Zeitung Heute : Treibhaus, made in China

Neue Millionenstädte, neue Autobahnen, neue Kraftwerke – entschlossen drängt Chinas Milliardenvolk zum Wohlstand und heizt die globale Klimakrise dramatisch an. Doch auch in Peking ist ein Machtkampf um die Energiepolitik entbrannt. Kann es den Reformern gelingen, ihr Land zu entwickeln, ohne den Planeten ökologisch zu ruinieren?

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Von Harald Schumann Wenn Ruan Qiantu aus seinem Büro hoch oben im Turm der Shanghai Power Company guckt, dann kann er der Klimakrise beim Wachsen zusehen. Baukräne und halb fertige Bürotürme mit bis zu 100 Stockwerken reihen sich da in allen Himmelsrichtungen aneinander, unterbrochen nur von den schon fertigen Hochhaussiedlungen und futuristisch anmutenden Autobahnbrücken, die in luftiger Höhe einen endlosen Fahrzeugstrom durch das Betongebirge leiten. Wo andere nur die neuen Gebäude wahrnehmen, da sieht Herr Ruan außerdem zig Tausende von zusätzlichen Klimaanlagen, Computern, Waschmaschinen und Lampen, die demnächst in Betrieb gehen.

Als Chefingenieur für das Schanghaier Stromnetz ist er verantwortlich für die Energieversorgung von rund 15 Millionen Menschen in Chinas Megametropole. Und schon seit Jahren wächst deren Stromverbrauch um bis zu 18 Prozent jährlich. Wie in aller Welt plant man unter solchen Bedingungen ein stabiles Stromsystem?

Ruan, ein 41-jähriger Machertyp mit Brille und gewinnendem Lächeln, überlegt einen Moment, dann lacht er laut. „Planen? Das ist eine deutsche Frage. Wir planen nicht, wir bauen die Trafostationen und Leitungen da, wo Platz ist“, sagt der Netzchef. „Und an manchen Sommertagen schlafe ich fast nicht“, beschreibt er die Umstände der zuweilen verzweifelten Suche nach freien Kapazitäten, wenn der Bedarf mal wieder alle Erwartungen übertrifft. In hektischen Anrufen muss er dann im Umkreis von 2000 Kilometern mit Kraftwerksbetreibern verhandeln oder Aluminiumwerken einige Millionen Yuan dafür bieten, dass sie ihre Anlagen tageweise abstellen. Nur so kann er manchmal verhindern, dass in der heißen Mittagszeit das Netz zusammenbricht, wenn die Schanghaier ihre Büros in Kühlschänke verwandeln. „Außerdem bauen wir natürlich neue Kraftwerke“, erklärt Ruan. Vor fünf Jahren war er beim deutschen Stromkonzern RWE zu Besuch, „einem der größten in Europa, erzählten sie uns. Drei Jahre später hatten wir schon mehr Kraftwerkskapazität als die.“ Ein Besuch in der Leitzentrale seines Unternehmens zeigt, was Ruan und seine Kollegen für die Zukunft erwarten: Die Leittechnik schlägt alles, was seine europäischen Kollegen zu bieten haben und ist für eine weitere Verdoppelung der Stromlast ausgelegt.

Aber wird das nicht die globale Erwärmung dramatisch beschleunigen, weil der meiste Strom aus Kohle gewonnen wird? Droht nicht auch Schanghai der Untergang durch steigende Fluten und apokalyptische Stürme?

China stellt die Menschheitsfrage

Gewiss, darüber werde jetzt auch in China nachgedacht, räumt Ruan ein, und plötzlich weicht sein Plauderton dem Ernst einer Regierungserklärung: „Wir tun alles, um die Emissionen zu begrenzen. Aber Sie sollten auch das chinesische Problem verstehen: Wir müssen die wachsende Nachfrage decken. Wir können ja nicht verbieten, dass die Menschen Häuser, Klimaanlagen und Internetanschluss haben wollen.“ Ruan nickt, dann fällt ihm noch etwas ein: „Sind nicht auch in Deutschland 19 neue Kohlekraftwerke geplant?“

