Zeitung Heute : Traurig – und doch schön

Armin Lehmann

Den Deutschen hätte ja nichts Besseres passieren können! Jetzt können sich die vielen Millionen Bundestrainer endlich entspannen und genießen, was diese Fußball-EM zu bieten hat. Und das ist eine ganze Menge.

Offensivfußball zum Beispiel. Fast jedes Spiel der Vorrunde war interessant und spannend, weil die meisten Teams sich im Prinzip bemühten, nach vorne zu spielen. Der bisherige Höhepunkt dieser offensiven Spielweise war zweifellos das Match zwischen den deutschen Gruppengegnern Tschechien und Holland, das die Tschechen nach einem 0:2 noch 3:2 gewannen. Für die Deutschen ist das tröstlich, sie sind gegen zwei hervorragende Mannschaften ausgeschieden und konnten – im besten Fall – auch noch lernen, was Lust am Fußball bedeuten kann. Die Holländer sind dabei ein extremes Beispiel, weil einige ihrer Fußballexperten behaupten, dass Holland lieber schön spielen sollte und verlieren, als mit einem langweiligen Unentschieden weiterzukommen. Aber das ist ein bisschen gelogen, denn vor der Europameisterschaft gab es eine große Diskussion im holländischen Fußball, warum das eigene Team zwar schön spielen kann, aber nicht effektiv ist. Diese Systemdebatte ist überhaupt eine spannende Frage, die auch die EM so interessant macht. Einige Teams wurden dafür bestraft, dass sie ein Ergebnis halten wollten, die Engländer zum Beispiel beim 1:2 gegen Frankreich.

Dann sind da noch die neuen Helden. Ein großes Turnier lebt davon, dass neue Talente entdeckt, neue Namen bekannt werden. Bei England schaute alles auf Megastar David Beckham, aber der 18-jährige Wayne Rooney stürmte in die Herzen der Fans. Auch der schwedische Angriffsspieler Zlatan Ibrahimovic begeisterte die Zuschauer. Und mancher Newcomer, auch das gehört dazu, rührt uns zu Tränen. Antonio Cassano zum Beispiel, der junge Italiener, der wie Englands Rooney aus ärmlichsten Verhältnissen stammt. Er schoss gegen Bulgarien kurz vor Abpfiff das 2:1 für Italien, jubelte, dachte, sein Tor öffnet den Weg ins Viertelfinale. Aber er täuschte sich, die Freude war verfrüht und löste sich auf in Weinkrämpfen. So traurigschön ist der Fußball bei dieser EM – auch ohne Deutschland.

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