Zeitung Heute : Traumspiele im Paralleluniversum

Eigensinnig, apokalyptisch, unermüdlich: Die freie Tanz- und Theaterszene sprengt alle Genregrenzen – das zeigen die Preisträger und Nominierten des george tabori preises.

Schräg. Asbestos Bella Chic (Ilanit Magarshak-Riegg) und Kommissar Zufall (Sir ladybug beetle) aus dem Theaterstück „Die Tagebücher von Kommissar Zufall“, multimediales Comictheater half past selber schuld, Düsseldorf. Foto: Christian Ahlborn
Schräg. Asbestos Bella Chic (Ilanit Magarshak-Riegg) und Kommissar Zufall (Sir ladybug beetle) aus dem Theaterstück „Die...

GEORGE TABORI PREIS

Figurentheater Wilde & Vogel

GEORGE TABORI FÖRDERPREIS

half past selber schuld

Mit Beharrlichkeit und Eigensinn zum Erfolg. Unbeeindruckt von Zeitgeist und Beschleunigungsdruck. Das war von Beginn an der Weg des Figurentheaters Wilde & Vogel. So hat es das Stuttgarter Duo aus Musikerin Charlotte Wilde und Objektkünstler Michael Vogel seit seiner Gründung 1997 weit gebracht. Vom Geheimtipp zum gefeierten Ensemble. 16 Inszenierungen, 20 internationale Auszeichnungen, Touren durch 30 Länder und eine beachtliche Fangemeinde. Beheimatet in der Leipziger Ballhaus-Spielstätte Lindenfels Westflügel. In der Welt zu Hause.

Bereits zwei Mal waren Wilde & Vogel für den george tabori preis nominiert, nun folgt die hochverdiente Auszeichnung. Geehrt wird ein weit vernetztes Theater, das für Erwachsene ebenso wie für Kinder und Jugendliche spielt. Das in seinen Stücken stets das Doppelbödige und Abgründige sucht, nicht das Gefällige. Das für das gesamte Genre der Figurenkunst unschätzbare Aufbauarbeit geleistet hat.

Der Zauber liegt bei Wilde & Vogel im Detail. Und in der hingebungsvollen Komposition. So hat Michael Vogel, Absolvent des Studiengangs Figurentheater an der Stuttgarter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, für das Debütstück der Gruppe, die Collage „Hamletfantasie Exit“, volle vier Jahre an Puppen und Masken gewerkelt. Auch wenn nicht jede Inszenierung derart viel Zeit verschlang: Akribie und Fantasie sind Vogels Figuren stets anzusehen. Meist sind es fabelhaft-verwunschene Wesen, irgendwo zwischen Giacometti und Nachtmahr. Bizarrschöne bis beängstigende Stabfiguren, Finger- und Handpuppen. Charlotte Wilde, die Musik in Karlsruhe studiert hat, schafft dazu mit E-Geige oder -Gitarre den kongenialen Klang. Soundwelten, die nicht einfach Atmosphären illustrieren, sondern eigene Bilder beschwören.

Die beiden Künstler sind dabei keine konzeptfixierten Planer. Vieles entsteht übers Improvisieren, Experimentieren. Fast immer im Team und mit einem Regisseur, der die Spieler mit Blick von außen spiegelt. Bei Wilde & Vogel geht es nicht um Egotrips. Dafür spricht auch die Vielzahl an Kooperationen, etwa mit der polnischen Akademia Teatralna Bialystock oder mit dem Stuttgarter FITZ! Zentrum für Figurentheater.

Thematisch gibt es keine Grenzen. Die Räume sind weit offen für Traumspiele aller Couleur. Da materialisiert sich die Musik des nervenkranken Komponisten Robert Schumann auf der Bühne („Toccata. Ein Nachtstück“, 2000). Oder die wilden Verse des Poesie-Berserkers Baudelaire erklingen, von Kindern eingesprochen („Spleen“, 2006). Wilde & Vogel haben Shakespeares „Sommernachtstraum“ auf ein mondbeschienenes Liebesverwirrspiel für zwei Solisten reduziert. Haben Peter Jacksons Hollywood-Opulenz in ihrer tolldreisten Tolkien-Adaption „Der Hobbit“ in den Schatten gestellt. Und Ottfried Preußlers Saga vom Kriegswaisen „Krabat“ zu einer eindringlich-morbiden Erzählung verdichtet.