Die Sätze des Schanghaier Stromchefs beschreiben präzise das fundamentale Dilemma der heraufziehenden globalen Klimakrise: 1,3 Milliarden Chinesen wollen genau so leben, wie es in Europa, Amerika und Japan seit Jahrzehnten üblich ist. Doch die ökologische Kapazität des Planeten, vor allem die zur Nutzung der Atmosphäre als Abgasdeponie, reicht dafür nicht aus. Das gilt erst recht, wenn alsbald weitere drei Milliarden Menschen in Indien und den übrigen Staaten der Dritten Welt dem chinesischen Vorbild folgen. Die Autoren des Öko-Klassikers vom Club of Rome über „Grenzen des Wachstums“ mahnten schon vor 35 Jahren, die globale Verbreitung des westlichen Lebensstils sei ökologisch unmöglich. Das war damals nur ein theoretisches Argument, viel zu weit entfernt schien das Universum der Armen und Unterentwickelten. Wie im Westen so auf Erden, an dieser Verheißung für die Armen halten Wirtschaftspolitiker aller Couleur selbst heute noch fest.

Doch nun macht Chinas Milliardenvolk genau damit ernst und stellt – gänzlich ungewollt – die Menschheitsfrage: Wie eigentlich soll die arme Vier-Fünftel-Mehrheit zu etwas mehr Wohlstand kommen, wenn die irdischen Ökosysteme schon für das reiche Fünftel von heute nicht ausreichen? Wird die Globalisierung des amerikanisch-europäischen Traums zum globalen Albtraum aus Klimachaos und Flüchtlingsströmen? Oder kann es gelingen, die späten Nachahmer davon abzuhalten, die Fehler der Reichtumsnationen zu wiederholen?

Von dieser Hoffnung scheint das moderne China zunächst unendlich weit entfernt. Seit dem Start der Wirtschaftsreformen im Jahr 1980 hat sich die Wirtschaftsleistung des Landes verzehnfacht, und das auf sehr konventionellem Weg. Kraftwerke, Kohlenminen, Staudämme, Hochspannungsleitungen, Raffinerien – wo immer im Reich der Mitte überhaupt gebaut wird, da wachsen unübersehbar auch diese baulichen Zeichen des stetig anschwellenden Hungers nach der Kraft für die Maschinen, die den Wohlstand bringen. Die wirtschaftliche Aufholjagd des größten Volkes der Welt geht einher mit einer Ausdehnung des Energieverbrauchs, der in der Geschichte der Menschheit ohne Beispiel ist. Allein in den ersten sechs Jahren des neuen Jahrtausends stieg Chinas Energiekonsum um gut eine Milliarde Tonnen Steinkohleeinheiten (SKE) pro Jahr, zwei Mal so viel wie ganz Deutschland verbraucht. Im vergangenen Jahr gingen im asiatischen Riesenreich neue Kraftwerke mit einer Kapazität von 105 000 Megawatt ans Netz, etwa so viel wie Deutschlands Stromversorger insgesamt betreiben. In der gleichen Größenordnung ist weiterer Zubau auch für das laufende Jahr vorgesehen. Und drei Viertel der neuen Stromfabriken werden mit Steinkohle befeuert.

Kohle! Das Wort steht für Chinas größten Reichtum und schlimmsten Fluch. Nach Russland und den USA verfügt das Land über die größten Vorräte weltweit. Sie stellen die mit Abstand billigste Energiequelle. Sechs Millionen Chinesen in rund 24 000 Bergwerken förderten vergangenes Jahr über zwei Milliarden Tonnen und damit 45 Prozent der gesamten weltweiten Produktion. Die Schwefelabgase aus alten Kraftwerken und zig Millionen Öfen sind darum die Geißel des Landes. 16 der 20 Städte mit der weltweit höchsten Luftverschmutzung liegen in China. Gut eine halbe Million Chinesen sterben jährlich an den Folgen. 30 Prozent der Landfläche sind von saurem Regen bedroht.

Wie es wirkt, wenn ein Milliardenvolk sich die Welt des elektrisch getriebenen Komforts erschließt und Kraftwerkskohle billig verfügbar ist, demonstriert etwa die staatliche „Huainan Coal Company“ in der Stadt gleichen Namens in der Provinz Anhui. Die Region 600 Kilometer südwestlich von Schanghai zählt zu den ärmsten des Landes. Die meisten Häuser sind marode, viele Straßen schlecht befestigt. Doch mittendrin wachsen nun teure Glaspaläste, sechsspurige Autobahnen und modernste Hotelanlagen. Dazwischen zeigt ein endloser Treck von schwarz verstaubten Schiffen, LKWs und bis zu 200 Waggons langen Güterzügen die Zukunft an: König Kohle verheißt Reichtum für alle.

