Zeitung Heute : „Trend zum Unternehmer in Teilzeit“ Professor Piorkowsky über Gründermärchen

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Herr Professor Piorkowsky, Sie beweisen in ihren Studien, dass die meisten Gründungen sehr klein sind. Was heißt das?

Mehr als 50 Prozent der Selbstständigen haben keine Beschäftigten, aber häufig mithelfende Familienangehörige. Es gibt auch einen Trend der ,Selbstständigkeit in Teilzeit’. Sie steigt seit Jahren, 2001 waren es schon 21 Prozent. Die TeilzeitUnternehmer haben einen regulären Hauptjob oder kümmern sich um Haushalt und Familie. Die klassische Vorstellung jedoch ist: Ein Mann entschließt sich zur Selbstständigkeit, geht zur Bank und erhält einen Kredit. Nach der Planungsphase eröffnet er sein Geschäft oder seine Fabrik. Tatsächlich aber wollen oder müssen die meisten Menschen da langsam hineinwachsen, wollen testen, ob der Markt tragfähig ist und die Familie mit der Situation klar kommt. Das sind Prozesse, die man früher überhaupt nicht wahrgenommen hat. Es gibt zum Beispiel immer noch die Berater und Banken, die sagen: ,Wenn Sie das nicht als Haupterwerb betreiben, sollten Sie die Finger davon lassen, es lohnt sich nicht!’ Weil sie das klassische Bild vor Augen haben: Der Unternehmer ernährt sich selbst und die Familie. Aber die meisten Haushaltseinkommen sind Mischeinkommen aus mehreren Quellen.

Welche Förderinstrumente gibt es für die Kleingründer?

Seit wenigen Jahren gibt es das Startgeld und das Mikrodarlehen der Kreditanstalt für Wiederaufbau. In beiden ist vorgesehen, dass Gründungen auch gefördert werden, wenn sie zunächst nebenbei beginnen. Aber der Gründer muss belegen, dass eine Vollerwerbstätigkeit angestrebt ist. Niemand weiß jedoch, wie sich Gründungen entwickeln. Manche wollen groß hinaus und schaffen es nicht. Andere wollen auf Dauer klein bleiben und überlegen es sich doch. Darüber hinaus gibt es das Überbrückungsgeld und den Existenzgründungszuschuss der Bundesagentur für Arbeit.

Wie stabil sind Firmen, bei denen Privates und Betriebliches so eng verknüpft ist?

Wenn sie nicht darauf angewiesen sind, mit dieser Existenzgründung das gesamte Haushaltsbudget zu finanzieren, mag es erträglich sein, jahrelang zu warten, bis sich vernünftige Überschüsse erwirtschaften lassen. Es geht um die individuellen Strategien, eine Balance zwischen Frei- und Arbeitszeit, Investition und Konsum zu finden.

Unternehmer, die schon einmal gescheitert sind und neu anfangen, haben es besonders schwer. Wie sollen sie Kreditgebern gegenüber auftreten?

Sie sollten offensiv auf ihre Erfahrungen hinweisen. Wenn sie das überzeugend tun, stehen ihre Chancen nicht schlecht, weil kluge Gründungsförderer dies zu schätzen wissen. Beim Geld geht es immer um Sicherheiten, und Banken sind eher risikoscheu – das ist das Problem. Mit Basel II wird es noch schwerer, Kredite zu erhalten.

Und wenn man den Lebensunterhalt doch daraus bestreiten muss?

Zur Gründung gehört eine gute Mischung aus Verbissenheit und Realitätssinn. Was nicht geht, geht nicht.

Woran kann man sparen, woran nicht?

Es gilt der Grundsatz: lieber weniger tun, aber das Wenige professionell machen lassen, zum Beispiel Briefpapier und Visitenkarten nicht selber basteln!

Die Fragen stellte Matilda Jordanova-

Duda.

MICHAEL-BURKHARD PIORKOWSKY

forscht an der Univer-

sität Bonn über Existenzgründung und

Armutsprävention

(www.haushaltsoekonomik.uni-bonn.de).

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