Zeitung Heute : Tropen Traumatische

Fleischbeschau im virtuellen Paradies in Brandenburg. Fotos: Florian Fischer
Fleischbeschau im virtuellen Paradies in Brandenburg. Fotos: Florian Fischer

Am Ende rückt ein Befreiungskommando aus ins Paradies. Drei Freunde, einer hat angerufen bei Florian Fischer und gesagt: Flo, das ist nicht mehr normal, wir kommen jetzt und holen dich da raus, und glaub’ bloß nicht, dass wir ohne dich zurückfahren! Dann sind sie los, mit dem Regionalexpress vom Ostbahnhof und weiter mit dem Bus durch das flache Brandenburg. Bis zum Paradies.

Das Paradies ist 360 Meter lang, 210 Meter breit und 107 Meter hoch. Hier sollten mal Luftschiffe gebaut werden, aber weil daraus nie etwas geworden ist, haben sie eben das Paradies reingesteckt. Mit angekarrtem Sand, blau aufgemaltem Himmel und einer Sonne, deren Licht aus riesigen Lampen kommt.

Für Kulturpessimisten nimmt in Tropical Islands, 30 Kilometer südlich von Berlin, der Untergang des Abendlandes seinen Lauf. So ähnlich denken auch die drei Freunde, als sie im Dezember 2008 anrücken zur Befreiung von Florian Fischer. Der lebt jetzt schon eine Woche lang in der virtuellen Welt des größten Spaßbades Europas. Für Florian Fischer, 28, ist es eine Dienstreise. Er studiert Design an der FH Potsdam und will in den brandenburgischen Tropen ein Foto-Essay als Diplomarbeit erstellen. Verrückte Idee, sagen die Kommilitonen (und die Freunde sowieso).

Am 4. Dezember steht Florian Fischer zur Mittagszeit mit der Kamera vor der riesigen Halle und macht das erste Foto. Es zeigt die Luftschiffhalle hinter einem alten Hangar, wo früher mal die Rote Armee stationiert war und noch früher die SS. Jetzt geht man hier der friedfertigsten aller Beschäftigungen nach, dem Müßiggang. Schwerter zu Flugsand. Oder: Brasilien in Brandenburg. So steht es in den Werbeprospekten.

In Brandenburg schneit es. In Brasilien herrschen 26 Grad und 64 Prozent Luftfeuchtigkeit. Tag und Nacht. Florian Fischer sucht sich eine Liege aus Teakholz und inspiziert das Paradies. Regenwald und Tropendorf. Südsee und Bali-Lagune. Die Saunalandschaft mit der simulierten Tempelanlage von Angkor Wat. Zurück am Südseestrand trifft er eine Tänzerin, sie tritt auf in einer der Shows, die hier das Nachtleben einleiten. Die Tänzerin erzählt, dass sie in ein paar Tagen ihren Job verlieren wird, wenn die Show ausläuft. Die Nacht kommt und mit ihr das Zirpen der Grillen und das Rauschen des Meeres, alles aus dem Lautsprecher. Fischer schläft gegen Mitternacht ein und wacht doch immer wieder auf. Das Teakholz ist härter als erhofft.

Florian Fischer hält durch bis morgens um halb acht und geht in die Sauna. Zu Alex, dem Saunameister, Herr über alle Handtücher, nach jedem Gang spendiert er ein Erfrischungsgetränk. Die Saunabesuche werden zu einer festen Einrichtung und einem willkommenen Element bei der Bekämpfung der Langeweile. Um die 14 Mal am Tag schaut Florian Fischer bei Alex vorbei. Weiter auf den Rutschturm, er ist 27 Meter hoch, und wenn man ganz oben steht, wackelt er ein bisschen. Abends wird am Strand das Licht heruntergedimmt, die Party geht weiter, mit reichlich Alkohol und Musik. Florian Fischer hat eine Augenmaske mitgebracht und Ohrenstöpsel. Es reicht trotzdem nur für einen seichten Schlaf.