In ihrer jüngsten Inszenierung haben sie sich den Roman „Extrem laut und unglaublich nah“ von Jonathan Safran Foer vorgenommen. Die Geschichte eines Jungen, dessen Vater bei den Anschlägen auf das World Trade Center ums Leben kommt und der sich auf eine vielschichtige Rätseljagd durch New York begibt. 440 Seiten Terror, Tod und biografische Trümmer. In der Regie von Michael Vogel wird daraus ein visuell bestechendes, dabei durchaus werktreues Szenenfresko, das mit scheinbar einfachen Mitteln beweist, dass im Figurentheater nichts unmöglich ist.

Ich habe eine Zeitmaschine erfunden. Sie rauscht noch ein bisschen, aber sonst ist sie okay.“ Klingt verheißungsvoll! Stammt aus einem Stück mit dem sonderbaren Titel „Die Sündenvergebmaschine“. Und beschreibt aufs Treffendste den grotesken Kosmos der Düsseldorfer Gruppe half past selber schuld. Die entführt mit ihren Produktionen in theatrale Paralleluniversen jenseits des gewohnten Raum-Zeit-Kontinuums. In hirnwütige Welten, wo unverschämt gewitzte Lieder erklingen und apokalyptische Cartoons lebendig werden. Jedes Stück ein Trip ins Ungewisse.

Hinter half past selber schuld steht ein Künstlerduo aus der Komponistin und Musikerin Ilanit Magarshak-Riegg und dem Comiczeichner und Autor Frank Römmele, auch bekannt als „Sir ladybug beetle“. Sie in Leningrad geboren und in Israel aufgewachsen, er aus Heilbronn. Zusammen sind sie seit 1998 als Multimedia-Pioniere einer neuen Kunstform unterwegs. Begleitet von einem wachsenden Team-Pool aus Gleichgesinnten und Ebenbürtigen. half past selber schuld (der Name geht auf die anfängliche Denglisch-Kommunikation der beiden zurück) sprengen Genregrenzen und Sinnzusammenhänge. So spielverrückt, dass man es im Sog der Show oft gar nicht mitbekommt.

half past selber schuld sind laut eigener Definition Band, Hörspielproduzenten und Bühnencomic-Hersteller. Anfänglich wollten sie ein musikalisches Zwei-Personen-Straßentheater aufziehen. Mit Schildern und Schnellkostümen bastelten sie sich 1998 ihren ersten Musikabend zusammen: „Mein Tag mit Batman“, uraufgeführt beim Comicsalon Erlangen. Einen Namen machten sie sich in der Folgezeit mit verschiedenen Programmen aber vor allem in Düsseldorf, der frisch erkorenen Heimatbasis. Wo 2001 auch der damalige Leiter des Forum Freies Theater (FFT) auf Magar- shak-Riegg und Römmele aufmerksam wurde. Und mit dem Vorschlag an sie herantrat, ihr Hörspiel „Die Sündenvergebmaschine“ zum Musiktheaterstück auszubauen. Die Geburtsstunde des Bühnencomics.

Trickfilmsequenzen und andere Animationen, kuriose Kulissen und Pappfiguren, belebte Puppen und Objekte, Schatten- und Schauspiele, Musik und Songs: Das sind die Elemente, aus denen half past selber schuld ihre extrem wandelbaren und variationsreichen Bühnenszenarien zusammenkomponieren. Zu Beginn waren die Stücke noch überwiegend an ein Publikum jenseits der Pubertät adressiert. Inzwischen aber sind neben kafkaesken Parabeln wie „Abwärtsbunker“ auch zwei Bühnencomics für junge Zuschauer entstanden. Etwa die Weltraum-Roboter-Ballade „Auf der Suche nach dem Allerbesten“. Als größte künstlerische Leistung von half past selber schuld gilt dabei bis heute ihre Adaption des Manga-Klassikers „Barfuß durch Hiroshima“ von Keiji Nakazawa. Der Japaner verarbeitet darin autobiografisch den Atombombenabwurf der Amerikaner. Den Comic-Hasardeuren gelang es 2007, daraus eine Brecht-mäßige Revue mit Knochengeige und munteren Sangesduetten der Bomben „Fat Man“ und „Little Boy“ zu zaubern. Das Grauen blieb den Zuschauern trotzdem nicht erspart.

Scherz und Schrecken liegen auch in der jüngsten Arbeit der Düsseldorfer nah beieinander. „Die Weltmenschen erobern die Welt“ (2012) ist eine überschießende Mär von Kapitalismus und Rebellion – mit sprechenden Schweineköpfen und randalegeilen Pflastersteinen. Wie immer im sprühend fantasievollen Comic-Look. Und fern jeder Schwarz-Weiß-Malerei.

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