„China droht die ökologische Apokalypse“

Angefeuert durch milliardenschwere, fast zinslose Kredite der staatlichen Banken macht das Unternehmen aus brüchigen Uralt-Minen die modernsten Bergwerke der Welt. Das jüngste wurde in nur 35 Monaten Bauzeit errichtet und seine Schächte stoßen bis zu 1000 Meter in die Tiefe vor. Weitgehend automatisiert, überwacht aus einer mit 32 Monitoren ausgestatteten Leitzentrale, schaffen Förderbänder und Seilzüge einen endlosen Strom des schwarzen Goldes an die Oberfläche. Jeder Förderturm bringt alle 110 Sekunden 64 Tonnen nach oben – ein Bergwerk, „wie es niemand sonst auf der Welt baut“ sagt bewundernd der deutsche Bergbauexperte Bodo Goerlich, der die Ruhrkohle AG in China vertritt.

Binnen fünf Jahren soll so die Förderung von 40 Millionen auf 80 Millionen Tonnen steigen – und ungeheure Gewinne einbringen. Der Verkaufspreis liegt bis zu 50 Prozent über den Förderkosten. Die Hälfte der Produktion wird alsbald als Strom aus einem Dutzend neuer Kraftwerke nach Schanghai verkauft. Auf den zugehörigen Baustellen treibt die wilde Entschlossenheit, aus eigener Kraft der Armut zu entkommen, Arbeiter und Ingenieure zu Höchstleistungen an. Der Projektleiter für einen 800-Megawatt-Block versichert allen Ernstes, er werde nur 18 Monate Bauzeit benötigen. Den Unglauben des Reporters quittiert er mit einem knappen „mehr Leute, mehr Ausrüstung und sieben Mal 24 Stunden Arbeitszeit pro Woche, wir schaffen das“.

Spätestens im Jahr 2009 wird China so nach Berechnung der Internationalen Energieagentur die USA als weltgrößter Emittent des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) überholen und ein Ende des Booms ist nicht absehbar. Immer lauter werden daher die Klagen aus den Staaten der Wohlstandszone, dass die weltgrößte Nation die Menschheit in den Klima-Kollaps führe. „In China entwickelt sich die ökologische Apokalypse“, warnt etwa Jonathon Porrit, Leiter der britischen Kommission für nachhaltige Entwicklung.

Zugleich liefert die wachsende Abgasfahne aus Fernost den Regierungen der USA und ihrer Verbündeten die zentrale Entschuldigung für ihre Weigerung, sich zur Minderung der eigenen Emissionen zu verpflichten. Schließlich würden die Chinesen „gar nichts tun“, beklagte kürzlich erst wieder Australiens Außenminister Alexander Downer im Tagesspiegel-Interview. Genauso argumentieren auch die Verweigerer hierzulande. Die von der EU-Kommission betriebene Kürzung der Emissionslizenzen für CO2 würde nur die „energieintensive Industrie in Europa erdrosseln“, klagt etwa Dieter Ameling, Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl. Für den Klimaschutz sei es dagegen „völlig bedeutungslos“, ob in Deutschland 30 Millionen Tonnen CO2 im Jahr mehr oder weniger emittiert werde. Schließlich mache Chinas Zuwachs das schon binnen eines Jahres wieder wett, meint der Cheflobbyist der Stahlindustrie.

Doch der anklagende Ton gegen die vermeintlichen Öko-Ignoranten in Fernost verstellt den Blick auf die tatsächlichen Zusammenhänge. Nicht nur, dass Chinas neue Kapitalisten lediglich nachholen, was Europäer und Amerikaner schon seit 200 Jahren betreiben. Auch verbraucht ein US-Bürger im Durchschnitt noch immer acht Mal mehr Energie als ein Chinese, selbst der deutsche Pro-Kopf-Verbrauch liegt um das Vierfache höher als in China. Vor allem aber ignorieren die neuen Warner vor der gelben Gefahr eine zentrale Tatsache: Chinas Aufstieg erfolgt im direkten Auftrag und zum Nutzen der Konzerne des Westens und ihrer Kunden. Mehr als 70 Milliarden Dollar haben ausländische Unternehmen allein im vergangenen Jahr in China investiert. Schon 34 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung beruhen auf der Exportproduktion. Mindestens ein Drittel des enormen Verbrauchszuwachses an Strom und Treibstoff diene darum letztlich der Herstellung von Waren für die Märkte in Übersee, schätzt Jianping Zhao, Energie-Experte der Weltbank in Peking.