Am nächsten Tag macht er sein Lieblingsfoto. Ein homosexuelles Paar, ausgestattet mit Badelatschen und Handtüchern, versonnen lächeln sie in die Kamera, erschöpft von einem langen Tag am Strand. Eine Freundin kommt zu Besuch, sie bringt Geschichten von draußen mit und Zahnpasta. Später in der Nacht, in einem Café: Die Freundin ist kurz zur Toilette, am Nebentisch sitzen zwei junge Herren. Einer steht auf und hebt die Hand zum Hitlergruß. Der andere fotografiert ihn. Florian Fischer tippt eine SMS in sein Mobiltelefon, worauf der junge Herr vom Nebentisch sich bespitzelt fühlt und anfragt, ob er mit Fischers Kopf vielleicht den Boden aufwischen sollte. Der junge Herr vom Nebentisch ist einen Kopf größer, so dass Fischer lieber den Mund hält. Die Freundin kommt zurück von der Toilette, die Situation entschärft sich, aber sie schlägt Florian Fischer so stark auf den Magen, dass er sich übergeben muss.

Der Sonntag ist ein Fixpunkt in einer Zeit, die sich längst verselbständigt hat. Es gibt da eine Uhr am Strand, sie zeigt kurz die Zeit an und erlischt dann wieder. Die Gäste im Paradies unterscheiden nur noch zwischen Tag und Nacht, zwischen Hell und Dunkel. Am Sonntag ist alles anders. Erst verkündet die Zeitung dem Schwaben Fischer, dass sein VfB Stuttgart gewonnen hat. 2:0, nur ein paar Kilometer weit weg bei Energie Cottbus. Dann werden ganze Wagenladungen von Eintagestouristen an die Südsee gekarrt, der Strand wird zur riesigen Fleischtheke. Florian Fischer widmet sich wieder der Arbeit. Zur Verarbeitung des Nazischocks vom Samstag platziert er eine schwarzrotgoldene Pappfahne auf dem Wasser und hält im Bild fest, wie sie unschuldig durch die virtuelle Unendlichkeit des Ozeans gleitet.

Es wird Zeit für eine Postkarte an den Professor, der die Diplomarbeit betreut. Fischer schreibt sie am Montag, der Text ist eine Halbzeitbilanz und fällt eher spartanisch aus: 52-mal Rutschen, 37-mal Sauna, 28-mal Südsee, 19-mal Bali-Lagune. Die Karte wirft er in den Briefkasten des Tropical Islands.

Die Sonntagstouristen haben das Paradies verlassen, Florian Fischer kann wieder am Strand dösen und die mitgebrachten Bücher lesen. Zwischendurch wird fotografiert. Wellen, Familien, Plastikflamingos, Strandschönheiten. Wenige nur verweigern ihre Zustimmung, aber es bittet auch kaum einer um ein Urlaubsfoto, weil so ziemlich jeder eine Digitalkamera mitgebracht hat. Florian Fischer sieht kurzhaarige Muskelpakete mit eintätowiertem Eisernem Kreuz, aber auch Rastazöpfe und Geschäftsführer von mittelständischen Unternehmen.

Die Tage werden länger und die Nächte auch. Immer öfter rufen Freunde an und fragen Fischer, ob er langsam reif sei für einen Besuch beim Psychiater. Der Strand ist kein Strand, das Meer kein Meer und der Himmel kein Himmel, aber die virtuelle Welt von Tropical Islands ist etwas Eigenes. Nicht Brasilien, aber auch nicht Brandenburg. Auch die Eintönigkeit hat ihre Abwechslung. Am Dienstag färbt sich das Wasser in der Südsee rot, am Mittwoch kommt zur Freude der Kinder Urmel aus dem Eis zu Besuch. Florian Fischer verbringt den ganzen Tag mit ein paar Jungs aus Leipzig, und er spielt mit dem Gedanken, das Projekt doch noch um ein paar Tage zu verlängern. Doch am Donnerstag rückt das Befreiungskommando aus Berlin an. Florian Fischer kostet das Erlebnis aus bis zum Letzten. Um kurz vor eins steht er wieder in der realen Kälte am Ostbahnhof.

War gar nicht so übel im virtuellen Paradies.

Mit seinem 102 Bilder starken Foto-Essay „Das Blaue vom Himmel“ hat Florian Fischer nicht nur sein Diplom gemacht, sondern auch den Aenne-Biermann-Preis für Gegenwartsfotografie gewonnen. Eine Auswahl seiner Fotos ist noch bis zum 2. Mai im Museum für Angewandte Kunst in Gera zu sehen – und im Internet unter www.das-blaue-vom-himmel.com.

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