Zeitung Heute : Treffen im Jägerstübchen

Das Heimatmuseum zeigt alles übers Dorfleben – und bald auch Wladimir Lindenbergs Arbeitszimmer

Rainer W. During

Etwas versteckt in Alt-Hermsdorf stößt man auf Reinickendorfer Geschichte und Geschichten. In der 1880 erbauten alten Dorfschule hat sich 100 Jahre später das Heimatmuseum des Bezirks etabliert und bietet neben einer Dauerausstellung eine Vielzahl von Veranstaltungen und Sonderschauen. Und bald gibt es etwas Neues: nächste Woche wird der Wladimir-Lindenberg-Raum eröffnet. Da freut sich nicht nur Kulturstadtrat Thomas Gaudszun (SPD).

Lindenberg, der von der Gestapo verfolgte, russischstämmige Arzt, Künstler und Schriftsteller, der als „Vater der Hirnverletzten“ galt, hatte von 1944 bis zu seinem Tod 1997 in einem Behelfsheim in Heiligensee gelebt und gewirkt. Er schuf auch großflächige Stickereien und Wandbehänge mit biblischen Themen. Dank einer Schenkung der Nichte Wera Thimm und der großzügigen Unterstützung der Wladimir-Lindenberg-Gesellschaft konnte das Arbeitszimmer mit zahlreichen Werken, Büchern und Fotos nachempfunden werden.

Der Lindenberg-Raum gliedert sich ein in die Basisausstellung, in der die Geschichte Reinickendorfs von der Vorzeit über das Mittelalter bis zur Entstehung der einzelnen Dörfer, aus denen später die Ortsteile hervorgingen, erzählt wird. Dazu gehören Küche und Waschküche ebenso wie Jägerstübchen, Schulzimmer und Bauernstube und das germanische Gehöft auf dem Hof. Das ehemalige Schulgebäude, ein aus zwei Bauabschnitten bestehender, symmetrischer Klinkerbau, bildet hierzu die ideale Kulisse. Ein Katalog zur Gesamtschau ist in Vorbereitung.

Im Nebengebäude wird als nächste Sonderschau im Rahmen des Themenjahres „Zwischen Krieg und Frieden“ am 26. Mai die Ausstellung „Berliner Schnitzel und andere Geschichten zur Geschichte Reinickendorfs 1930 bis 1965“ eröffnet. Grundlage ist ein Gemeinschaftsprojekt des Kunstamtes und der Volkshochschule, bei dem Reinickendorfer Bürger aufgefordert wurden, Alltagsgeschichten aufzuschreiben. Das erste Buch ist letztes Jahr erschienen, ein zweiter Band über die Zeit bis 1965 soll zum Jahresende folgen. Die Ausstellung läuft bis Januar nächsten Jahres und wird von verschiedenen Lesungen begleitet.

Zeitzeugen sucht das Museum gegenwärtig zur Geschichte des Hochbunkers, der im Zweiten Weltkrieg an der Wittenauer Straße errichtet wurde. Er soll Gegenstand eines Projektes zum „Tag des offenen Denkmals“ im September werden. Wer Informationen beisteuern kann, wird gebeten, sich unter Telefon 40009271-0 zu melden.

Um das Angebot für Schulklassen zu verbessern, sind die Öffnungszeiten des Museums kürzlich optimiert worden. Jetzt kann das Haus auch montags von 9 bis 13 Uhr besucht werden, dafür bleibt es samstags, wo die geringste Nachfrage bestand, geschlossen. An allen übrigen Tagen ist von 9 bis 16 Uhr geöffnet. Führungen werden für alle Altersstufen angeboten. Ein besonderes Angebot gibt es für Kindergeburtstage. Statt normaler Führung findet eine Art Schnitzeljagd statt. Anschließend treffen sich die Kinder zum Malen oder Basteln, während die Eltern zur Stärkung das mitgebrachte Picknick, bei schönem Wetter im Garten, vorbereiten können, sagt Museumsleiterin Cornelia Gerner.

Die Besucherzahl allerdings ist 2004 zurückgegangen. Noch bis 2003 stieg sie auf 10000 Personen im Jahr. Ausschlaggebend war das aus Kostengründen eingeführte Eintrittsgeld. Obwohl nur ein Euro (ermäßigt 50 Cent) verlangt werden, schreckt dies viele Interessenten ab. Nun denkt Stadtrat Gaudszun darüber nach, die Gebühren wieder abzuschaffen.

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