Schon deshalb sei das China-Argument als Begründung für das eigene Nicht-Handeln „kompletter Unsinn“, ärgert sich der britische Diplomat und China-Kenner John Ashton, den Premier Tony Blair zum Sonderbotschafter für Klimafragen berief. Klimaschutz müsse genauso global vernetzt konzipiert werden wie auch die Weltwirtschaft operiere. „Was wir tun, hat immer auch Folgen für Chinas Industrie und umgekehrt“, erklärt Ashton. Europäische Anlagen seien Vorbild für China, chinesische Produkte verändern die europäische Energiebilanz. Die wichtigste Zukunftsfrage sei daher, wie Europa Chinas Regierung beim Aufbau einer klimaschonenden Produktionsweise unterstützen könne, sagt Ashton. „Billige Bausätze für Energiesparhäuser, effiziente Küchengeräte, sparsame Leichtbauautos und Kraftwerke, deren CO2-Abgas abgefangen und gelagert werden kann, das ist es, was die Welt aus China braucht“, meint Ashton, „da müssen wir investieren“.

„Wir halten euch den Spiegel vor“

Yang Ailun, die 27-jährige Leiterin des Klima-Teams der Greenpeace-Filiale in Peking sieht das genauso. „Ach ja, die Europäer kriegen jetzt die Panik. Dabei halten wir euch doch nur den Spiegel vor, und ihr seht plötzlich, dass Eure Lebensweise nicht nachhaltig ist“, kommentiert sie die anschwellende China-Angst im Westen. Der Vorteil sei, dass jetzt niemand mehr daran zweifle, wie unausweichlich der ökologische Umbau der Industriegesellschaften sei. Vielleicht könne China dabei sogar die Führung übernehmen, hofft die junge Frau, die in London studiert hat und in beiden Welten zu Hause ist. Man müsse doch nur sehen, welchen Weg ihr Land in den vergangenen 30 Jahren zurückgelegt habe. „Wenn meine Generation hier die Macht übernimmt, kann wieder alles ganz anders sein“, beschreibt die Aktivistin ihre Variante des chinesischen Traums.

Das klingt idealistisch, fast naiv. Doch die Chancen stehen weit besser, als es scheint. Denn kaum bemerkt von der Weltöffentlichkeit hat auch in Chinas Führungsklasse ein hartes Ringen um die richtige Energiepolitik eingesetzt. Den Auftakt dazu setzte kein geringerer als Wen Jintao, der Ministerpräsident selbst. Bei der Verabschiedung des Fünf-Jahres-Plans für die Jahre 2006 bis 2010 im Staatsrat sorgte er nach Auskunft seiner Berater persönlich für einen erstaunlich mutigen Beschluss: Binnen fünf Jahren, so will es der Führungszirkel von Chinas Staatspartei, soll der Energieeinsatz gemessen an der Wirtschaftsleistung um volle 20 Prozent sinken – ein Effizienzziel, das anspruchsvoller ist als alles, was sich Europas Regierungen bisher vorgenommen haben.

Anschließend legte die Nationale Entwicklungs- und Reformkommission (NDRC), Pekings Wirtschaftsleitstelle und eine Art Überministerium, einen umfassenden Plan für zehn Schlüsselsektoren von der Stahlindustrie bis zur Gebäudesanierung auf. Gelingt ihnen das angekündigte Programm, dann werden in den nächsten Jahren

mehr als 6000 veraltete Kleinkraftwerke stillgelegt;

effiziente Haushaltsgeräte systematisch begünstigt und die Produkt-Vorschriften dem jeweils besten Angebot angepasst;

landesweit Energieberatungsunternehmen gegründet, die bei Industriekunden in Effizienztechnik investieren und ihr Geld mit den eingesparten Energiekosten verdienen;

die Standards für die Wärmedämmung von Gebäuden auf europäisches Niveau angehoben;

die Altbaubestände mit milliardenschweren Subventionen energetisch saniert;

und die Verbrauchsgrenzen für Autos so verschärft, dass schon vom nächsten Jahr amerikanische Spritschlucker und Deutschlands Großlimousinen in China nicht mehr verkäuflich sind.

