Zeitung Heute : Traurige Mütter

fahndet nach guten Nachrichten in der Medizin. Heute: Hilfe bei Wochenbettdepression

Hartmut Wewetzer

Erfolgreich, schön, wohlhabend, intelligent – und nun auch noch Mutter. Die amerikanische Schauspielerin Brooke Shields erfüllte sich den Traum vom perfekten Glück. Aber bei ihr bewahrheitete sich die Regel, nach der die Pflicht zum Glücklichsein der schnellste Weg ins Unglück ist. Brooke Shields wurde nach der Geburt ihrer Tochter im Mai 2003 depressiv. „Ich wollte nicht mehr leben“, bekennt die 38-Jährige heute. „Ich wollte aus dem Leben springen, aber dann dachte ich mir: Du wohnst nur im vierten Stock. Da brichst du dir sämtliche Knochen und alles wird noch schlimmer.“

Und das Kind? „Chris, mein Mann, sagte: Oh Gott, das Kind schreit! Ich aber blieb reglos und sagte: Ja, das stimmt. Es schreit. Ich frage mich, was es wohl will?“, erinnert sie sich. „Es war, als wenn ein Alien von mir Besitz ergriffen hatte und mich zwang, immer das Gegenteil von dem zu tun, was richtig war.“

Brooke Shields war an einer besonders schweren Wochenbettdepression erkrankt. Die meisten Mütter fallen zwischen dem dritten und siebten Tag nach der Geburt in ein Stimmungsloch, „Heultage“ genannt. Sie sind traurig und müde und weinen grundlos. Aber dieser „Baby Blues“ verschwindet wieder. Nach ein paar Stunden, nach ein paar Tagen.

Anders die Wochenbettdepression. Sie ist tiefgreifender, langwieriger – und ebenfalls ziemlich häufig. Man schätzt, dass jede zehnte Frau eine Wochenbettdepression bekommt. Die hormonelle Achterbahnfahrt nach der Geburt spielt dabei als Auslöser eine wichtige Rolle. Typische Zeichen sind Trauer, Angst, Appetitlosigkeit, Schlafstörungen, Unruhe, Müdigkeit, Gefühle von Wertlosigkeit und Schuld, Konzentrationsstörungen und Selbstmordgedanken.

Die gute Nachricht ist: In den meisten Fällen lässt sich die Wochenbettdepression gut behandeln. Sie verschwindet wieder, auch wenn einer Frau, die im Tief steckt, schwer fällt, das zu glauben. Es kann nötig sein, die Depression mit einem Medikament zu behandeln. Dabei ist Vorsicht geboten, falls das Baby gestillt wird. Psychotherapie kann ebenfalls helfen.

Aber man kann auch selbst etwas tun. Frauen, die es erwischt hat, sollten sich nicht abschotten, sondern sich mit Freunden und Familienangehörigen treffen. Isolation macht alles nur noch schlimmer. Ebenso wichtig: viel Sonne, eine ausgewogene Ernährung mit wenig Alkohol und Kaffee, Bewegung und so viel Schlaf und Ruhe wie nötig. Entlastung durch andere kann eine große Hilfe sein, und gerade Angehörige helfen gern, wenn ein neues Familienmitglied da ist. Manchen Frauen hilft es auch, sich mit anderen Müttern mit kleinen Babies zu treffen.

„Die Wochenbettdepression nimmt sich bestimmte Wahrheiten und macht das Schlimmste aus ihnen“, sagt Brooke Shields. „Die Wahrheit ist, dass sich das Leben für immer ändert, wenn man ein Kind hat. Aber was man nicht bedenkt, ist, dass das Leben schöner und reicher werden kann.“ Die Schauspielerin ist über den Berg. Und sie wünscht sich noch ein Kind.

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