Tropentag an der HU Berlin : Der ungerechte Hunger

Forscher diskutieren über die Welternährung.

Katja Riek

Fast eine Milliarde Menschen leiden weltweit unter akutem Hunger. Weitere drei Milliarden sind chronisch fehlernährt, weil sie keinen Zugang zu Nahrung haben, die genügend Vitamine und andere lebenswichtige Nährstoffe enthält. Versteckten Hunger nennen Experten diesen Gesundheitszustand, der besonders häufig Kinder in Entwicklungsländern trifft. Acht Millionen Menschen jährlich kostet der Nahrungsmangel immer noch das Leben. Ernährungssicherheit auf globaler Ebene ist damit ein fernes Ziel, welches durch das beständige Bevölkerungswachstum sowie die negativen Effekte des Klimawandels und die Begrenztheit natürlicher Ressourcen in Zukunft noch schwerer zu erreichen sein wird.

Wie kann man diese Herausforderung bei der Welternährung lösen? Darüber diskutierten unlängst über 1000 Wissenschaftler aus nahezu 70 Ländern an der Humboldt-Universität auf dem jährlich stattfindenden Tropentag.

Dabei ging es unter anderem um die Frage, wie Flächen zur Nahrungsmittelproduktion gleichzeitig möglichst effizient, nachhaltig und sozialverträglich genutzt werden können. „Konflikte sind hier unausweichlich. Die ‚food or tank’-Debatte, also die Kontroverse um den Biodiesel oder das Problem des Land Grabbing, dem Aufkauf von Produktionsflächen in Entwicklungsländern durch ausländische Investoren, sind zentrale Beispiele“, sagt Wolfgang Bokelmann, Professor am Albrecht Daniel Thaer-Institut für Agrar- und Gartenbauwissenschaften.

Als Gastredner trat unter anderem Miguel Altieri von der University of California in Berkeley auf. Für den gebürtigen Chilenen liegt der Schlüssel zu einer nachhaltigen, widerstandsfähigen und fairen Landwirtschaft in der Agroökologie. Die aus Lateinamerika stammende soziale Bewegung zielt auf möglichst viel Biodiversität durch die Kombination aus westlichen Landwirtschaftsmethoden und traditionellem Wissen aus Entwicklungsländern. Polykulturen, biologische Dünger und eine hohe genetische Vielfalt sind die Mittel der Wahl.

„Das Problem ist nicht, dass generell zu wenig Nahrungsmittel produziert werden, sondern dass wir keine Verteilungsgerechtigkeit haben“, sagt Altieri. „Ein Teil der Menschheit will seinen Lebensstandard auf Kosten aller anderen erhalten. Aber wir werden uns einschränken müssen, sonst bezahlen wir sehr bald den Preis für unseren Umgang mit der Natur.“ Der Forscher plädiert für eine grundlegend neue Ausrichtung von Politik, Wirtschaft und Forschung.

Trotz aller Vorteile des Konzepts von Altieri und seinen Mitstreitern – für eine flächendeckend anwendbare Alternative hält Bokelmann rein ökologische Anbausysteme nicht. „Unstrittig ist jedoch: Wir müssen zwar einerseits die Produktion steigern, andererseits dürfen wir aber dadurch nicht die Möglichkeiten zukünftiger Generationen beeinträchtigen.“ Der Tropentag habe gezeigt, dass es hinsichtlich einer nachhaltigen Welternährung keine isolierten Lösungen gebe.

Besonders erfreulich waren die rekordverdächtigen Teilnehmerzahlen und die vielen aus Afrika angereisten Nachwuchswissenschaftler. Ihr enormes Interesse und Engagement beeindruckten beide Wissenschaftler zutiefst. „Da sehe ich ein überaus großes Potenzial für die Zukunft“, resümierte Wolfgang Bokelmann den Kongress.

- Dieser Text erschien in der Beilage "Humboldt-Universität 2015".

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