Zeitgleich plant Peking im großen Stil den Ausbau CO2-freier Energiequellen. Weltweite Beachtung findet dabei Chinas Atomkraftprogramm. Jüngst orderte die Regierung vier neue Reaktoren bei der japanisch-amerikanischen Firma Toshiba-Westinghouse. Frankreichs Hersteller Areva verhandelt derzeit den Auftrag für zwei weitere Meiler. Doch Fachleute beurteilen die rund 12 Milliarden Dollar teuren Investitionen lediglich als Sicherung einer technischen Option. Ihr Anteil an der Energieversorgung wird auf absehbare Zeit kaum über zwei Prozent hinauskommen.

Da ist das Land bei den erneuerbaren Energien viel weiter. Schon heute ist China weltweit führend bei Warmwassergewinnung aus Solarwärme. Bis 2020 sollen zudem Windkraftanlagen mit einer Kapazität von 40 000 Megawatt doppelt so viel Strom liefern wie bisher im Windkraftland Deutschland. Alle großen Hersteller errichten Fertigungsstätten vor Ort. Vor allem aber sollen ein Dutzend riesiger Staudämme am Yangtse-Fluss sowie zig tausend kleiner Wasserräder den Anteil der Wasserkraft zu Lasten der Kohleverstromung steigern. Binnen 13 Jahren wollen Pekings Energiestrategen den Anteil der erneuerbaren Energien an der Stromerzeugung auf 40 Prozent verdoppeln. Zum Vergleich: Deutschland erzeugt bisher erst zwölf Prozent des Stromverbrauchs aus sauberen Quellen.

Dürre und Stürme kosten Milliarden

Die ambitionierten Vorhaben hatten bis vor kurzem wenig damit zu tun, dass Chinas Regierung die globale Erwärmung fürchtet. Ziel war in erster Linie die Bekämpfung der Luftverschmutzung und die Senkung der Importe von Öl und Gas. Offiziell weisen Pekings Machthaber bis heute auch jede Verpflichtung zurück, gegen den wachsenden Abgasstrom vorzugehen. „Der Klimawandel wird durch die langen historischen Emissionen der entwickelten Länder verursacht, sie tragen unausweichlich die Verantwortung“, erklärte noch Anfang Februar eine Sprecherin des Außenministeriums.

Doch auch an dieser Front dreht sich der Wind. Vergangenen Dezember forderten 25 führende Umweltwissenschaftler per Brief an den Staatsrat einen Kurswechsel, erzählt einer der Beteiligten. Seitdem gibt es monatliche Tagungen zum Thema auf höchster Ebene und neuerdings berichten Chinas Medien fast täglich über die drohende Gefahr. Alles andere wäre auch gar nicht durchzuhalten. Schon jetzt fordert die Erwärmung hohen Tribut. Allein in 2006 verzeichnete China durch gewaltige Taifune und extreme Dürren volkswirtschaftliche Schäden in Höhe von 240 Milliarden Dollar. Die bittere Ironie ist zudem, dass vermutlich gerade China durch den Klimawandel besonders verwundbar ist, weil die Wasserversorgung des ganzen nördlichen Landesteils gefährdet ist. Der laufende Winter ist wieder extrem warm und trocken. Im Januar, eigentlich die Zeit von hartem Frost in Peking, ließ sich in diesem Jahr zur Mittagszeit gut ein Sonnenbad im Freien nehmen. Für den kommenden Sommer werden wegen der Trockenheit erneut verheerende Sandstürme erwartet. Es sei daher wohl nur eine Frage der Zeit, bis China seine Mitverantwortung anerkenne und seine Anstrengungen als eigene Klimaschutzleistung in die Verhandlungen über einen globalen Klimapakt einbringe, erwartet ein hochrangiger Regierungsberater.

Doch so groß der politische Druck in Peking ist, so hartnäckig ist auch der Widerstand gegen den nötigen Umbau. Dabei ähneln die Konflikte auf verblüffende Weise jenen in den Wohlstandsnationen. Auch für die vermeintlich allgewaltigen Pekinger Parteidiktatoren ist das Regieren im Kapitalismus eine komplizierte Angelegenheit geworden. Die ungeheure wirtschaftliche Dynamik wurde vor allem dadurch möglich, dass die Zentralregierung die meisten wirtschaftlichen Entscheidungen – und einen großen Teil der Steuereinnahmen – an die Provinzregierungen und Kommunen delegiert hat.

