Zeitung Heute : Trommeln in der Lesewüste

Gregor Dotzauer

Letzthin die telefonische Bekanntschaft mit Deutschlands größter Expertin für romantische Frauenliteratur. Da will man schon wissen, worauf Bertelsmann hofft, wenn der Konzern sie für einen neuen Spezialclub namens "Moments" einspannt, wo doch das Clubwesen im allgemeinen darniederliegt. Auch was in den Liebesromanen drinsteht, die Isolde Wehr so empfiehlt, wäre interessant zu wissen. Für den Leser eines normalen Kulturteils ist das schließlich alles terra incognita, obwohl auch die gleichfalls als "Moments"-Kundin anvisierte hochschulgereifte Business-Frau heute angeblich kein Problem mehr hat, an einem Tag Bernhard Schlink mit ins Flugzeug zu nehmen und am nächsten Danielle Steel. Wobei die durchschnittliche Leserin trotzdem eher eine arbeitslose, restlos überforderte Mutter sein dürfte. Man würde auch gern erfahren, wie sich in den letzten 20 Jahren die literarischen Muster verändert haben, und ob die Stoffe genauso empfindlich auf gesellschaftliche Veränderungen reagiert haben wie die Fernsehsoaps; ob also zum Beispiel Migranten und Schwule so selbstverständlich eingewandert sind wie in die "Lindenstraße".

Oder letzthin die Begegnung mit dem Erfolgsautor, den außerhalb seiner Gemeinde kaum jemand kennt. Da will man schon wissen, wie das geht, zwei dicke Romane zu schreiben, die weder größer beworben noch rezensiert worden sind und trotzdem allein in der gebundenen Ausgabe jeweils über 20000 Mal verkauft wurden. Peter Dempf, 41, im Zivilberuf Lehrer für Deutsch und Geschichte an einem Münchner Gymnasium, hat bei Eichborn "Das Geheimnis des Hieronymus Bosch" und zuletzt "Der Teufelsvogel des Salomon Idler" veröffentlicht, zwei historische Schmöker mit packender Dramaturgie - und zutreffenden Fakten. Tanja Kinkel, die Auflagenkönigin des Genres, kann jedenfalls keines von beidem für sich beanspruchen.

Spielekonsole und Spezialistenecke

Es gibt immer wieder Anlässe, die einem das Gefühl vermitteln, das Leseland Deutschland nicht im mindesten zu kennen. Erfahrungen, die einen glatt von der Überzeugung abbringen könnten, dass es richtig ist, auch in diesem Frühjahr wieder nur Bücher von Ammann, DuMont und Suhrkamp wahrzunehmen. Und Peter Dempf, der seinen Schülern Georg Büchner und Thomas Brussig mit derselben Leidenschaft nahebringt, kann einem da ganz schön ins Gewissen reden - gerade weil er weiß, dass selbst Autoren von Fantasy-Bestsellern wie Andreas Eschbach oder Wolfgang Hohlbein bei Jugendlichen im Zweifelsfall keine Chance gegen Microsofts Spielekonsole Xbox haben. Das Feuilleton? Oje, sagt er. Autisten! Aristokraten! Kommen mit der Messlatte Literatur angerannt, drangehalten, Norm verpasst, durchgefallen.

Damit kein Missverständnis entsteht: Dies ist kein Plädoyer dafür, die Verhältnisse auf den Kopf zu stellen, damit Büchern aus populäreren Breitengrade endlich Gerechtigkeit widerfahre - so wie in den letzten Jahren Johannes Mario Simmel, Stephen King und Rosamunde Pilcher zum Gegenstand der seriösen Kritik geworden sind. Das große Geheimnis, die sonst nirgends erschlossene Welt, die implizite Wahrheit über eine Gesellschaft, die der Hochliteratur entgeht, findet sich dort nicht. Es kann nur nicht schaden, eine Ahnung davon zu haben, womit sich der größere Teil des lesenden Publikums beschäftigt, um nicht gleich wieder in den neudeutschen Konsens einzustimmen, demzufolge E und U völlig überkommene Gegensätze seien. Und es darf nicht sein, den Spaß zu leugnen, den die weitaus meisten eher bei der Lektüre von Elke Heidenreich empfinden als bei der von Reinhard Jirgl, der sich schon durch seine manirierte Interpunktion freiwillig in die Spezialistenecke begibt.

Man muss Peter Dempf also nicht lesen: Es könnte sogar eine sprachliche Enttäuschung werden. Man braucht auch nicht so zu tun, als wäre der historische Unterhaltungsroman gestern erst erfunden worden. Die Segmentierung des Marktes aber - oder philosophisch: seine Ausdifferenzierung - schreitet auch in der Buchbranche munter voran und zieht die verschiedensten Interessengemeinschaften nach sich. Die Gründung eines Autorenkreises historischer Romanciers unter dem Namen "Quo vadis" Ende Februar in Berlin ist dafür nur ein Beispiel. Das Ergebnis ist ein Nebeneinander von Kulturen, die sich kaum etwas zu sagen haben. Aber der Punkt, bis zu dem das für den eigenen Standort keine Rolle spielt, ist überschritten.

