Zeitung Heute : Triumph der Träume

Von Elisabeth Binder

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Vor kurzem habe ich eine ziemlich eindrucksvolle Frau kennen gelernt. Sie war groß, schlank, in ein schmales schwarzes Designerkleid gehüllt, und sie ging auf ziemlich hohen Stöckelschuhen. 77 Jahre alt war sie schon, und seit sie ein ganz kleines Mädchen war, hatte sie davon geträumt, einmal in ihrem Leben ein Parfüm zu kreieren. Lange war nichts daraus geworden. Aus dem kleinen französischen Mädchen war eine vielbeschäftigte, weltweit gefragte Innenarchitektin geworden, die Hotels und Geschäfte in New York und Paris ausstattete, die Wohnaccessoires entwarf und sich für den Dialog zwischen moderner Kunst und Mode einsetzte. Ihren Traum verlor Andree Putman aber nie aus den Augen. „Man braucht eine Nase, um ein Parfüm zu kreieren“, fügte sie erklärend hinzu. An Ideen hat es ihr ja nie gemangelt. Aber eben die Nase fehlte.

Die traf sie schließlich vor einem Jahr. Und die half ihr, die Düfte ihres Lebens, Seerose, feuchtes Holz, Koriander, grauer Pfeffer zu einem harmonischen Parfüm zusammenzustellen. Nun, da sie einmal Fährte aufgenommen hatte, wollte sie vielleicht noch ein zweites Parfüm machen.

Sie ist eine Frau, die sich Zeit nimmt mit der Verwirklichung ihrer Träume. Ein junger Freund erzählte später, dass sie 20 Jahre in einer schönen, aber nicht zu großen Wohnung in Paris gelebt habe. Jeden Tag sah sie aus dem Fenster auf ein Fabrikgelände, und jeden Tag sagte sie sich, dass sie eigentlich lieber dort drüben wohnen würde. Nach 20 Jahren erfüllte sie sich diesen Traum und war die erste aus ihrem Kreis, die in Paris ein Loft bewohnte. Unnötig zu sagen, dass diese Frau eine besonders nette, aber auch zeitlose und würdevolle Ausstrahlung hatte , und dass ihr Parfüm nach Luxus duftete, nicht nach dem billigen Luxus eines weichen Autopolsters oder eines Kaviar-Kanapees, sondern ein bisschen herb auch, nach jener Amosphäre, wie sie in manchen Grand Hotels herrscht, in denen Menschen sich erholen, die viel von sich verlangen und sich, wenn sie dann auch noch Glück haben, einen entsprechenden Lebensstil leisten können.

Kann man mehr von sich verlangen, als die eigenen Träume zu achten und nicht aus den Augen zu verlieren? Sonntags ist der Tag, an dem man sie mindestens in die Erinnerung zurückrufen kann. An dem man sich die Windungen und Kurven des eigenen Lebens anschauen und auf weitere hoffen mag, die am Ende vielleicht doch dazu führen, dass aus einem alten Traum Wirklichkeit wird. Schließlich sind Träume nichts anderes als Visionen. Und in einer Zeit, da Wohlstand mehr und mehr von Kreativität abhängt, gewinnen die an Bedeutung.

Nicht jeder persönliche Traum muss Lilienthalsche Dimensionen annehmen, aber je mehr Chancen er bekommt, desto größer wird er vielleicht. Das leise triumphierende Lächeln der Französin hatte so eine Größe. Irgendwann stand sie ganz allein im Raum, um sie herum wogte das neugierige Berliner Publikum, dass sich bei Präsentationen dieser Art so einfindet, aber sie brauchte gar nicht unbedingt die Gesellschaft von Small-Talkern, denn sie hatte eine bessere Umgebung. Die eines 70 Jahre lang gereiften Traums, der nun wie ein Geist aus der Flasche entstieg.

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