In der Folge verwandelt sich die einstige Einheitspartei jedoch zusehends in einen lockeren Verbund konkurrierender Wirtschaftseinheiten. „Je weiter der Kaiser, desto höher der Himmel“, mit diesem alten Sprichwort beschreibt ein Provinzbeamter, der lieber nicht genannt sein will, sein eher lässiges Verhältnis zu Anweisungen aus Peking.

Gleichzeitig sind es die Regierungen der 22 Provinzen, die mit den extremen sozialen Spannungen fertig werden müssen, welche die chinesische Gesellschaft zu zerreißen drohen. Nach wie vor leben 800 Millionen Chinesen auf dem Land in zumeist bitterer Armut und müssen dort mit winzigen Parzellen wirtschaften und in einfachen Ziegelhäuschen wohnen. Jahr für Jahr strömen darum bis zu 13 Millionen Menschen auf der Suche nach Arbeit in die Städte, dorthin, wo schon an die 150 Millionen Chinesen zu Mitgliedern der globalen Verbraucherklasse aufgerückt sind. „Die kollektive Hoffnung auf den Aufstieg ist darum unersetzlich für den sozialen Zusammenhalt des Landes“, meint der China-Experte Georg Blume, der seit zehn Jahren für die „Zeit“ und die „taz“ aus dem Reich der Mitte berichtet.

In der Folge haben die Provinzfürsten wenig Interesse an allen Vorhaben, die auch nur im Verdacht stehen, die wirtschaftliche Expansion zu bremsen. Das dokumentiert etwa das stadteigene Schanghaier Energiespar-Zentrum. Dort erfährt der Besucher alles über sparsame Elektromotoren und die Möglichkeiten von „Effizienzkraftwerken“. Über Investitionen in moderne Technik wäre der Schanghaier Stromhunger leicht um ein Viertel zu dämpfen. Doch das Zentrum fristet nur ein Schattendasein in einem schäbigen Bürobau in einer kleinen Seitenstraße und beschäftigt gerade mal 40 Mitarbeiter für die gesamte Region. Ihre Arbeit verläuft nicht eben erfolgreich. Denn die Kehrseite des Booms ist das hartnäckige Kurzfristdenken der Manager. „Viele wissen nicht, ob sie nächstes Jahr noch am Markt sind“, berichtet eine Energieberaterin.

Noch schlimmer läuft es bei Chinas zahlreichen Immobilien-Konzernen. Die seit drei Jahren geltenden neuen Gebäudestandards wurden im Rausch des Baubooms zunächst einfach ignoriert. Eine Kontrolle fand nicht statt. So wurde es möglich, dass selbst die neuesten Wolkenkratzer keine zentralen Heiz- und Kühlsysteme haben und Millionen einzelner Klimaanlagen an den Fassaden hängen, die noch dazu im Winter zum Heizen genutzt werden – Energieverschwendung pur.

Insgesamt entsprachen nicht mal zehn Prozent der Neubauten im Jahr 2005 den amtlichen Energie-Auflagen, ergab eine Untersuchung des Bauministeriums. „Die Menschen brauchen Wohnungen, und sie können nicht viel bezahlen, darum wird so billig wie möglich gebaut. Die Leute denken nicht an die Energiekosten der nächsten zehn Jahre, sondern an den Kaufpreis von heute,“ erklärt Pan Yiahua, einer von Chinas führenden Klimaexperten, das Phänomen.

Darum wurde der Effizienzplan zunächst ein glatter Fehlschlag. Anstatt wie vorgesehen um vier Prozent zu sinken, wuchs der Energieverbrauch im ersten Halbjahr 2006 sogar noch schneller als die Wirtschaft. Aber die Zentralregierung versuchte keineswegs, die Lage zu beschönigen. Im Gegenteil: Die staatlich gelenkte Presse berichtete ausführlich. „Das Verfehlen des Ziels wird als nationales Versagen empfunden“, erfuhr der deutsche Energiefachmann Jörg Moczadlo bei seinen Gesprächen mit Regierungskadern. Moczadlo, der im Auftrag der bundeseigenen Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ) Chinas Stromkonzerne bei der Kraftwerkserneuerung berät, erwartet daher radikale Veränderungen, „die Stimmung kippt“. Das bestätigt auch Regierungsberater Pan Yiauha: „Unternehmen, die das Energieproblem ignorieren, laufen Gefahr, die politische Unterstützung zu verlieren.“ Und ohne die, versichert Pan, „kann niemand in China Geschäfte machen“.

