Zeitung Heute : Tritte zum Jahrestag

Der Tagesspiegel

Von Charles A. Landsmann,

Tel Aviv. Vor einem Jahr, da liebten sie ihn noch. Es war ein sonniger Vormittag, als sich Ariel Scharon mit seiner Entourage aus 20 Bodyguards über den Obst- und Gemüsemarkt Machane Jehuda in Jerusalem wälzte. Der Ort ist ein beliebtes Ziel palästinensischer Terroristen, kurz vor Scharons Besuch war hier eine Autobombe explodiert. Scharon schob seinen massigen Körper vorbei an Orangen und Tomaten, und die Verkäufer mit ihren sonnengegerbten Gesichtern und heiseren Stimmen schrien ihm zu „Arik – König Israel!“, so laut, wie sie sonst ihr bestes Angebot anpreisen. Arik, der Spitzname für Ariel, bedeutet Löwe. Dass er hier Hände schüttelt, während auf den Dächern die Scharfschützen postiert sind, brachte ihm im Wahlkampf gegen Ehud Barak nicht nur die Sympathien der Marktschreier ein. Scharon sprach von Frieden und Sicherheit, und die Mehrheit der Israelis glaubte, er sei der Garant dafür und nicht Ehud Barak.

Seit genau einem Jahr ist Scharon nun im Amt. Doch seine Wahlversprechen hat er nicht eingelöst – Israel ist weiter vom Frieden entfernt als zuvor und durchlebt die verlustreichste Woche seit Jahren – 31 Tote.

Ariel Scharon hat Angst. Angst, vor Fernsehkameras, Angst dem Bürger in die Augen zu schauen. Nirgendwo lässt er sich blicken, nicht in Tel Aviv, wo am Dienstag im Restaurant „Seafood-Market“ ein palästinensischer Attentäter in eine Hochzeitsgesellschaft schoss und drei Menschen tötete, und nicht im nordisraelischen Afula, wo bei einem Selbstmordanschlag an einer Bushaltestelle ein Passant getötet wurde. Vielleicht fürchtet er, ihn treffe jetzt der Volkszorn wie einst Schimon Peres, dem eine aufgebrachte Menge 1995 „Mörder“ entgegenschrie, als er zum Schauplatz eines Attentats gehetzt war.

Ariel Scharon stürzt. Er befindet sich im freien Fall in den Meinungsumfragen, die es noch vor kurzem so gut mit ihm meinten. Der wichtigste Koalitionspartner, die Arbeitspartei, wird nächste Woche über den Austritt aus der „Regierung der Nationalen Einheit“ diskutieren: der Anfang vom Ende.

Und Ariel Scharon hat Glück. Wohl keinem Politiker hat der 11. September so viel politischen Nutzen gebracht wie Scharon. Würde US-Präsident George W. Bush sich seither nicht einzig auf den Kampf gegen den Terror konzentrieren, könnte Scharon sicher nicht unbehindert seine rigorose Politik gegenüber den Palästinensern durchziehen.

Vor den Wahlen sagte er, um sein Brutalo-Image loszuwerden: „Ich esse keine Araber zum Frühstück.“ Jetzt ist Scharon wieder der Alte. Diese Woche verkündete er, das militärische Hauptziel sei, „die Verluste auf palästinensischer Seite zu erhöhen“. Er will das politische Problem der Palästinenser mit militärischen Mitteln lösen – wie 1982 im Libanonkrieg. Er hat keine Strategie, sondern nur Furcht erregende Taktiken: ohne Rücksicht auf Verluste. Scharon, der Bulldozer.

Ariel Scharon hat zwar vor den Wahlen das Lispeln wegtrainiert – er konnte das Wort „Shalom“ nicht einmal richtig aussprechen –, doch nun gerät er ins Stottern, wenn er nach seinen Plänen befragt wird. Er hat keine Lösungsvorschläge, nur Schubladen voll militärischer Operationspläne. Folglich schweigt er – und überlässt so die Bühne seinem Rivalen in der nationalkonservativen Likud-Partei Benjamin „Bibi“ Netanjahu.

Die Palästinenser ziehen Netanjahu Scharon ohnehin vor. „Bibi hat das Hebron-Abkommen unterzeichnet und einen Großteil der Stadt herausgerückt. Er hat auch weitere 13 Prozent der Westbank uns überlassen. Scharon hat immer nur auf uns schießen lassen“, sagte diese Woche ein Sprecher der Autonomiebehörde. Auch Arafat dürfte Netanjahu lieber sein als Scharon, der nie bereit war, ihm auch nur die Hand zu drücken.

Natürlich spricht der 73-jährige Scharon, als Sohn polnischer Einwanderer unter dem Namen Scheinermann geboren, die begreiflichen Rachegelüste vieler Israelis nach der letzten Terrorwelle an. Andererseits wird man beim Anhören seiner martialischer Worte auch an Scharons Vergangenheit erinnert, die ihn jetzt eingeholt hat: das von christlichen Milizen angerichtetete Massaker in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Schatila 1982, für das der damalige Verteidigungsminister Scharon laut staatlicher Untersuchungskommission die Verantwortung trug und zurücktreten musste. Die belgische Justiz prüft derzeit die Zulässigkeit einer Klage gegen Scharon wegen Kriegsverbrechen. Eine Entscheidung wurde gestern verschoben, ein erneuter Erörterungstermin für den 15. Mai festgelegt.

„Scharon am Abhang“ titelte die Zeitung „Maariv“ am Wochenende und überschrieb den Leitartikel: „Aufstieg und Fall des Königs der Umfragen“. Nur sieben Prozent der Israelis glauben noch, dass sich mit Scharon die Situation im Land verbessert habe. Armeeveteranen verlangen den unilateralen Rückzug aus den besetzten Gebieten, Reserve-Offiziere verweigern den Dienst. Anstatt Sicherheit herrscht Verunsicherung. Die Wirtschaft liegt am Boden. Staatsbankchef David Klein verkündete am Dienstag Null-Wachstum und über zehn Prozent Arbeitslosigkeit bis Jahresende. Außenminister Peres, zunehmend kritischer werdender Partner Scharons, setzt sich langsam ab. „Hätte ich gewusst, wohin das führt, so wäre ich nicht in die Regierung eingetreten“, sagte er am Dienstag. Der ewige Optimist warnte die Regierung: „Diese Politik verliert zunehmend das Vertrauen des Volkes. Wir werden den Preis für unsere Taten zahlen müssen.“

Doch Scharon verspricht immer noch eine bessere Zukunft. Wie, das sagt er nicht. Dafür gibt er Durchhalte-Parolen aus: „Am Schluss werden wir siegen.“ Scharon verweigert sich der Kritik an seinem Verhalten und überhört auch die Ratschläge seiner Medienberater: Der Mann, dem nachgesagt wird, er habe die dicke Haut eines Elefanten, ist in Wahrheit eine Mimose. Sein Vertrauen genießen nur Zwei: sein Sohn Omri, der heikle Missionen, wie Kontake zu Arafat, für ihn ausführt, und sein Bürochef Uri Schani. Am wohlsten fühlt sich Scharon auf seiner abgeschiedenen Farm in der Wüste. Dort in der Idylle, inmitten von Schafen, hat sich Scharon einen Frieden geschaffen. Dort hat er auch seine vor zwei Jahren verstorbene Frau begraben.

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