Trinkgewohnheiten : Saufen bis Gevatter kommt

Die Welt ist aus den Fugen. In Deutschland geht der Bierumsatz zurück. Und in Frankreich steigt der Schnapsabsatz. Unser Kolumnist Helmut Schümann beklagt die fatalen Folgen.

Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann.
Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann.Karikatur: Tagesspiegel

Warum trinken die Leute so ein Zeug oder haben es getrunken? Bier mit Cola oder Bier mit Limonade oder Bier mit Saft? Ich meine, Cola an sich ist ja schon ekelig. Aber sich damit auch noch das Bier versauen? Bier mit Cola wird an manchen Orten Krefelder genannt. Ohne jetzt den Krefeldern zu nahe treten zu wollen, aber so ganz verkehrt ist der Name für so etwas schauderhaftes wie Bier mit Cola nicht gewählt. Aber wahrscheinlich haben die Leute das jetzt endlich kapiert. Von August bis September 2014 ging der Absatz von solchen Biermischgetränken um satte 18,7 Prozent zurück, nicht nur in Krefeld, bundesweit. Aber ob die Leute wirklich schlau geworden sind? Der Deutsche trinkt insgesamt weniger Bier. Von August bis Oktober nur noch 25,7 Millionen Hektoliter, was für den Einzelnen sicher nicht gesund wäre, aber insgesamt auf die Republik gerechnet ein Umsatzminus von 4,5 Prozent gegenüber dem Vergleichsquartal des Vorjahres ausmacht. Alkoholfreies Bier und Malzbier kommen in der Statistik nicht vor, wahrscheinlich sind die Leute abgewichen, obwohl doch alkoholfreies Bier wie Schwesterküssen ist.

Offensichtlich ändern sich die Trinkgewohnheiten. Nicht nur bei uns. Wir trinken also immer weniger Bier. In Frankreich gibt es jetzt ein Indiz, dass der Franzose vom herkömmlichen Wein auf Schnaps umgestiegen ist.

Er ist dabei, wie der Franzose das oft und gerne tut, aber maßlos übers Ziel hinausgeschossen. In Clermont-Ferrand in Zentralfrankreich hat ein Mann einen Trinkrekord brechen wollen. Trinkrekorde sind so alt wie Weitpinkeln, aber deswegen nicht weniger dämlich. Der bisherige Rekord stand bei 55 Gläsern Schnaps. Getrunken von einem Mann. Wer 55 Schnäpse trinkt, kann eigentlich nur Ire sein oder verrückt. Der Mann, er war in Begleitung seiner 21-jährigen Tochter, die ihn aber offensichtlich nicht bremsen konnte, legte fulminant los. „Er leerte 30 Gläser innerhalb einer Minute“, sagte hinterher ein Polizist. Wie das physikalisch möglich ist, Glas anheben, reinschütten, schlucken, Glas anheben, reinschütten, schlucken, das 30- mal in 60 Sekunden, weiß ich nicht. Der Mann brach schließlich den Rekord. Es war sein letzter Rekord, auch seine letzte Tat. Nach Schnaps 56 wurde er im Vollrausch erst nach Hause gefahren, dann ins Krankenhaus eingeliefert, dort fiel er ins Koma und erlag schließlich einem Herzinfarkt. Das kann man dann wohl nicht mehr Komasaufen nennen, das ist schreckliches Finalsaufen. Dann doch lieber Krefelder.

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