Zeitung Heute : Triptychon

Deike Diening

Der Ungar Sándor Márai befand sich längst im italienischen Exil, da holte er noch einmal die alten Farben hervor. Er schraubte die morschen Tuben auf und beendete das Gemälde einer untergegangenen Zeit. Ein Triptychon der Erinnerung ist sein Roman geworden, ein Monolog in drei Teilen. Da hockt nun der Leser auf dem Platz des Voyeurs, der ihm vom Autor zugewiesen wurde, in einer Konditorei, in einem fremden Schlafzimmer, und er lauscht drei Versionen einer Geschichte. Zwei Frauen und ein Mann kurz vor dem Zweiten Weltkrieg, deren Leben sich schicksalhaft verhakt, wild entschlossen, sich ihres Lebens erzählend zu entledigen. Sie zeigen ihre Narben, werfen die Netze der Erinnerung aus und fischen nach einem Grund, bis die Geschichte um die drei Liebenden wie ein zuckender Körper gefangen liegt. In dieser Geschichte, die dreimal von vorne beginnt, ringt jeder um seine Version, im Glauben, sein Denken sei frei. Sie nehmen an, was sie für ihr Schicksal halten und bleiben doch die Geisel ihrer Gesellschaftsschicht: Die mittellose Frau, die beiden Bürgerlichen und auch der Künstler zerren nur ein bisschen an den Ketten. Eingesponnen in Márais kunstvollen Kokon, stellen wir am Ende fest: Wir haben dasselbe Lied drei mal gehört.

Sándor Márai: Wandlungen einer Ehe. Roman. Aus dem Ungar. von Christina Viragh. Piper, München. 461 S., 19,90 €.

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