Zeitung Heute : „Treibstoff für Berlin“

Staatssekretär Volkmar Strauch über die Bedeutung von E-Learning für Arbeitsmarkt und Wirtschaftsstandort

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Die Erwartungen an ELearning sind hoch. Eine Auswertung der Besucherregistrierungen zur virtuellen „eLearning-expo“ hat ergeben: Jeder dritte Betrieb hat konkrete Pläne, die Aus- und Weiterbildung durch E-Learning zu optimieren und damit auch Kosten zu sparen. Staatssekretär Volkmar Strauch erkennt in der neuen Lernform eine zusätzliche Chance für den Wirtschaftsstandort Berlin. Für die Fachmesse „elearning – Innovation für Wirtschaft, Arbeit und Qualifizierung“ hat der Senat knapp 20 000 Euro zur Verfügung gestellt.

Herr Strauch, der Senat engagiert sich für das Thema E-Learning. Sie haben am vergangenen Donnerstag einen Fachkongress dazu veranstaltet. Woher kommt auf einmal das öffentliche Interesse für das Lernen mittels elektronischer Medien?

Darauf würde ich gerne mit einem Bild antworten. Erstens kann man heute nicht mehr einfach den Wagen ein einziges Mal voll tanken und damit bis zum Ziel kommen. Man muss immer wieder nachtanken, sprich lebenslang lernen. Zweitens geht es darum, dass wir unterschiedliche Treibstoffe benötigen, um ans Ziel zu gelangen und dazu gehört eben auch das E-Learning. Und drittens muss man Wissen an vielen unterschiedlichen Tank-Stellen abrufen können.

Aber Herr Staatssekretär, das ist nun wirklich nichts Neues.

Das stimmt. Aber wir wollen die neuen Möglichkeiten populärer machen, weil sie noch nicht verbreitet genug sind. Wir wollen die Chancen dieses Mediums stärker ins öffentliche Bewusstsein rücken. Zum einen für die Qualifizierung der Menschen in Berlin, zum anderen im Sinne eines Standortmarketings für die Stadt. Hier gibt es besonders viele Tankstellen, viele unterschiedliche Treibstoffe und natürlich auch unterschiedliche Motorentypen.

Jetzt mal bitte ohne Bild: Was qualifiziert Berlin als Standort für E-Learning-Dienstleister?

Ein guter Standort braucht erstens die Technologie und zweitens die Inhalte. In beidem ist Berlin Spitzenreiter. Wir haben eine Konzentration der Unternehmen der IuK-Branche und damit nicht wenige interessante Inhalte-Anbieter: Die Hoch- und Fachhochschulen zum Beispiel und die kommerziellen Anbieter. Darüber hinaus ist Berlin als Pilotmarkt interessant. 99 Prozent der Berliner Unternehmen haben mittlerweile einen Internet-Zugang, 94 Prozent eine eigene Website. 52 Prozent der Berliner Haushalte haben mindestens einen PC, 49 Prozent einen Internetzugang.

Beschleunigt das Berlins endgültigen Abschied vom Industriestandort?

Es ist ja nicht so, dass wir hier keine Industriearbeitsplätze mehr haben . . .

. . . die Zahl ist aber dramatisch gesunken.

Ja gut, das stimmt, von rund 400 000 auf heute 168 000 Arbeitsplätze. Das ist immer noch beträchtlich. Daneben jedoch wächst die IuK-Branche. Das ist eine sehr wichtige Branche für die Stadt, weil sie auch wieder Jobs für Dritte nach sich zieht.

Welches Arbeitsplatzpotenzial steckt denn in der Branche?

Das ist schwer zu beziffern. Aber es ist auf jeden Fall eine der ganz großen Wachstumsbranchen. Das Learning on demand, also, dass man lernen kann wann, wo, wie viel und wie schnell man will, das ist eine große Dienstleistungs-Chance.

Und wie groß ist der Markt in Berlin?

Der Markt ist in der Entwicklung. Er ist noch nicht riesig groß und vom potenziellen Volumen her ist er noch weitgehend unerschlossen. Aber deutschlandweit gehen Experten von einer Wachstumsrate von 50 Prozent bis 2005 aus. Diese Zahlen halten wir auch in Berlin mit seiner ausgezeichneten Infrastruktur auf diesem Gebiet für realistisch.

Wie viel Umsatz wird in der Branche in Berlin gemacht?

