Zeitung Heute : Treitschke soll weg

Der Tagesspiegel

Steglitz-Zehlendorf. „Ob er ein Antisemit war oder nicht: Mir ist es wurscht, wie die Straße heißt. Hauptsache, ich habe meine Wohnung.“ Die Anwohnerin der Treitschkestraße in Steglitz steht mit ihrer Meinung zur Umbenennung der Straße nicht alleine da. Vielen erscheint es unnötig, die Straße umzubenennen. Doch SPD und Grüne haben in der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) den Antrag gestellt, den Namen Treitschke vom Straßenschild verschwinden zu lassen.

Den Historiker und Reichstagsabgeordneten Heinrich von Treitschke (1834-1896) machten zahlreiche antisemitische Äußerungen und der Satz „Die Juden sind unser Unglück“ bekannt. Bereits im Juni vergangenen Jahres hatte die BVV einstimmig beschlossen, einen Teil der Straße umzubenennen. Der Teil zwischen Paulsen- und Lepsiusstraße sollte den Namen des Bischofs Kurt Scharf tragen. Der Nazi-Gegner war in der anliegenden Patmosgemeinde als Seelsorger tätig und würde in diesem Jahr 100 Jahre alt. Aber schon dieser Beschluss sei eigentlich „windelweich“ gewesen, so Irmgard Franke-Dressler, Fraktionsvorsitzende der Grünen. „Das ist wie ein bisschen schwanger sein. Seine historische Verantwortung und seine Äußerungen sprechen für eine Umbenennung der gesamten Straße.“ Historiker vermuten, daß Treitschke den Antisemitismus erst salonfähig gemacht habe. Er schrieb 1879, der Antisemitismus sei eine „natürliche Reaction des germanischen Volksgefühls gegen ein fremdes Element, das in unserem Leben einen allzu breiten Raum eingenommen hat“. Doch der Beschluss konnte nicht umgesetzt werden – „eine teilweise Umbenennung von Straßen war im Berliner Straßengesetz nicht vorgesehen“, erklärt der stellvertretende Bürgermeister und Baustadtrat von Steglitz-Zehlendorf, Uwe Stäglin.

Mitte Januar diesen Jahres griffen SPD und Grüne das Thema wieder auf. Der Beschluß vom vergangenen Jahr sollte bestätigt werden. Durch die neue Fassung des Berliner Straßengesetzes vom 2. November des vergangenen Jahres könnte nun auch die gesamte Straße einen neuen Namen erhalten. „Natürlich wäre es uns lieber, wenn der Name Treitschke ganz aus dem Straßenbild verschwinden würde“, sagte der SPD-Fraktionsvorsitzende Klaus Kugler. Doch er signalisierte auch Kompromissbereitschaft. „Wir würden aber auch einer teilweisen Umbenennung zustimmen.“ Die CDU steht der gesamten Umbenennung noch unentschlossen gegenüber. Kathrin Klette

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