Zeitung Heute : Traurige Tropen

Kerstin Decker

Mika Kaurismäki war es in Finnland zu dunkel. Darum ist er nach Brasilien gegangen und hat dort eine Musikkneipe aufgemacht. Wahrscheinlich produziert Brasilien auch bessere Rotweine als Finnland. In Finnland ist Mika Kaurismäki Filmemacher geworden. Schon weil doch jemand im Zwielicht die Farben verteidigen musste. Aber wer sollte in Brasilien in einer Musikkneipe etwas der Farben wegen tun? "Moro no Brasil" ist der Film von einem, der nach einem langen Winter einfach in der Sonne sitzt. Menschen, die in der Sonne sitzen, suchen keinen Streit. Schon gar nicht mit der Welt. Sie sind einfach dankbar.

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"Moro no Brasil" ist der Film eines Dankbaren. Samba und Sonne sind ungefähr dasselbe. Nur dass es ganz erstaunlich viele Arten Samba gibt, aber nur eine Sonne. Das machte Kaurismäki zum Erforscher dieses merkwürdigen Polytheismus. Frevo, Maracatu, Forro. Er reiste durch das ganze Land, von Nord nach Süd, von West nach Ost - und bannte überall das Licht und den Klang. In der Sonne zu sitzen ist auch Anbetung. Nur wissen nördliche Monotheisten gewöhnlich nichts von den Orixas, den Göttern Afrikas, die einst mit den Sklavenschiffen nach Amerika übersetzten. Sie, die Götter verschiedenster Stämme, wohnten plötzlich ganz nah beieinander. Sie kamen ins Gespräch untereinander, sie verstanden sich - allesamt Gottheiten des Wassers, des Lichts, des Waldes - die Samba entstand.

Die Brasilianerin Yvonne Bezerra de Mello sagt, sie könne nicht Präsidentin Brasiliens werden, allenfalls tauge sie zur Leiterin einer Sambaschule. "Kriegerin des Lichts" von Monika Treut ist das Porträt dieser Frau. Es ist wie die Ergänzung zu "Moro no Brasil". Das gleiche Land, nur im Schatten gelegen. Samba ohne Klang. Es ist eher ein Film zum Denken, weil er uns Dinge sagt, die in keiner Logik liegen und doch offensichtlich sind. Das Elend stinkt. Nie dächte man in der Kaurismäki-Sonne an Gerüche. Hier schon. Man überschreitet bestimmte Grenzen nie, weil man die Gerüche dahinter nicht erträgt.

Auch darum bleibt das Elend gewöhnlich unter sich. Und die die Grenzen doch überschreiten, sind vielleicht christliche Schwestern - ohnehin mehr den übersinnlichen als den sinnlichen Wahrnehmungen zugewandt. Yvonne Bezerra de Mello aber ist keine Mutter Theresa. Sie ist Künstlerin - ein Sinnenmensch - und sie ist eine Frau der Oberschicht. Ihrem Fahrer wurde übel, als er sie zum ersten Mal in die Favellas fuhr. Elend gebiert Elend. Nur einen Augenblick lang scheint es unschuldig. In den Augen der Kinder. Vielleicht will Yvonne Bezzera de Mello diesen Augenblick festhalten. Sie durch ihr pures Dasein eine andere Welt ahnen lassen. Sie kann nicht viel helfen, und sie weiß es. Yvonne Bezerra de Mello hofft auf etwas, dass sie "mentale Revolution" nennt. Wenn sie seit vielen Jahren doch zu den Ärmsten der Armen geht, zu den Kindern in den Elendsvierteln, dann mit einem Wissen: Sie darf die Welten nicht vermischen! Yvonne Bezerra de Mello, die wohlhabende Frau, und Yvonne Bezerra de Mello, die Elendsarbeiterin, sind nicht dieselben und doch schließen sie einander nicht aus. Ein Bann umgibt sie. Die Oberschicht Brasiliens versteht diese Frau nicht. Sie hält sie für gefährlich.

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