Zeitung Heute : Trost suchen

Plümper

Wie ein Rentner die Stadt erleben kann

Rosen, Rosen, Rosen. Frauen streuen sie, kniend, traurig niederblickend oder pathetisch hoch aufgerichtet im griechischen Gewande mit großer Gebärde, den Blick ins Ewige gerichtet, meist in Marmor gearbeitet.

,Kurz und siegreich war dein Leben/konntest alle nur erfreu’n/doch wir können nichts dir geben/dankbar nur dir Blumen streun.‘ Eine Frau schaut gefasst-erwartungsvoll hinauf zu ihrem nur 37 Jahre alt gewordenen Mann, Arthur Haendler, der oben aus dem Kalkstein verschwommen auf ihre Marmorschönheit herabschaut. Hinter ihr ein zwölf Jahre alter Knabe, unbekleidet, an ihrem Knie ein kleines Mädchen. Der Junge ist später im 1. Weltkrieg gefallen, sicherlich noch keine 20 Jahre alt. Das Todesjahr ist nicht mehr zu lesen.

Der Rentner und sein Sohn stehen auf dem Grunewald-Friedhof in der Bornstedter Straße 11, wenige Schritte vom Ku’damm entfernt. Der Friedhof ist versteckt, ein kleines Dreieck, eingeklemmt von den Gleisen der Bahnen und nur über eine Brücke erreichbar.

Mein Sohn, 22 Jahre alt, findet die Atmosphäre bedrückend. Anders der Rentner: Die Statuen sind gutes Handwerk, manchmal sogar etwas mehr. Schönheit, Marmor für die Ewigkeit, der Dank für die Lebensleistung eines Verstorbenen, alles das scheint Trost gewesen zu sein. Und war es kein Trost, so konnte man sich wenigstens an Ritualen festhalten. Selbst das bängliche „Quo vadis“ auf einem Grab dachte noch an Christus und die Erlösung. Heute nehmen anonyme Begräbnisse zu. Und billiger werden sie auch, nicht aus Geiz oder Pietätlosigkeit, sondern das Sterbegeld ist reformiert, also gestrichen worden.

Wenige Schritte bis zur Kurfürstendammbrücke, ein weiter Blick: Der Funkturm überragt das Ungetüm, das ICC; ein Monstrum, ohne Gestalt, weder in der Vertikalen noch in der Horizontalen, Kaffeemaschinendesign der 80er Jahre. Dafür erfand man neue deutsche Wörter: „Congress Centrum“. Der Duden kennt sie nicht. Eine Milliarde Mark hat die Maschine gekostet. Jetzt, 25 Jahre nach der Einweihung, diskutiert man den Abriss. Aber die Stadt Berlin hat kein Geld. Und das findet nun der Rentner bedrückend.

Friedhof Grunewald, Bornstedter Straße 11, Berlin-Halensee.

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