Zeitung Heute : Trialog

Der Tagesspiegel

Privatschulen" ist ein irreführender Ausdruck, wenn man dabei an „Privatgrundstück" denkt: Betreten verboten. Konfessionelle Schulen stehen auch Schülern anderer Konfession und Konfessionslosen offen und werden von solchen auch beansprucht, weil sie einen guten Ruf haben. Sie könnten besser Bürgerschulen heißen, weil sie sich bürgerschaftlichem Engagement verdanken. Sie bringen Wettbewerb ins Bildungsystem und kommen den Staat auch dann noch billiger als die staatlichen, wenn er 97 Prozent der Personalkosten trägt. Gut, dass Antje Vollmer diesen und jenen im Berliner Senat daran erinnert hat.

Für unsere Schulmisere gibt es berufenere Analysten als mich. Aber drei Nachrichten zum Thema sind mir aufgestoßen.

1. Die Pisa-Studie, gab jemand Entwarnung, sei gar nicht repräsentativ, denn die ausgewählten Schulen und die Schüler hätten die Befragung gar nicht ernst genommen. Wenn das stimmt, dann ist das nicht entlastend, sondern Teil des Problems: Schule und Bildung nicht ernst nehmen. Diejenigen Eltern, die ihre Kinder auf „Privatschulen" schicken, lassen sich die Bildung ihrer Kinder etwas kosten und beweisen damit, dass sie Bildung und Schule ernst nehmen. Und ihre Kinder merken das. Das gilt generell: Kinder werden die Schule in dem Maße ernst nehmen, in dem die Erwachsenen durch Anteilnahme zu erkennen geben, dass sie sich für ihren Schulbesuch, für ihre Erfolge und Misserfolge dort interessieren.

2. Viele Lehrer erreichen das Pensions- oder Rentenalter gar nicht im Beruf. Sie sind schon vorher fix und fertig. Gründe dafür kann ich nur vermuten. Die hohe Schülerzahl pro Klasse wird ein Grund sein. Sie geht außerdem auf Kosten der individuellen Förderung minderbegabter wie hochbegabter. Das gesellschaftliche Ansehen des Lehrerberufs ist nicht sehr hoch. Und wenn Eltern gegen Zensuren vor Gericht klagen können, untergräbt das die Autorität der Lehrer, auch wenn es sehr selten vorkommt. Ich finde, solche Beschwerden gehören vor das Schulamt, nicht vor Gericht.

3. Von einer Westberliner Schule war zu hören, die stolz darauf ist, türkischstämmigen Schülern zweisprachigen Fachunterricht anzubieten. Sie würden sich dadurch anerkannt und deshalb wohler fühlen. Ihre Deutschkenntnisse würden allerdings dadurch nicht gebessert, bemerkte einer der Lehrer. Ich halte das für eine völlig verfehlte pädagogische Zielstellung. Es gibt zwei Arten sich wohl zu fühlen. Feiertags fühle ich mich wohl, weil ich nicht gefordert bin. Werktags fühle ich mich wohl, wenn ich etwas geschafft habe. Schule ist Werktag. Die Türkischkenntnisse von türkischstämmigen Kindern in Deutschland sind Privatsache der Familien. In der Schule müssen sie sich mit der hiesigen Verkehrssprache zurechtfinden. Es ist nicht die Aufgabe der Schule, ihnen zwischenzeitlich die Illusion zu vermitteln, sie seien in der Türkei. Sie müssen über den Berg, zum Beispiel durch zusätzlichen deutschen Sprachunterricht – statt ihnen Wohlgefühl auf der Ebene vorzuspiegeln. Ein rührseliges Als-ob-Getue, das nicht bemüht ist, Ernsthaftes zu schaffen, sondern den Ernstfall, in den sie nun einmal verstrickt sind, abzuschaffen, kann jedenfalls unsere Bildungsmisere nicht beheben. Denn mein Verdacht ist, dass dieselbe pädagogische Schnapsidee von der Abschaffung der Ernstfälle des Lebens auch an anderen Stellen unseres Bildungswesens sein Unwesen treibt.

Richard Schröder ist Professor für Theologie an der Humboldt-Universität und Sozialdemokrat. Er schreibt diese Kolumne im Wechsel mit Wolfgang Schäuble und Antje Vollmer.

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