Lektürepensum und Kaufkraftinseln

Populäre Literatur hat es immer gegeben, und Kolportage als ihr gewissermaßen rangniedrigstes Jahrmarkts- und Hausiererphänomen ist rund 500 Jahre alt. Doch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein stand Literatur vor allem gegen Literatur: das anspruchsvolle Buch gegen das weniger anspruchsvolle, das Konzentrations- gegen das reine Zerstreuungsserlebnis. Heute müssen sich Bücher wie nie zuvor gegen andere Medien durchsetzen, und zwar nicht, weil Fernsehen oder Computerspiele Bücher bei Erwachsenen einfach verdrängen würden: Jede Statistik beweist, dass ausgiebige Computer- und Internetnutzer auch ausgiebige Leser sind - auch wenn sie dabei in einen anderen Wahrnehmungsmodus umschalten. Die Nutzung eines Mediums stimuliert die Nutzung des anderen, jedenfalls bei einer Generation, die mit beidem aufgewachsen ist.

Wenn am kommenden Donnerstag - ein halbes Jahr nach der bayerischen Gegenveranstaltung "Corine" - im Rahmen einer MDR-Fernsehgala zum ersten Mal der "Deutsche Bücherpreis" verliehen wird, entdeckt der ausrichtende Börsenverein des Deutschen Buchhandels den Glanz des Populären ziemlich spät. Autoren von Umberto Eco über Ulla Hahn bis hin zu Carola Stern haben in sieben Kategorien die Chance, eine Butt-Skulptur von Günter Grass zu gewinnen (Nominierungen unter www.deutscher-buecherpreis.de). Das "literarisch besonders Gute und Erfolgreiche" soll gefeiert werden - unter anderem mit einer schon bekannt gegebenen Auszeichnung für Christa Wolf und ihr Lebenswerk.

Die neue Institution weist auch darauf hin, dass es nötig geworden ist, sich ein Publikum mit Marketingmaßnahmen zu erschließen (oder zu erhalten), das einmal als kulturtragende Schicht selbstverständlich existierte. Wenn es aber darum geht, für das Buch zu trommeln, ist die altehrwürdige Buchstadt Leipzig nicht nur aus Traditionsgründen ein geeigneter Ort. Wer die farbige Kaufkraftkarte aufschlägt, die der Börsenvereins-Broschüre "Buch und Buchhandel in Zahlen 2001" beigeheftet ist, begreift auf einen Blick, warum: Da, wo einst die deutsch-deutsche Grenze verlief, zerfällt das Land noch immer in zwei Teile. Die neuen Bundesländer sind Wüste. Selbst die Kaufkraftinsel Berlin liegt, übertrumpft von Potsdam, nur irgendwo im Mittelfeld des Index. Gekauft wird in Münster, München, Bonn und Aachen - woraus nicht notwendig ein Spitzenwert beim Lesepensum folgt, ihn aber doch vermuten lässt.

Die Niveaus, auf denen Buch, Film und Computer konkurrieren, sind längst nicht mehr einfach durch die Komplexität der Welt unterschieden, die sie entwerfen, sondern durch ihre unterschiedliche Absorptionskraft. Das heißt: Natürlich fordert Lesen grundlegend andere intellektuelle Fähigkeiten als ein Abend vor dem Computermonitor, und die erfinderische Leistung eines großen Schriftstellers lässt sich mit dem technischen Genie eines Spiele-Programmierers kaum vergleichen. Manches von dem, was Mathias Mertens und Tobias O. Meißner in ihrem gerade erschienenen Buch "Wir waren Space Invaders - Geschichten vom Computerspielen" (Eichborn Verlag) als "Wahrnehmungsphänomene" beschreiben, mag deshalb übertrieben sein. Doch erzählerische Revolutionen wie die Erfindung des "Third-Person-Shooter", bei dem der Spieler die Hauptfigur ist und ihr gleichzeitig zuschaut, fordern die Erzähltheorie in einer Weise heraus, die der Literatur nicht gleichgültig sein kann.

Pac-Man und Jahrestage

Das Verschwimmen von Ich-Perspektive und personaler Erzählhaltung, erster und dritter Person Singular, wie es seit Lara Croft, der Heldin der "Tomb Raider"-Spiele zur Regel geworden ist und nebenbei die Geschlechtergrenzen aufhebt, taugt bisher nur für Adventure Games. Doch wer sich vor Augen führt, dass zwischen der Premiere von "Pac-Man" (1980) und der von "Tomb Raider" (1996) gerade einmal 16 Jahre vergangen sind, kann sich vielleicht vorstellen, welche Möglichkeiten in dieser Spiel- und Erzählform liegen - auch wenn ihre technische Weiterentwicklung weitgehend an die kommerzielle Nutzung gebunden ist.

Noch einmal: Das berührt nicht die Bedeutung eines Jahrhundertromans wie Uwe Johnsons "Jahrestage" und nicht den Unterschied, dass es sich bei "Tomb Raider" um pure Unterhaltung handelt, das andere Mal darum, eine Epoche, eine Erkenntnis, ein Schicksal zu begreifen. Doch was sollte die Konsequenz sein? Literatur kann gar nicht so schnell und unmittelbar überwältigend sein wie das bewegte Bild. Sie braucht eine Intelligenz, die mindestens so assoziativ wie analytisch ist, ein Mehr, das ein Weniger an Illusionsleistung ist und nicht in der Angleichung an bestehende Formen besteht: im Beharren auf einem radikalen Minderheitenstatus. Ohne ihn geht auch die populäre Literatur zu Grunde.

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