Zeitung Heute : Trialog

Der Tagesspiegel

Der Schock scheint das wirksamste Movens von Bildungsdebatten zu sein. In den 60ern und 70ern führte der Sputnikschock zum ersten Bildungsfrühling mit geradezu revolutionären Auswirkungen. Erst gut ein Vierteljahrhundert später, aufgeschreckt von den ernüchternden Ergebnissen der PISA-Studie, ist die Bildungsmisere an deutschen Schulen wieder ein großes Thema. So vielschichtig die strukturellen Ursachen des niedrigen Bildungsniveaus sind, so differenziert sind auch die Reformansätze, die von kundigen und oft frustrierten Modernisierern formuliert werden.

Wie jede Krise hat auch diese ihr Gutes: Lange überfälligen Reformen könnte der PISA-Schock zum Durchbruch verhelfen. Allen voran steht die Stärkung der Schulen, die mehr Gestaltungsspielraum bei Lehrerauswahl und Mitteleinsatz brauchen, um gut und effektiv arbeiten zu können. Die selbstständige Schule ist die bessere Schule – ein Ergebnis des internationalen Vergleichs. Deshalb geht es auch in Deutschland darum, die Schule weg von einer staatlichen Behörde hin zu einem eigenständigen Bildungsraum zu entwickeln. Hierüber scheint die Republik derzeit einen Konsens herzustellen. Die ganze Republik? Nein, inmitten des differenzierten Chors von Überlegungen zur Qualitätssicherung des Unterrichts leistet sich der neue Berliner Senat nostalgisches Festhalten an Glaubenssätzen der 70er Jahre, ein Zurück zu Westberliner Insel-Gewissheiten.

Seit einer Woche gehen Berliner Schüler, Eltern und Lehrer gegen bedrohliche Mittelkürzungen für ihre Privatschulen auf die Straße. Ihre Proteste sind getragen von der Wut über die wider besseres Wissen vorgetragenen Sparargumente: Kurzsichtige Zuschusssenkungen bei den privaten Trägern wird der Senat schon bald begleichen müssen. Viele Schüler werden in Folge der steigenden Gebühren auf staatliche Schulen wechseln, die den Senat deutlich teurer zu stehen kommen. Zu der offensichtlichen fiskalischen Torheit gesellt sich die Ignoranz gegenüber der hohen Qualität in privater Initiative und Trägerschaft geführter Bildungseinrichtungen. Sie ist das Verdienst vieler engagierter Akteure: der Lehrer, die sich bewusst für diese Schule entscheiden, der Eltern, die sich für das schulische Leben engagieren, der Schüler, für die bei der Schulwahl die Atmosphäre und Gestaltung ihres täglichen Arbeitsplatzes eine wesentliche Rolle spielen.

Wer Privatschulen misstraut, weil sie etwa auch konfessionell orientiert sind, verkennt das hohe Maß an Engagement der Bürger, das den Geist einer Institution prägt und darüber entscheidet, ob Jugendliche sich mit „ihrer“ Schule identifizieren. Ein pluralistisches Angebot an privat betriebenen Schulen und Schulformen unterschiedlicher Ausrichtung kann dem Wettbewerb um die beste Bildung nur gut tun. In Deutschland wächst endlich wieder eine Kultur von Bürgerengagement, das mit seiner Mischung aus Sachkenntnis, persönlichem Einsatz und Herzblut sowie dem Fehlen bürokratisch-zentralistischer Hürden die Gesellschaft bereichert. Warum sollte dieses ungeheure Potenzial ausgerechnet bei der Qualität von Bildung missachtet werden?

Der neue Berliner Senat wäre gut beraten, sich der fruchtbaren Konkurrenz um die besten Bildungskonzepte ohne Scheuklappen zu stellen, statt sie zu bekämpfen. Das läge im Interesse der Qualitätsverbesserung auch an öffentlichen Schulen. Die im Wahlkampf so umworbenen Familien jedenfalls werden genau verfolgen, wie ernst der Politik die Bildungsperspektiven ihrer Kinder sind.

Antje Vollmer ist Vizepräsidentin des Bundestages und Grüne. Sie schreibt diese Kolumne im Wechsel mit Richard Schröder und Wolfgang Schäuble.

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