Die Parteiführung spielt ihre Trumpfkarte

Wie der Energiekonflikt intern ausgetragen wird, darüber sprechen Pekings Regenten nicht mit der Presse. Aber alle regierungsnahen Experten berichten, dass die Parteiführung begonnen hat, ihre wichtigste Trumpfkarte auszuspielen: Die Macht über die Karrieren der Kader. Jahr für Jahr müssen sich alle Funktionäre einer Beurteilung ihrer Erfolge unterwerfen. Wer durchfällt, kann nicht aufsteigen. Und wo bislang vor allem Wachstum und Beschäftigung zählten, soll nun die Energieeffizienz als weiteres Erfolgskriterium gelten.

Um jeden Zweifel auszuräumen, sprach Präsident und Parteichef Hu Jintao anlässlich der Dezember-Sitzung des Politbüros wie ein überzeugter Umweltkämpfer. „Partei und Gesellschaft müssen begreifen, wie dringend die Steigerung der Energieeffizienz ist“, ließ er über die amtliche Nachrichtenagentur verbreiten. Dabei gehe es „um das Überleben und die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft.“ Auf dem Spiel stehe nicht weniger als „das Schicksal der Nation und künftiger Generationen“. Prompt verkünden seitdem Provinzregierungen und Minister einen Energiesparplan nach dem anderen. So erhielten auf Druck von Peking jüngst die 1000 Betriebe mit dem höchsten Energieverbrauch von ihren regionalen Behörden die ultimative Aufforderung, binnen Jahresfrist ein Energiesparprogramm aufzulegen.

Einer, der die Zeichen erkannt hat, ist Su Chunscheng, der Leiter des Bauamtes von Tangschan, einer Drei-Millionen-Stadt rund 180 Kilometer östlich von Peking. Su ist an die 50 Jahre alt und tritt auf wie ein braver Beamter, der „nur seine Arbeit gemacht hat“, wie er bescheiden sagt. Doch ihm und seinen Kollegen ist ein Unternehmen gelungen, das für den Klimaschutz vermutlich wichtiger ist, als alle deutschen Energiesparprogramme zusammen. Seit neuestem genießt das Projekt landesweiten Ruhm, Delegationen aus allen Provinzen reisen zur Besichtigung an, und Su geht demnächst auf Vortragsreise.

Dabei geht es nur um drei unscheinbare Wohngebäude. Aber für Su und seinen Bürgermeister waren sie die große Chance, als das Bauministerium im Jahr 2005 ein Modellprojekt zur Energie-Sanierung von alten Plattenbauten suchte, wie sie zu Millionen in ganz China stehen. Davon hat auch Tangschan mehr als genug. Vor 31 Jahren zerstörte ein Erdbeben fast die ganze Stadt. Der Wiederaufbau erfolgte im Schnelldurchgang und hinterließ tausende von Wohnbauten, durch deren dünne Wände und Einfachfenster im eisigen Winter zwei Drittel der Wärme aus den zugehörigen Heizwerken verloren gehen. In vielen Wohnungen sinkt die Temperatur bei Frost trotz Fernwärmeanschluss unter zehn Grad.

Gemeinsam mit Beratern der deutschen GTZ konzipierte Su die Sanierung von drei dieser Gebäude und bekam im November 2005 den Zuschlag. Ab März begann die Ausführungsplanung, im Juli wurde genehmigt, und schon im November waren 135 Wohnungen fertig gestellt. „Das ist China“, schwärmt der deutsche Energieexperte Paul Suding, der das Projekt für die GTZ an Land zog. „Wenn sie einmal entschlossen sind, dann geht alles ganz schnell.“ Dank Dämmplatten, Doppelglasfenstern und Thermostaten haben es die Bewohner jetzt nicht nur behaglich warm, sondern benötigen auch zwei Drittel weniger Heizenergie. Der Erfolg ist so durchschlagend, dass die Bürger nun zu tausenden die Behörden bedrängen, auch ihre Häuser zu sanieren. 3000 Wohnungen sind für dieses Jahr schon zum Umbau vorgesehen, alle 22 Großstädte der Provinz haben ähnliche Programme aufgelegt. Zugleich kündigte das Bauministerium an, bis 2020 landesweit 1,5 Billionen Yuan für die Altbausanierung zur Verfügung zu stellen, nach Kaufkraft umgerechnet etwa 600 Milliarden Euro. Und Tangschan wird als Modell dienen, darauf sei er „schon ein wenig stolz“, bekennt Baubeamter Su.

