Zeitung Heute : Trend von der Milia: Interaktives Online-Spiele-Fernsehen

Henry Steinhau

Die Zeiten des langweiligen Internet sind vorbei. Aus Sicht von John Riccitiello bieten Online-Spiele schon heute richtiges Entertainment für breite Zielgruppen. "In den USA verbrachten die Web-Nutzer vergangenes Jahr neun Mal so viel Zeit mit Online-Spielen wie noch ein Jahr zuvor", erklärte der Chef von Electronic Arts (EA), dem weltweit größten Produzenten von Computer-Spielen, während der fünftägigen Multimedia-Messe Milia, die am Dienstag in Cannes zu Ende ging und rund 7000 Fachbesucher aus über 50 Ländern anlockte.

Online-Spiele - der neue Trend im Internet? Gewinne, sonst eher selten im Internet, bringen Online-Spiele schon ein: Nach 600 000 Verkäufen des CD-Spiels "Ultima" beispielsweise seien die Produktionskosten laut Riccitiello amortisiert. Die derzeit rund 240 000 Abonnenten der Online-Version, die monatlich 10 Dollar bezahlen, sorgen für ordentliche Bilanzen. Die EA-Online-Spiele-Plattform www.ea.com soll im Herbst diesen Jahres in deutscher Sprache starten. Auch Vivendi Universal, der zweitgrößte Medienkonzern der Welt, betreibt Online Gaming und rechnet damit, dass dieser Geschäftszweig "bereits im Sommer diesen Jahres profitabel ist", so Jean-Marie Messier. Der Vivendi-Chef verwies auf sechs Millionen monatliche Besucher, die die im September letzten Jahres gestartete "Trivia-Games"-Plattform Flipside zur fünftbesucherstärksten Entertainment-Webseite in den USA gemacht hätten. Hier brauchen die Nutzer nichts bezahlen sondern können nach Sammeln von Gewinnpunkten Produktgewinne einheimsen.

"Es wird über Abonnement-Gebühren hinaus Mischmodelle für die Einnahmen geben müssen", glaubt Messier. Im von Multimedia-Produzenten in aller Welt stark penetrierten Bereich Lernen, den Vivendi Universal mit der groß angelegten Portal-Seite Education.com bedienen will, die im Frühjahr in deutscher Version ans Netz gehen soll, werde es auch Sponsoring und Werbeplatzverkauf geben. Wer jetzt nur an Banner denkt, den belehrte die Milia eines Besseren. In Online-Spielen werden Werbebotschaften nicht mehr nur als Banner platziert, sondern zunehmend in die Spiele selbst integriert. EA-Chef Riccitiello nannte das "Ingame Advertising ", ähnlich dem "Product Placement" bei Filmen. Mit so genannten "E-Mercials" entwickelt und vermarktet das deutsche Unternehmen K1010 ein Äquivalent zum Fernsehwerbespot: Auf dem Internet-Spielekanal K1010 unterbrechen kurze, mit dem weit verbreiteten Programm "Flash" animierte Werbetrailer, die vertonten Spiel-Runden. Genau jene reduzierten, auch "trivial" genannten Spiele (Solitär und Ähnliches) kommen bei unterschiedlichen Publikumskreisen und Altersklassen immer besser an, und entsprechend viele Beispiele aus England, Frankreich und den USA waren auf der Messe zu sehen. Diese breite Akzeptanz ist Grund genug für K1010-Chef Torsten Rauser, mittelfristig die Ausweitung seines Online-Spiele-Angebots auf den TV-Bildschirm anzugehen: "Wir legen unsere Games von Anfang an darauf aus, dass sie auch über die Bedienungen von Spielekonsolen oder jenen von Set Top Boxen für interaktives Fernsehen benutzt werden können." Kein Wunder, dass sich die auf der Milia anwesenden Betreiber von Satelliten oder interaktivem Fernsehen (iTV) aggressiv als Partner der Inhalteproduzenten andienen. Zumal Vivendi Universal mit der Ankündigung einer auch DVD unterstützenden Set Top Box den Wettbewerb zusätzlich anheizt. Allerdings können bisher nur wenige Anbieter Erfolgsbeweise antreten.

Wie beispielsweise der französische iTV-Anbieter TPS mit seinen rund eine Million Abonnenten. Fehlende Standards machen die Marktentwicklung träge. Als Ausweg betrachten Beteiligte wahlweise die europäische Konsortiums-Norm MHP oder das Standardisierungs-Potenzial der eigenen Lösung - im Falle von TPS die weltweit von rund 30 Millionen Kunden genutzte OpenTV-Technologie, die auf dem Internet-Standard XML basiert. Eine gewisse, technisch bedingte Verunsicherung bleibt der Multimedia-Branche also erhalten. Darüber hinaus gibt es die Sorge mit dem ungebändigten Raubkopieren und Weiterreichen der wertvollen Inhalte, wie es das Prinzip der Tauschbörse Napster vorgemacht hat, welches auf Videos oder eben Spiele überzugreifen droht. Marcus Englert von Kirch New Media forderte daher eine "De-Napster-isierung" der digitalen Distribution.

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