Zeitung Heute : Trügerische Stille

Elke Windisch

Nachdem deutsche Medien Bilder von Bundeswehrsoldaten veröffentlicht haben, auf denen die Männer mit einem Totenschädel posieren, ist die Angst vor gewalttätigen Aktionen groß. Wie haben die Menschen in den muslimischen Ländern auf die Fotos reagiert?


Die Bilder der Bundeswehrsoldaten, die in Afghanistan einen Totenschädel wie eine Trophäe in die Höhe halten, sind in den Medien des Landes nicht aufgetaucht. Das dürfte daran liegen, dass Rundfunk und Zeitungen, die nach dem Ende der Talibanherrschaft im Dezember 2001 unter Mühen wieder zu arbeiten begonnen haben, finanziell immer noch schlecht aufgestellt und langsam sind. Außerdem feiert die islamische Welt gerade Id al Fitr, das Fest nach dem Fastenmonat Ramadan.

In Afghanistan ebenso wie in Pakistan erscheinen zu dem Feiertag keine Zeitungen. Selbst die Internetagenturen beider Staaten beschränken sich während Id al Fitr auf Notausgaben. Noch ist es also ruhig. Doch am Abend verurteilte der Sprecher des Außenministeriums die Totenschändung in scharfen Worten. Und fast zeitgleich warfen ein Sprecher der Regionalregierung in der Südostprovinz Kandahar und lokale Stammesführer der Nato vor, bei Flächenbombardements am Dienstag mindestens 50, vielleicht sogar 90 Zivilisten getötet zu haben, meldete Radio Azadi, der afghanische Dienst des US-Auslandssenders RFL. Wenn nach dem Fest auch für die Medien wieder der Alltag beginnt, dürften die Wogen der Empörung in der Region hoch schlagen. Totenschändung ist im Islam eine schwere Sünde und zieht nach koranischem Recht drakonische Strafen nach sich. Dazu kommt, dass in Afghanistan parallel zum islamischen auch ein archaisches, rigides Gewohnheitsrecht gilt. Vor allem in den Paschtunengebieten handelt man nach dem Prinzip „Auge um Auge, Zahn um Zahn“.

Befürchtungen, wie sie Afghanistans Wirtschaftsminister Amin Farhang im „Spiegel“ äußerte, sind daher durchaus angebracht. Der Minister will „heftige Reaktionen in den kommenden Tagen“ nicht ausschließen. „Radikale Kräfte“, sagt er, und meint damit die wiedererstarkten Taliban und die mit ihnen verbündeten islamischen Extremisten, „suchen geradezu nach solchen Situationen, um die Afghanen gegen die westlichen Truppen oder speziell gegen die Deutschen aufzuhetzen.“

In der Tat hatte bereits am Sonntag Talibanchef Mullah Omar aus dem Untergrund für die Zeit nach dem Ramadan mit einer „neuen Eskalation der Gewalt auf überraschendem Niveau“ gedroht und die Nato aufgefordert, Afghanistan zu verlassen. Zwar richtete sich der Hass radikaler Islamisten bisher vor allem gegen die USA. Nachdem Washington als Reaktion auf die Anschläge vom 11. September 2001 den Krieg gegen den Terror ausgerufen hatte, waren amerikanische Truppen in Afghanistan einmarschiert. Fünf Jahre später wehren sich nicht nur Islamisten immer noch gegen die fremde westliche Werteordnung und die ihrer Ansicht nach demonstrative Missachtung lokaler Traditionen. Weil aber die internationale Schutztruppe Isaf inzwischen viele Aufgaben der Antiterroreinheiten der US-Armee übernommen hat, richten sich die antiwestlichen Vorurteile nun auch gegen die Nato-Truppen.

Bisher haben die Bundeswehrsoldaten in Afghanistan einen guten Ruf. Dass liegt zum einen an der langen und guten Beziehung beider Länder zueinander. Zum anderen sind die Deutschen durch demonstrative Höflichkeit gegenüber den Einheimischen aufgefallen und nicht durch Brutalität. Auch wenn den schuldigen Soldaten nun harte Konsequenzen drohen – es wird wohl schwer werden das Ansehen zu retten, das die Bundeswehr bislang am Hindukusch genossen hat.

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