Zeitung Heute : Trotz Reißbrett-Charakters und einem Preis zwischen 40 und 65 Mark pro Quadratmeter hat er einigen Zulauf

Harald Olkus

Vor allem Zugezogene und Berliner, Prominente ebenso wie Familien und Yuppies zieht es in die WohnungenHarald Olkus

Der Potsdamer Platz scheint sich zumindest tagsüber als feste Adresse etabliert zu haben. Durch die neuen Straßen schlendern Fußgänger, die Straßencafés sind gut besucht. Am Marlene-Dietrich-Platz stehen Touristen und beobachten die Musiker bei der Probe. Auf der Kreuzung drängeln sich Velotaxis, und am See sitzt trotz des kühlen Wetters einiges Jungvolk und blickt versonnen auf den künstlichen Wellenschlag.

Irgendwie kommt man sich am Potsdamer Platz trotz allem vor wie in einem vergrößerten Architekturmodell. Die Häuserkanten sind wie mit dem Lineal gezogen, die regelmäßigen Fassadenplatten in Gelb bis Dunkelrot verstärken den Reißbrett-Charakter des Neubauviertels. Am Ende der Straßenschluchten blitzt immer wieder das Sony-Gebäude durch, dessen westliches Ende mit seiner Fassade aus Aluminiumblenden und grünem Glas wie die überdimensionierte Frontpartie eines Kassettendecks wirkt.

Im hohen, glasbedachten Atrium des Debis-Hauses steht das Bewegungsobjekt "Méta Maxi" des Schweizer Künstlers Jean Tinguely. Ein verrottetes Klavier scheint mit einer riesigen Maschinerie aus Rädern, Transmissionsriemen, rostigen Eisenstangen, Elektromotoren, verbeulten Blechen, Trommeln und Becken verbunden. Wehe, man schlüge eine Taste an! Man ist sich sicher, dass dann sofort ein unglaubliches Getöse einsetzen würde. Tinguelys Krachmaschine wirkt in dieser postmodernen Kathedrale wie ein schrottreifer Mähdrescher, der sich in einen Luxus-Automobilsalon verfahren hat. Abgesehen vom Kaisersaal des ehemaligen Hotel Esplanade ist im gesamten Stadtviertel vermutlich kaum etwas älter als das Kunstwerk aus dem Jahr 1986.

Bis Oktober, also ein Jahr nach der Eröffnung, sollen auch die letzten zwei von insgesamt 19 Gebäuden auf dem DaimlerChrysler-Areal am Potsdamer Platz fertiggestellt sein. Doch einen Leerstand muß DaimlerChrysler Immobilien nicht befürchten. "Die Begehrlichkeiten nach Büros am Potsdamer Platz sind sehr groß", sagt Konzernsprecherin Ute Wüest von Vellberg. Die Flächen am Potsdamer Platz seien nahezu komplett vermietet. Neben der Tochterfirma Debis, die als erstes am Potsdamer Platz einzog, haben sich Banken, Wirtschaftsprüfer, Unternehmensberater dort eingemietet. Auch die Filmfestspiele haben gerade ihre Räume bezogen. Den Mietern sei im allgemeinen wichtig, dass die Adresse stimmt und das Regierungsviertel in der Nähe liegt. Die Mietpreise liegen je nach Lage und Ausstattung zwischen 40 und 65 Mark pro Quadratmeter.

"Und die Balkone bekommen auch allmählich ihre Geranien", sagt Ute Wüest von Vellberg. Die Wohnungen werden erst jetzt allmählich bezugsfertig, da DaimlerChrysler Immobilien die Priorität auf die Fertigstellung von Läden und Büros gelegt hat. Zwei Drittel der Wohnungen seien vermietet oder verkauft, bis zum Ende des Jahres soll auch dieser Bereich ausgelastet sein. Die Wohnungen kosten zwischen 18 und 25 Mark Kaltmiete pro Quadratmeter. An den Potsdamer Platz zieht es Zugezogene und Berliner, Prominente ebenso wie Familien und Yuppies.

Auch bei den Läden gibt es nach Aussagen der Konzernsprecherin keine Nachfrageprobleme. Für die Einzelhandelsgeschäfte in den Arkaden habe die Betreibergesellschaft ECE eine Warteliste von etwa 1000 Firmen. Allen Unkenrufen zum Trotz stimmten auch die Umsätze der Kinos und des Musicaltheaters. "Und dabei sind wir hier immer noch eine Insel." Sobald Sony, ABB, der Leipziger Platz und der unterirdische Regionalbahnhof fertig seien, würden die Geschäfte am Potsdamer Platz noch besser gehen.

Ute Wüest von Vellberg findet, es sei ihrem Konzern gelungen, mitten in Berlin ein lebendiges Stadtviertel zu errichten. Dies sei vor allem dem Konzept der Nutzungsmischung zu verdanken. Ursprünglich hatte DaimlerChrysler geplant, am Potsdamer Platz 80 Prozent Büroflächen zu errichten. Schließlich habe sich aber die Erkenntnis durchgesetzt, daß auch Büroleute nicht in einer reinen Bürostadt arbeiten wollen. Deshalb legte sich DaimlerChrysler auf 50 Prozent Büros, 20 Prozent reine Wohnhäuser und 30 Prozent "stadttypische Nutzungsflächen" fest. Für die Betreiber der einzelnen Geschäfte sei bereits eine Wechselwirkung erkennbar. Vormittags besuchen bis zu 20 Schulklassen das Imax-Kino. "Die Schüler trinken nach der Vorstellung natürlich eine Cola oder essen ein Eis." Ähnliche Synergien gebe es zwischen dem Hotel und dem Spielcasino sowie dem Cinemaxx und den 30 Restaurants, Bars und Cafés auf dem 68 000 Quadratmeter großen Areal. Nach einer Erhebung des "Arkaden"-Betreibers ECE kaufen dort je ein Drittel Berliner, Besucher aus dem Umland und Touristen ein.

Mit "Verblüffung und Freude" registriert Ute Wüest von Vellberg auch eine große Nachfrage von Kulturinstitutionen. "Ständig kommt jemand, der etwas auf dem Marlene-Dietrich-Platz veranstalten will." So findet demnächst das Berliner Bühnen Festival an verschiedenen Orten des Potsdamer Platzes statt. Das erspart dem Konzern aufwändige Marketing-Aktionen und zieht voraussichtlich auch Besucher an, die das neue Stadtviertel heute noch als abgelegen empfinden.
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