Zeitung Heute : Trümmer des Dialogs

Der Tagesspiegel

Von Andrea Nüsse

Ein palästinensischer Polizist hält ein Foto hoch. Es zeigt Palästinenserpräsident Jassir Arafat mit der ehemaligen US-Außenministerin Madeleine Albright. „Für den Vorsitzenden Arafat. Es ist eine Freude, Ihr Freund zu sein und mit Ihnen für den Frieden im Nahen Osten zu arbeiten“, steht handgeschrieben darauf. Das Foto mit Albrights Widmung ist ein Zeitdokument aus einer anderen Epoche – auch wenn es höchstens drei Jahre alt ist. Es hing in Arafats Amtssitz in Gaza-Stadt. Dort, wo er bis vor einigen Wochen berühmte Politiker wie den französischen Präsidenten Jacques Chirac, den US-Präsidenten Bill Clinton und den israelischen Außenminister Schimon Peres empfing. Jetzt ist das Foto eines der wenigen Dokumente, welche die Wachleute aus Arafats einstigem Amtssitz retten konnten. Ansonsten sind von dem schlichten, weißen Betonbau nur noch Schutt, herabhängende Dachbalken und zersplitterte Kacheln übrig geblieben.

Die israelische Armee hat das Büro Arafats in der Nacht zum Sonntag völlig zerstört. Vom Empfangsraum für ausländische Gäste im ersten Stock und Arafats winzigem Schlafzimmer, das er in Ausnahmefällen benutzte, ist nichts mehr da. Im ebenfalls zerstörten Konferenzraum im Erdgeschoss stehen kurioserweise noch unbeschädigt die beiden Rednerpulte, an denen Arafat und seine Gäste die Pressekonferenzen gaben. Die israelische Armee wollte sicher gehen, dass vom höchsten Symbol palästinensischer Eigenstaatlichkeit nichts übrig bleibt: 25 Raketen wurden auf das zweistöckige Gebäude, das am Strand von Gaza mit Blick aufs Mittelmeer liegt, abgeschossen. Die ersten fünf kamen von Kriegsschiffen vor der Küste. Sie rissen die Fassade weg. Und gaben den Wachleuten, die in dem Gebäude Dienst hatten, Zeit, sich in Sicherheit zu bringen. Aus der Luft schossen dann Hubschrauber weitere 20 Raketen auf das Gebäude ab. Als Vergeltung für den Selbstmordanschlag eines Palästinensers in einem Jerusalemer Café, bei dem am Sonnabend elf Menschen starben – nur wenige Meter von Ariel Scharons Residenz entfernt.

Jassir Arafat selbst konnte sich die Bilder seines zerstörten Amtssitzes bisher nur im Fernsehen ansehen. Er sitzt seit drei Monaten unter Hausarrest in Ramallah. Doch vielleicht schon in den „nächsten Tagen“ darf er den Schaden persönlich begutachten. Der Palästinenserführer könne sich bald im Westjordanland und in Gaza frei bewegen, teilte Außenminister Schimon Peres am Montag mit. Nur, dass Arafat jetzt, da er nach Gaza zurückkehren darf, dort gar keinen Amtssitz mehr hat.

Am Sonntag haben sich spontan etwa tausend Menschen vor den Trümmern versammelt, um ihre Solidarität mit dem „rais“, dem politischen Führer, zu zeigen. Fatah-Aktivisten, Politiker, aber auch Oppositionelle und Familien mit Kindern sind zu dem ehemaligen Amtssitz gepilgert. Durch die Absperrung des Gebäudekomplexes dürfen allerdings nur Journalisten. „Wir bauen das alles wieder auf“, erklärt ein Passant entschlossen. „Auch damit können sie uns nicht demütigen“, schwört ein anderer. Der Schock sitzt dennoch tief. Ein palästinensischer Journalist, nennt die Zerstörung von Arafats Amtssitz ein „Trauma“ für die Palästinenser. Damit habe niemand gerechnet. Immer wieder betonen die Menschen, die sich vor den Trümmern einfinden, dass dieses Haus doch ein Symbol des Friedens und der Verhandlungen gewesen sei. Anscheinend hatten auch die Sicherheitskräfte den Angriff auf Arafats Amtssitz nicht erwartet: Bücher und Dokumente ragen aus dem Schutt hervor, als sei aus den Büros nichts evakuiert worden. Die meisten Polizeiwachen und Gebäude der Sicherheitskräfte in Gaza sind hingegen aus Angst vor Angriffen längst leer geräumt.

Abu Haseira hat sein Restaurant, das ganz in der Nähe von Arafats Amtssitz am Strand liegt, zwar nicht ausgeräumt. Aber zum Essen kommt trotzdem niemand her. Touristen gibt es schon lange keine mehr, und die Menschen in der Stadt können sich den Restaurantbesuch nicht mehr leisten, nur wenige haben in Gaza noch Arbeit. Dabei gibt es im „Al-Salam“, arabisch für Friede, angeblich den besten Fisch der Stadt. „Ich kann es gar nicht fassen“, sagt der Mann, der mit seinen Freunden vor der Restauranttüre sitzt und Tee trinkt. „Wozu zerstören die Israelis Arafats Büro? Eines Tages werden sie doch wieder mit ihm reden müssen.“ Wirklich überrascht wirkt Abu Haseira aber nicht. Dazu haben die Bewohner von Gaza wohl schon zu viele Bomben fallen sehen. Nachdem die israelische Armee vergangene Woche sogar eine Rakete auf Arafats Hauptquartier in Ramallah abgeschossen hatte, während er in seinem Büro den europäischen Nahostbeauftragten Miguel Moratinos empfing und mit Israels Außenminister Peres telefonierte, sind die Menschen hier auf alles gefasst.

Auch der palästinensische Abgeordnete und Politikwissenschaftler Siad Abu Amr aus Gaza gibt sich gelassen: „Israel hat in den vergangenen Monaten alle Erwartungen übertroffen, da musste man auch mit dieser Tat rechnen.“ Für den auch im Westen bekannten Politiker ist die Bombardierung von Arafats Amtssitz eine „Verzweifungstat“, eine „Bankrotterklärung“. Die israelische Regierung habe bis heute nichts von der Dynamik einer Besatzung verstanden. Die Bombardierung von Arafats Amtssitz stärke nur dessen Glaubwürdigkeit und Ansehen bei den Palästinensern. Außerdem könne Arafat jederzeit „1000 neue Büros“ in Gaza finden. Eines steht schon bereit: Neben dem flachen Gebäude, in dem Arafat bisher arbeitete und seine Gäste empfing, ragt ein mehrstöckiger Neubau in den Himmel. Hierhin sollten die Mitarbeiter des Präsidentenbüros in Kürze umziehen. Dieses Gebäude hat die israelische Armee bisher verschont. Die Frage ist, wie lange noch.

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