Zeitung Heute : Traumpartner von gut! Sowas

Der Maler Michael Sowa wird am Mittwoch 60. Zwei Weggefährten gratulieren ihm: F. W. Bernstein und Axel Hacke

Axel Hacke

Seit ziemlich genau elf oder zwölf Jahren ist nun Michael Sowa mein Traumpartner. Das fing mit dem König Dezember an, und der Himmel weiß, wo es enden wird, hoffentlich nie.

Jedenfalls: Wenn man ein Buch plant, das Michael Sowa illustrieren soll, ruft man ihn an und erzählt ihm von der Sache. Dann sagt er mit flackernder Stimme: „Haaaa, oooooh, ich muss aber noch meine Steuererklärung machen.“

Davon darf man sich nicht irritieren lassen. Das sagt er immer. Seit ich ihn kenne, arbeitet er an seiner Steuererklärung. Er arbeitet an ihr mit der gleichen Sorgfalt, mit der er seine Bilder malt, womöglich malt er sogar diese Erklärung in Acryl....?

„Aber nur vier, fünf Bilder, das muss reichen“, sagt er dann.

„Wird reichen“, antworten wir.

Dann hört man nichts mehr von ihm. Ruft einer bei ihm an und fragt nach den Bildern, sagt er: „Ja, aber ich muss erst Blumen für den Balkon kaufen.“ Oder er muss dringend zum Volleyball. Oder die Freunde kommen zum Doppelkopf. Oder er muss aufräumen. Oder einen von den Bäumen pflanzen, die er für den Garten gekauft hat, die können nicht warten. Und – ja, da ist sie wieder!: die Steuererklärung...

Auch davon darf man sich unter keinen Umständen irritieren lassen. Ruft man später erneut an, sagt er, er habe etwas gemalt, aber es habe ihm nicht gefallen, er habe es wieder übermalt.

Nur die Ruhe! Das ist normal. Unter jedem Sowa-Bild liegen zehn Schichten mit anderen Sowa-Bildern, er ist eigentlich ein Übermaler, nicht bloß ein Maler, gerade arbeiten Finanzbeamte daran, seine Steuererklärung von 2001 freizulegen, sie gefiel ihm nicht, und er übermalte sie mit der Erklärung von 2002.

Aber nun wird uns ja die Zeit knapp mit dem Buch, was?

Es hat Autoren gegeben, die in dieser Lage vor Verzweiflung gestorben sind. Sie hatten das Gefühl, es werde nie etwas mit den Bildern, und was habe das Leben dann noch für einen Sinn, da sei es doch besser, sich für immer hinzulegen. Es gab einmal einen, für dessen Buch hatte Sowa bereits vier Bilder gemalt, nur leider alle übereinander, und über das oberste malte er dann, glaube ich, etwas anderes, das mit des Autors Buch nichts zu tun hatte.

Aber Ruhe, Damen und Herren! Ruhe! Ruft man Herrn Sowa jetzt an und verweist darauf, dass in der Druckerei sich bereits die Maschinen warm rotierten, alle Prospekte und Vorankündigungen seit Monaten hinaus seien, die Vertreter das Buch in hohen Auflagen verkauft hätten, dass die Buchhändler warteten, dann wird unser lieber Freund herausächzen: „Jaaa, jaaa, ich muss das heute Nacht mal fertig malen.“

Das ist der Punkt, an dem der großen Sehnsucht des Malers nach dem perfekten Bild mit gewaltiger Energie die ebenso große Sehnsucht des Verlages nach überhaupt einem Bild gegenüber tritt. Nun bricht ein Spezialkommando des Kunstmann-Verlages nach Berlin auf, klopft vor dem Frühstück an des Malers Türe, und noch bevor der den Pinsel zücken kann, fotografiert es alle Bilder, die herumliegen. Sonst würde er sie übermalen. Er übermalt sie übrigens auch so. Aber, nur die Ruhe!, jetzt sind sie fotografiert, und man kann sie für das Buch verwenden. Es gibt in meinen Büchern mehrere Bilder, die im Original gar nicht mehr existieren, sondern übermalt wurden, nachdem man sie fotografiert hatte.

Immer will er an seinen Bildern noch was machen, nie gefallen sie ihm ganz. Aber irgendwann kommt der Tag, da resigniert er für einen Moment oder ist müde, ich weiß auch nicht, jedenfalls gelingt es einem jahrelang ausgebildeten Spezialisten des Verlags Kunstmann, Sowa die Bilder für das Buch abzunehmen. Der Spezialist muss dazu freilich persönlich in Berlin erscheinen, denn schicken würde der Maler sie nicht, er kann sich so schlecht trennen, irgendwo ist immer ein Aspekt, der nicht gelungen ist, das Licht fällt nicht richtig, ach...

Jedenfalls erscheint dann das Buch. In der ersten Auflage.

Was die zweite angeht: Dafür müssen selbstverständlich einige Dinge neu gemalt werden, sie gefallen ihm einfach nicht, so wie sie da aussehen, in dem Buch...

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