Zeitung Heute : „Trivialität und Biederkeit“

Auch Deutschlands europäische Nachbarn haben die Wulff-Debatte verfolgt und ziehen am Samstag ein Resümee. Dabei setzen sie freilich eigene Akzente.

In der „Neuen Zürcher Zeitung“ steht: „Andere führen Krieg und rotten ganze Völker aus. Deutschland hingegen leistet sich den Luxus, sich über der Harmlosigkeit seines Staatsoberhauptes wochenlang selbst zu lähmen. Während draußen in der Welt Millionen um ihr Überleben kämpfen, ihr soziales Gefüge zerbrechen sehen und Seuchen, Wirbelstürme und Schlächtereien zu erdulden haben, ergehen sich die politische Klasse und die Medien in unserem Nachbarland in eitlen Balzritualen und Empörungsexerzitien in einem Fall, der an Trivialität und Biederkeit fast nicht mehr zu überbieten ist.“

Der „Corriere della Sera“ aus Italien verbindet den Rücktritt von Christian Wulff mit der deutschen Haltung in der Schuldenkrise: „Unser Urteil in solchen Affären hängt letztlich von der Reputation eines Landes ab und dabei vor allem von dem Image, das es der Welt von sich geben will. Und deshalb erscheint uns der Fall des deutschen Bundespräsidenten schwerwiegender als die aufsehenerregenden Vorfälle in anderen Demokratien (...). Wir haben zwar Schlimmeres gesehen. Aber all dieses geschieht, während die Kanzlerin und ihre Minister Griechenland und anderen Ländern der Eurozone Lektionen in öffentlicher Moral erteilen. In der Art und Weise, wie die Deutschen in der Schuldenkrise gehandelt haben, hat es eine Arroganz gegeben, hinter der sich ein Gefühl der Überlegenheit verbarg. Ein ,Bad der Bescheidenheit’ zu nehmen, das würde die Lösung der griechischen Krise begünstigen und Europa mehr Luft zum Atmen geben.“

Die französische „Libération“ meint: „Die Deutschen spaßen nicht mit der Moral in der Politik. Es ist letztendlich eine banale Geschichte um einen Urlaub unter Freunden, die Wulff zum Verhängnis wurde. (...) Er hinterlässt eine zwiespältige Bilanz. Als jüngster Präsident in der deutschen Geschichte hat er das Amt entstaubt. Mit dem Benehmen eines idealen Schwiegersohns hat er an der Seite seiner jungen Frau ein Paar geformt, das das Image eines modernen Konservativen verkörperte.“ Tsp

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