Das Gebäudeprogramm ist nur eins von vielen, bei denen Chinas Energiestrategen konsequent auf Unterstützung aus dem Ausland bauen. Offenbar hat die schiere Größe des China-Problems von Washington über Brüssel bis Tokio einen Geist transnationaler Kooperation in ganz neuer Qualität geschaffen. So betreiben alle großen EU-Staaten und Japan ähnliche Projekte wie die deutsche GTZ. Und sowohl die EU-Kommission als auch die US-Regierung planen in China die Finanzierung eines neuen Typs von Kohlekraftwerk, bei dem Kohlendioxid in Reinform abgefangen werden kann, um es in alte Öl- und Gasfelder unter dem Meer zu verpressen. Diese sogenannten CCS-Technik (Carbon Capture and Storage) ist zwar wegen der Kosten und Risiken weltweit umstritten. Aber für China sei es „vielleicht der einzige Weg“, die Emission von Treibhausgas zu mindern, meint der britische Sonderbotschafter Ashton, der das Projekt mit der Regierung in Peking verhandelt hat.

Zum Treibsatz für Chinas Sprung in die Energiemoderne hat sich zudem der Klimapakt von Kioto entwickelt. Darin ist vorgesehen, dass Unternehmen und Regierungen Emissionen auch durch Investitionen in Entwicklungsstaaten einsparen dürfen. Weil dies in China mit weit weniger Aufwand zu erreichen ist als in Europa und Japan, sind bereits 1500 Vorhaben angemeldet, die von der Biogasgewinnung aus Mülldeponien bis zur Modernisierung ganzer Stahlwerke reichen. So werde China zum „Energielabor der Welt“, beobachtete Yang Fuqiang, Vizepräsident der amerikanischen „Energy Foundation“, die Chinas Energiebehörden berät. Peking mache „jetzt Ernst mit dem Klimaschutz“, versichert Yang, der ehedem selbst Mitarbeiter der Planungsbehörde NDRC war und darum gut vernetzt ist. Binnen zehn Jahren könne das Land so energietechnisch zu den führenden Industriestaaten aufschließen.

Aber wird das reichen? Kann China damit Wohlstand erreichen, ohne das globale Klima zu ruinieren?

Darüber hat kaum jemand mehr nachgedacht als der Ökonom Zhou Dadi, der die vergangenen zwölf Jahre das energiewissenschaftliche Institut des NDRC-Superministeriums geleitet hat. Nicht zuletzt sein Rat war es, der Chinas Staatsführer alarmierte. Aber Wunder mag auch Zhou nicht versprechen. Selbst im besten Fall, wenn alle Pläne aufgehen, werde Chinas Kohleverbrauch bis zum Jahr 2020 noch einmal um mindestens 50 Prozent zunehmen und mit ihm der Ausstoß von Treibhausgasen, erwartet Zhou.

Nur eine mögliche Alternative gebe es, meint der freundliche Professor mit der großen Brille, dann greift er zum Stift und zeichnet eine Grafik aufs Papier, die den Verlauf des Brennstoffverbrauchs pro Kopf über die kommenden Jahrzehnte abbildet. „Da unten stehen wir jetzt“, sagt er und zeigt auf den Wert 1,4 Tonnen Öleinheiten pro Kopf. „Und da“, der Stift wandert nach oben auf einen viermal höheren Wert, „da stehen die reichen Industrieländer“. Anschließend zieht er zwei Kurven. Die erste, die chinesische steigt stetig an. „Aber was passiert da bei Ihnen? Könnte der Verbrauch bei Ihnen in 20 Jahren auf die Hälfte sinken?“ fragt er und zeichnet die zugehörige abfallende Kurve. Wenn das gelinge, „dann könnten wir es mit den gleichen Methoden vielleicht schaffen, noch besser zu sein“, sagt Zhou und verlängert nun die chinesische Kurve mit einem Knick nach unten, noch bevor sie die andere kreuzt. „Glauben Sie mir, unsere Regierung nimmt die Gefahr des Klimawandels sehr ernst, aber was uns fehlt, ist das Modell. Wachstum ohne mehr Verbrauch von Kohle und Öl, wie soll das gehen?“

Die Antwort, da lässt Pekings führender Energieplaner keinen Zweifel, werden die gleichen Nationen geben müssen, die der Welt auch das falsche Modell beschert haben.

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