denen man den Sender Premiere freischalten musste.

Markus Kuhn arbeitet heute als Computerspezialist an der Universität Cambridge. Schon damals, sagt er, seien die Verantwortlichen bei BSkyB bemüht gewesen, „gute Leute aus der Pay-TV-Szene anzuheuern“. Diese Methode war erfolgreich. Dem englischen Medienkonzern ist es gelungen, fast alle begabten Pay-TV-Hacker Deutschlands anzuheuern und für sich arbeiten zu lassen. Das hat die europäische Konkurrenz versäumt – mit dem Resultat, dass Murdochs System als fast „unknackbar“ gilt.

Eine zentrale Rolle spielt die Firma NDS und ihre Filiale Jerusalem. Dort werden die Algorithmen entwickelt, die die Smartcards sicher machen sollen. Prominenter Berater ist Adi Shamir, der dem legendären RSA-Algorithmus einen Buchstaben verlieh. Die israelische Zeitung „Yedioth Ahronoth“ schätzt den Umsatz von NDS auf Dutzende von Millionen Dollar, der Hauptkunde kommt aus dem eigenen Haus der englischen Sender BSkyB. Von Israel aus beobachten die Experten, wer sich wo im Internet zum Thema Verschlüsselung tummelt.

Der wichtigste Headhunter für Hacker im Auftrag von NDS ist der ehemalige Scotland-Yard-Agent Ray Adams. Adams reiste schon vor vier Jahren, mit Zuckerbrot und Peitsche im Gepäck, quer durch Europa und versprach denjenigen Hackern, die den hoch bezahlten Programmierern und Entwicklern von Smartcards in den Konzernen das Fürchten lehrten, gut dotierte Aufträge, wenn sie für die Gegenseite arbeiten. Auch der Berliner „Tron“, Ende der 90er Jahre einer der besten Hacker Deutschlands, bekam ein Universitätsstipendium in Israel in Aussicht gestellt und „mögliche spätere Einstellung". „Tron“ lehnte ab.

Adams nahm auch Kontakt zu zwei anderen schillerndsten Figuren der deutschen Hacker-Szene auf: zu „Dr. Overflow“ alias Uli Hermann und Oliver Kömmerling. Auch „Dr. Overflow“ arbeitete für Murdoch. Der süddeutsche Hacker ist eine lebende Legende, kaum jemand hat ihn zu Gesicht bekommen. Aber Dutzende von Websites feiern ihn als jemanden, dessen diverse Gratis-Software es jedem erlaubt, fast jeden Fernsehsender der Welt zu empfangen. „Dr. Overflow“ arbeitete mit dem Berliner „Tron“ zusammen und diskutierte mit ihm den in der Szene legendären „Irdeto"-Hack. Heute ist er abgetaucht, seine Website abgeschaltet.

Kömmerlings Karriere startete Anfang der 90er Jahre in einer Art Garage im Saarland. Der spätere Chef der Firma „Advanced Digital Security Research“ spezialisierte sich – wie nur wenige Hacker – auf Chipkarten, deren innere Geheimnisse damals noch leicht zu erforschen waren. Wer heute professionell arbeiten will, braucht ein technisches Equipment im Wert von mehreren zehntausend Dollar, inklusive Lasercutter und Mikroskop, das die Eingeweide von Chipkarten auf Mikrometer-Ebene anzeigt. Kömmerling kennt jeden in Europa, der das Innere von Smartcards aus „wissenschaftlichen“ Motiven erforscht – bulgarische Computerfachleute, die den „grauen Markt“ der Chipkarten mit ebensolcher Software beliefern, belgische Piratenkarten-Händler, die den oft naiven jugendlichen Hackern die aktuellen Codes für wenig Geld abkaufen, englische Internet-Firmen wie „Paul Maxwell King“, die nicht müde werden zu betonen, dass die Software, die sie anbieten, nicht für „illegale“ Zwecke benutzt werden dürfe.

Murdochs Unternehmen NDS-Group kaufte sich bei Oliver Kömmerlings Ein-Mann-Unternehmen ADSR ein. Dessen Firma sitzt heute in London und hat ein weltweit einmaliges Patent auf ein Verschlüsselungsverfahren, das den Chip sich selbst zerstören lässt, wenn ein Hacker versucht, die Codes zu verändern. Davon können die französische Konkurrenz Murdochs oder der südafrikanische Konzern Mindport, einer der Marktführer in Smartcards für Pay-TV, nur träumen.

Murdochs Headhunter haben erreicht, wovor Hacker sich fürchten: dass ihre ehemaligen „Kollegen“, die jetzt für die „Gegenseite“ arbeiten, immer schon vor ihnen da sind – wie im Wettrennen zwischen dem Hasen und dem Igel. Der beste Schutz vor Hackern ist offenbar die Methode, ihnen einen Job anzubieten und nicht, sie zu verklagen.

Mehr zum Thema unter:

www.actiononecanalplus.com

ww.adsr.com

www.ndsworld.com

Schwarzseher finden immer einen Weg, dies muss der Kirch-Sender Premiere derzeit erneut erfahren. Ob jetzt durch Manipulationen an Hardware und Chipkarte oder mit mit speziellen Dechiffrier-Programmen auf dem Computer: Bislang ging der Wettlauf zwischen den Programmanbietern und den Hackern immer so aus, das nach kurzer Zeit jeder Code erneut geknackt und die neuen Schlüssel nur wenig später im Internet auftauchten.

Die analoge, verhältnismäßig schwer zu schützende Ausstrahlung des Programmes hat der Bezahlsender Premiere vor gut anderthalb Jahren erheblich eingeschränkt. Im Berliner Kabelnetz ist Premiere nicht mehr analog im Kabel, sondern nur noch via Satellit zu empfangen. Nicht zuletzt wollte der Kirch-Sender die Abonnenten mit speziellen finanziellen Anreizen dazu bewegen, auf den umfangreicheren und gegen Hackerattacken besser zu schützenden Digital-Empfang umzuschalten. Doch aus dieses System änderte nichts daran, dass ein gewisser Prozentsatz der Zuschauer für Fußball, Filme und Formel nicht bezahlen will, obwohl dies nach der Verabschiedung der „Lex Premiere“ inzwischen alles andere als ein Kavaliersdelikt ist. Auch die jüngste Verstärkung der Verschlüsselung, um den kostenpflichtigen Abruf von Filmen besser zu sichern, wurde von findigen Hackern nach wenigen Tagen ausgehebelt.

Nicht allein die normalen Kanäle des digitalen Premiere-Programms konnten zuvor schwarz gesehen werden, sondern auch die Pay-per-View-Filme – und dies ohne Limit. Die Hacker hatten sich dazu der Fachhändler-Schlüssel bedient. Mit dem neuen Verfahren sollte dieser Missbrauch beendet werden, doch es dauerte nicht lange, bis die Verschlüsselungs-Gegner herausfanden, wie man das persönliche Film-Konto auf einfache Weise wieder heraufsetzen konnte.sag

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