Trinkkultur in der DDR : Aber holla, die Waldfee

In der DDR wurde viel getrunken. Sogar sehr viel, wie eine Studie belegt und eine Ausstellung in Jena veranschaulicht. Zum Beispiel Goldbrand, wie unser Kolumnist Helmut Schümann selbst schmerzhaft in Erfahrung brachte.

Stark am Glas: Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann.
Stark am Glas: Tagesspiegel-Kolumnist Helmut Schümann.Foto: Tagesspiegel

Also: Reichlich Agraralkohol, um nicht das noch gruseligere Wort Ethylalkohol zu verwenden, dazu 20 Prozent Weinbranddestillat, und dann das Gemisch mit Zuckerkulör braun gefärbt, und dann rin in den Kopp. Der Mann, der Mittfünfziger, wiewohl durchaus Freund eines Gläschens, kriegt schon beim Aufzählen der Zutaten Kopfschmerz von der Goldkrone. Einmal, da hat er das Teufelszeug auch trinken müssen, das war auf einem ländlichen Fest, und er wollte ja nicht hochnäsig sein gegenüber den neuen Brüdern und Schwestern, aber holla, die Waldfee, was hat das reingeknallt. Was er damals nicht wissen konnte: Die Mitzecher hatten einen enormen Vorsprung und Vorteil und erheblich mehr Übung. Heute weiß er, weiß nach einer Ausstellung in Jena jedermann, dass die Bürger des Arbeiter- und Bauernstaates in puncto Schnäpperken die Norm nicht nur locker erfüllten, sondern überfüllten.

In der Ausstellung werden Schnapsflaschen gezeigt und Biergläser und Barzubehör, also alles, was man für einen gescheiten, ordentlichen Rausch braucht. Es geht um die Trinkkultur in der DDR. Und die war, ja, was soll man sagen, holla, die Waldfee. Es ist hier nicht der Ort, und der Mittfünfziger nicht der kompetente Mann, um über die Ursachen zu schwadronieren, etwa über die etwaige Betäubungslust im Sozialismus. Aber mannomann, haben die Kollegen gelitert.

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DDR-Kuriositäten im Museum
DDR-Autokennzeichen. Objekt aus der Ausstellung "Fokus DDR", die bis zum 25. November im Deutschen Historischen Museum in Berlin zu sehen ist.Weitere Bilder anzeigen
1 von 10Foto: Deutsches Historisches Museum
08.06.2012 13:37DDR-Autokennzeichen. Objekt aus der Ausstellung "Fokus DDR", die bis zum 25. November im Deutschen Historischen Museum in Berlin...

Nehmen wir das Jahr 1988. Da zischte sich der DDR-Durchschnittsverbraucher 146,5 Liter Bier rein. Und dazu 16,1 Liter Schnaps, irgendetwas Hochprozentiges. Statistisch trank jeder DDR-Bürger, egal ob Säugling oder Tattergreis, 23 Flaschen Schnaps. Mann und man kann sich leicht ausmalen, was weggerichtet wurde, wenn die Kinder, sagen wir, bis zum Kita-Eintritt abstinent waren. Man muss neidlos anerkennen, dass die DDR nicht nur im Sport Weltmeister war, auch im Schnapstrinken hielt sie den Weltrekord. Sachen wie „Blauer Würger“ oder „Kumpeltod“ oder „Rosenthaler Kadarka“ müssen aber auch weg, bevor sie noch Unheil anrichten, also rin in den Kopp. Alles wissenschaftlich belegt, durch eine Studie am Institut für Europäische Ethnologie der Berliner Humboldt-Universität und eben jene Jenaer Ausstellung. Nur betrunken heißt es, waren die DDR-Bürger nicht, also, nur manchmal. Der Mann, der eingangs erwähnte, kann das bestätigen. Das ländliche Fest mit den neuen Brüdern und Schwestern endete nur für einen Menschen ganz fürchterlich, besser nicht mehr daran denken, der Kopf schmerzt wieder.

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