TRIP-HOP Portishead : Pioniere der Langsamkeit

Dass bei Portishead die Uhren anders ticken als beim Rest der schnelllebigen Pop-Community, merkt man schon daran, dass die „aktuellen“ Pressefotos der Band aus Bristol fünf Jahre alt sind. Sie entstanden, als 2008 ihr drittes Album mit dem aussagekräftigen Titel „Third“ erschien. Obwohl seit dem Vorgänger immerhin elf Jahre ins Land gezogen waren, kam niemand auf die Idee, das Wiederauftauchen Comeback zu nennen. Eigentlich hatten nur noch Optimisten daran geglaubt, dass die Schaffenspause tatsächlich ein neues Werk gebären würde. Denn der ans Pathologische grenzende Perfektionsanspruch von Beth Gibbons, Geoff Barrow und Adrian Utley (Foto, von links) stand einem Abschluss der Aufnahmen lange im Weg.

Ohnehin hatten Portishead schon mit ihrem epochalen Debüt alle Versprechen eingelöst, die eine Popband überhaupt machen kann: Mit „Dummy“ kulminierten 1994 die künstlerischen Anstrengungen, die experimentierfreudige Musiker aus Bristol (Massive Attack, Tricky) seit ein paar Jahren unternommen hatten, im Meisterwerk des Trip-Hop, auf dem knisternde Samples, Zeitlupenbeats und Gibbons’ ätherischer Flüstergesang zum hypnotischen Bandsound verwoben wurden. Was sollte da noch kommen? Tatsächlich lastete der Erwartungsdruck schwer auf dem Trio, und nach einem das Debüt quasi duplizierenden Nachfolger klang „Third“ wie ein Befreiungsschlag: Trümmerbeats, Schrapnellbass, Sirenenlärm, Gibbons’ durch den Effektwolf gedrehte Stimme – Portishead gaben sich Mühe, nicht zu den Kuschelpoppern des neuen Jahrzehnts zu werden. Wohin die Reise jetzt geht? Vielleicht lässt ihr Auftritt unterm Spandauer Abendhimmel darauf erste Rückschlüsse zu. Jörg Wunder

Zitadelle, Di 18.6., 19 Uhr, 44 € + VVK

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