Zeitung Heute : Traurige Gewissheit

Der Täter ist geständig: Oliver H. hat Tim getötet. Auch die Mutter hat gelogen – schuldig ist sie aber nicht

Annabel von Heydebreck

Nun steht fest: Der zweijährige Tim aus Elmshorn ist nicht mehr am Leben. Der 38-jährige Freund der Mutter hat den Jungen getötet. Wie konnte das passieren?


Wie kann man nur einen kleinen Jungen umbringen? Diese Frage war die eigentliche bei der Pressekonferenz der Polizei in Itzehoe am Donnerstagmittag. Zu beantworten war sie nicht, auch wenn der Täter gefunden ist. Die Staatsanwaltschaft teilte mit, Oliver H., der Lebensgefährte von Tims Mutter, sei am Mittwoch wegen dringenden Tatverdachts auf Totschlag festgenommen worden. Nach Angaben der Polizei ist er bereits früher im „allgemein-kriminellen Bereich in Erscheinung getreten“. Gewaltverbrechen hatte er bisher nicht begangen. Oliver H. hat ein Teilgeständnis abgelegt. Über das Motiv sagte die Staatsanwaltschaft zunächst nichts. Mordmerkmale lägen jedoch nicht vor.

„Die Tat lässt vermuten, dass er in seiner Kindheit selbst Opfer von Gewalt geworden war und ihm jegliches Verhaltensrepertoire fehlte, um mit dem Kind in Konfliktsituationen umzugehen“, sagt Christian Pfeiffer, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts in Niedersachsen.

Oliver H. hat gestanden, Tim erschlagen und ihn dann in einer Sporttasche im Garten eines Nachbarhauses versteckt zu haben. Der Bautischler war dort offenbar mit Renovierungsarbeiten beschäftigt.

Pfeiffer vermutet, dass der Täter mit dem Kind überfordert war und im Affekt brutal zugeschlagen hat, damit es ruhig ist. Da nach jetzigen Erkenntnissen kein Beziehungskonflikt zwischen der Mutter, Monya H., und ihrem Lebensgefährten vorlag, schließt der Kriminologe aus, dass er den Jungen aus Eifersucht tötete, oder um die Mutter für ewig an sich zu binden.

Am Mittwoch gegen 14 Uhr entdeckte ein Beamter die Leiche, nachdem eine 30-köpfige Sonderkommission sechs Tage vergebens gesucht hatte. Das Grundstück war vorher nur oberflächlich durchsucht worden, weil die Polizei zu der Zeit noch nach einem lebenden Kind gesucht hatte. Der Junge ist offenbar am Mittwochmorgen vergangener Woche in der Wohnung von Oliver H. gestorben.

Tims Mutter hat gelogen, als sie angab, ihren Sohn das letzte Mal am Donnerstagabend gegen 19 Uhr gesehen zu haben. Sie hatte ausgesagt, Oliver H. sei am Donnerstagabend in ihre Wohnung gekommen, um ihr mitzuteilen, dass er Tim in dessen Kinderzimmer schlafen gelegt habe. Doch das ist so nie passiert. Offenbar hat die 21-Jährige Tim 48 Stunden vor ihrer Vermisstenanzeige in die Obhut ihres Freundes, der in der Nachbarwohnung lebt, gegeben. Die Polizei sagte, Monya H. habe Angst um ihr Sorgerecht gehabt und deshalb eine Falschaussage gemacht. Die Staatsanwaltschaft hält sie für unschuldig.

Dass der Junge bei dem Lebensgefährten war, ist nicht ungewöhnlich. Oliver H. habe eine Vaterrolle übernommen und sich oft tagelang um Tim gekümmert. „Es gibt viele Kinder, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen, war Oberstaatsanwalt Wolfgang Zepters einziger Kommentar auf die Frage nach den familiären Verhältnissen, in denen der Junge lebte. Innerfamiliäre Gewalt kommt hauptsächlich in sozial schwachen Familien vor, sagt Pfeiffer. Zwar gingen alle Eltern bei der Kindeserziehung durch einen Lernprozess und gerade wenn man sich zum ersten Mal um ein Kind kümmere, sei es schwierig, auf Anhieb das richtige Fingerspitzengefühl zu entwickeln. Hat man aber selbst in der Kindheit nie gelernt, mit Konfliktsituationen friedlich umzugehen, führe das später oftmals zur Gewalt. Vielleicht gab es auch in Tims Familie zu viele ungelöste Probleme. Die „Soko Tim“ ermittelt noch.

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