Schätzungen belaufen sich auf zwei Milliarden Euro im Jahr 2005 in Deutschland. Für Berlin gibt es keine eigenen Daten.

Was können denn Investoren von der Stadt Berlin erwarten, wenn sie damit liebäugeln, sich hier anzusiedeln?

Ideelle Unterstützung und Zugang zu unserem Netzwerk. Außerdem: Investoren können von der Infrastruktur Berlins profitieren. Wir sind gern bereit, Kontakte herzustellen. Das ist ein Teil von ,Projekt Zukunft‘, einer Initiative unserer Senatsverwaltung, die es seit fünf Jahren gibt. Wir haben in unserem Netzwerk über 600 Teilnehmer: Unternehmen, Lehr- und Forschungseinrichtungen, Projekte. Berlin gehört zu den führenden Medienstandorten in Deutschland. In der Hochschulausbildung bietet Berlin an vier Universitäten, zwei Kunsthochschulen, drei Fachhochschulen und der Berufsakademie 35 medien- und kommunikationsbezogene Studiengänge an. 13 600 Studenten waren dort im Winterse mester 2000 / 2001 immatrikuliert, das entspricht einem Anstieg von acht Prozent mehr als im Vorjahr. Jeder zweite Student belegte ein informatikbezogenes Fach. Daneben gibt es über 130 private Bildungsträger in diesem Bereich. Rund 10 000 Betriebe der Medien- und Kommunikationswirtschaft beschäftigen hier rund 115 000 Mitarbeiter und machen einen Jahresumsatz von elf Milliarden Euro.

Ist Berlin damit wettbewerbsfähig gegenüber wirtschaftlich stärkeren Standorten?

Da möchte ich doch gern noch einmal mit einer Metapher antworten. Es gibt arme, aber sehr schöne Mädchen. Berlin hat andere Reize als lediglich finanzielle Förderung.

Was ist denn das Schöne an Berlin?

Dass Berlin eine hohe Anziehungskraft auf junge, kreative und vor allem qualifizierte und qualifizierungsbereite Menschen ausübt. Das sind die Menschen, die wir hier brauchen. Wenn die sich hier wohl fühlen, wird sich vieles von allein regeln. Künftig wird genau diese Klientel auf dem Arbeitsmarkt knapp. Dann ziehen die Arbeitsplätze den Qualifikationsinhabern hinterher. Deshalb müssen wir in Qualifikation investieren.

Doch gerade die jungen, gut ausgebildeten Menschen werden schon bald knapp werden.

Das wird ein großes Problem, auf das wir uns vorbereiten müssen. Im Jahr 2007 wird der Azubi-Markt kippen. Dann werden wir mehr Ausbildungsstellen haben als Ausbildungssuchende. In Dänemark zum Beispiel ist das schon jetzt der Fall. Da gibt es bereits den Wettbewerb um den Nachwuchs.

Wird in der Verwaltung E-Learning genutzt?

Ja. Zum Beispiel bietet die Verwaltungsakademie computergestützte Fortbildungen an. Dort gibt es auch ein IuK-Zentrum mit Selbstlernplätzen, wo am PC Lern-CD-Roms genutzt werden können – vom Powerpoint-Lehrgang bis zum Sprachkurs. Aber ich wünschte mir, dass E-Learning auch in der Verwaltung noch viel stärker für Fortbildung genutzt wird.

Nutzen Sie selbst E-Learning-Angebote?

Ich habe einige Lern-CD-Roms zu Hause. Darüber hinaus unterrichte ich an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft und bekomme dort zum Teil Arbeiten, die als Quellenverzeichnis ausschließlich Internet-Adressen haben. In jedem Vorlesungssaal gibt es einen Videobeamer für die Powerpoint-Präsentationen. Das ist mittlerweile selbstverständlich. Junge Leute gehen damit ganz unbefangen um.

Und Sie?

Schon ganz gut. Eine eigene Internet-Seite habe ich zwar noch nicht. Aber als ich mir privat einen neuen Computer gekauft habe, habe ich gemeinsam mit meiner Frau einen Computerkurs am Wochenende belegt. Da haben wir die Basics gelernt. Daran sieht man übrigens, dass der Umgang mit neuer Technik nicht vom Alter abhängt, wir sind beide weit über Fünfzig.

Das Gespräch führten Regina-C. Henkel und Roland Koch.

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