Zeitung Heute : Trost suchen

Wie ein Berliner, Ost, die Stadt erleben kann

Robert Ide

Die Zeiten werden härter. „Hallo Du“, sprach mich ein Junge auf der Schönhauser Allee an. „Hast Du schon mal in den Spiegel geguckt?“ - „Ja, klar, das mache ich jeden Morgen“, antwortete ich bemüht väterlich. „Und wie findest Du Deine große Nase?“ Der Junge lachte und ließ mich stehen. Etwas Gescheites oder halbwegs Pädagogisches ist mir nicht eingefallen. So stand ich da, allein auf der Schönhauser, allein mit meiner großen Nase.

Was tut man an einem solchen Tag? Erstens: Man ruft Freunde an. Das hilft allerdings nur, wenn man nicht nur Anrufbeantworter erreicht, die zum Beispiel so gehen: Die Titelmusik von Biene Maja, ein Mann singt: Maja fliegt durch ihre Welt. Und dann singt eine Frauenstimme: Und ich auch. Piep. Nein, das tröstet nicht.

Also zweiter Versuch: Man geht einen Kaffee trinken. In den vergangenen Jahren habe ich das gern in der Buchhandlung Kiepert an der Schönhauser Allee getan, hoch oben über der Straße, bei leiser Musik, selbst gebackenem Kuchen und und von still lesendem Publikum umgeben. Das Café in der Buchhandlung gibt es zwar noch, aber seit Kiepert Thalia heißt und im Buchladen große Ratgeber-Wände die Romane in die Ecken verdrängt haben, hat sich auch das Publikum verändert. Wer will schon, wenn er Trost und Ruhe sucht, neben kreischenden Hausmüttern sitzen, die sich über Kochrezepte aus Italien amüsieren? Nein, diesen Zufluchtsort gibt’s nicht mehr.

Vielleicht hilft ja der Fernseher. Zugegeben, nachmittags ist das nicht leicht, denn die Fußballspiele, die zu dieser Zeit bei Eurosport gezeigt werden, sind so alt wie die Argumente bei der Haushaltsdebatte im Bundestag, live übertragen von einer Stillstand-Kamera. Und in der Sat 1-Talkshow geht’s um dicke Kinder. Da muss ich gleich ans eigene Unglück mit der langen Nase denken.

Also gut, Fernseher aus – und ein kleiner Spaziergang zum Briefkasten. Und wenn auch das nichts bringt außer bunter Werbung in lauten Farben, dann nützt nur noch der Gang zum verstaubten Bücherregal. In einem Buch kann man sich verlieren und vergessen. Um so mehr, wenn das Buch nur aus Briefen besteht, aus Liebesbriefen. Beispiel: „Madame, das Feuer, mit dem Ihr mich verbrennt, hat so wenig Rauch, dass ich behaupte, selbst dem strengsten Kapuziner würden sich Gewissen und Gemüt davon nicht anschwärzen.“ Cyrano de Bergerac hat das geschrieben, ein einsamer Briefeschreiber, Frankreich, 17. Jahrhunderts. Ich habe es gelesen, am Tag meiner Demütigung. Und dann habe ich mir einen Tee aus China gekocht und ein Lebkuchenherz angebissen und habe noch den ganzen Rest gelesen.

Ganz hinten, auf der letzten Seite des Buches, stand ein Satz, der mich gerettet hat: „Eine große Nase ist das Zeichen eines geistreichen, ritterlichen, liebenswürdigen, hochherzigen, freimütigen Mannes und eine kleine ist ein Zeichen des Gegenteils.“ Danke, Monsieur Bergerac. Danke für diesen wunderbaren Tag!

Das Buch „Herzstiche. Die Briefe des Cyrano de Bergerac“ ist im Deutschen Taschenbuch Verlag erschienen. Es ist laut Autor „kaum mehr als eine wirre Sammlung früher Grillen, oder besser früher Tollheiten meiner Jugend“.

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