Zeitung Heute : Trümmer in der Seele

Ihr Leben lang hatte sie Albträume – bis sie diese alten Briefe fand. Warum die Kriegskinder ihre Vergangenheit nicht loswerden

Nina Bewerunge

Das Loch, in dem sie sitzt, ist tief und kalt. Sie kauert auf dem feuchten Steinfußboden, sie zittert. Schwarze Nacht ist es in dem Loch und eng, so eng, dass sie nicht herauskommt. Sie hat Angst, duckt sich, versucht, sich mit den Armen zu schützen. Denn von oben fallen schwere Steinplatten herunter. Immer mehr werden es. Sie türmen sich auf, erdrücken das Kind, schließen es ein. Die Kleine gerät in Panik, schreit um ihr Leben – dann wacht sie auf.

„Ich war jedes Mal schweißgebadet, voller Ängste, und ich habe das Gefühl, dass ich immer lange gebraucht habe, bis ich wach wurde“, sagt Elisabeth Moormann. Sie sitzt am Esstisch, eine zierliche Frau, 63 Jahre alt, mit weichen, lockigen Haaren. Es ist eine gemütliche Berliner Dachgeschosswohnung, licht, schöne alte Möbel, Familienfotos überall. Ganz gerade sitzt die Frau auf ihrem Stuhl, der Rücken scheint die Lehne gar nicht zu brauchen, die Hände im Schoß gefaltet. Noch heute spürt man ihre Verzweiflung, wenn sie von dem Alb erzählt, der ein Leben lang auf ihr gelastet hat: „Er war wirklich beklemmend. Ich träume viel, und bei manchen Traumanfängen habe ich mir noch gedacht: Hoffentlich kommt das nicht hinterher. Manchmal hat man ja das Gefühl, dass man so etwas ein bisschen steuern kann. Aber ich konnte es nicht.“

Schon als Kind war Elisabeth allein mit ihrem Traum – vielleicht, weil sie ohne Mutter aufwuchs. Da gab es zwar die Tanten auf dem elterlichen Gut im Münsterland, der Vater war an der Front, es war Krieg, aber die Erwachsenen hatten andere Sorgen. Später heiratet sie, bekommt Kinder, zieht nach Berlin – aber der Traum folgt ihr.

Immer hatte Elisabeth Moormann das diffuse Gefühl, dass etwas mit ihr nicht stimmt. Ihre Eigenheiten schienen über das normale Maß hinauszugehen. Sie war extrem schreckhaft, vor allem bei Flugzeugen. Fluglärm löste Panik in ihr aus. Und dann die Klaustrophobie: Enge Gänge, abgeschlossene Räume konnte sie nicht ertragen, lieber stieg sie viele Stockwerke die Treppen hoch, als sich mit anderen im Aufzug zu drängeln. Der Traum, die Ängste – all das machte ihr das Leben schwer. Bis zu jenem Tag vor zwei Jahren, als der Zufall ihr half, Licht in ihre eigene Geschichte zu bringen und sich aus dem Loch zu befreien.

Elisabeth Moormann packt einen staubigen Ordner auf den Tisch. Er ist schon ganz brüchig, das Papier vergilbt. „Krankheiten Elisabeth“ steht drauf. Sie fand den Ordner in einem Paket, das ihr der Bruder geschickt hatte. Er war ins Elternhaus eingezogen und hatte die Sachen beim Ausmisten gefunden: alte Briefe, Schulzeugnisse, Bücher. Elisabeth Moormann wurde neugierig, blätterte und las. Schließlich, ganz unten im Paket, fand sie den Ordner. Beinahe hätte sie ihn damals noch beiseite gelegt, „was sollte da schon drinstehen? Dann habe ich doch reingeschaut, und es hat mich wie ein Blitz getroffen.“ Der Ordner enthielt Briefe, chronologisch geordnet. Elisabeth Moormann begann zu lesen und konnte nicht mehr aufhören.

Es sind die Berichte eines Arztes. Er schreibt 1944 an Elisabeths Familie. Elisabeth ist seine Patientin. Sie ist gerade zwei Jahre alt und muss am Gaumen operiert werden. Eine schwierige Operation, der Vater vertraut nur dem besten Arzt und hat das Kind ins ferne Berlin geschickt. Die erste Operation misslingt, erst bei der zweiten kann der Arzt die Gaumenspalte schließen. Alle sind erleichtert. Aber dann passiert die Katastrophe: Berlin erlebt einen schweren Luftangriff. Ganze Straßenzüge werden dem Erdboden gleichgemacht – auch die Charité, in der Elisabeth liegt. Unter den Trümmern suchen die Rettungsmannschaften tagelang nach Überlebenden und finden doch nur Tote. Es bestehe kaum Aussicht, Elisabeth lebend zu bergen, schreibt der Arzt an die Familie. Da geschieht das Wunder doch noch: Nach fast einer Woche wird sie unter Tonnen von Schutt gefunden. Elisabeth lebt, aber sie muss so geschrien haben, dass die Gaumenspalte wieder aufgerissen ist. Fast ein halbes Jahr ist sie danach noch im Krankenhaus, irgendwo auf dem Land inmitten der Schlachten, die im letzten Kriegsjahr um Berlin geschlagen werden. Irgendwann, so weiß sie heute, hat man ihr ein Schild mit Namen und Adresse um den Hals gehängt und sie zu Fremden ins Auto gesetzt. Die bringen das Kind dann nach Hause. Da ist sie drei. Und schreit. Jede Nacht.

Elisabeth Moormanns Augen füllen sich noch heute mit Tränen, wenn sie erzählt, aber sie lächelt gleichzeitig, als könne sie die eigene Geschichte immer noch nicht fassen. Am Tag, als sie den Ordner fand, war sie endlich frei: „Als ich die Akte gelesen hatte, wusste ich plötzlich: Mein schrecklicher Traum muss mit diesem Verschüttet-Sein zu tun haben. Von diesem Moment an musste ich diesen Traum nie mehr träumen. Nie mehr!“

Elisabeth Moormann ist Jahrgang 1942, ein Kriegskind – und mit all ihren Ängsten „ein absolut typischer Fall“, sagt Hartmut Radebold am Telefon, die Stimme ist warm und tief, sie gehört hörbar zu einem älteren Mann, Radebold ist selber ein Kriegskind, Jahrgang ’35. In Kassel ist er Psychoanalytiker und Professor für klinische Psychologie, spezialisiert auf die Behandlung von alten Menschen. Allein in den vergangenen 15 Jahren hat er zehn Langzeitanalysen bei über 60-Jährigen durchgeführt. Und es sind viele Kriegskinder unter seinen Patienten – Menschen der Jahrgänge 1927 bis 1946 also, das Jahr nach Kriegsende wird noch mitgerechnet. Sie stellen heute ein Drittel aller Erwachsenen in Deutschland. Während des Krieges waren sie den unterschiedlichsten, oft traumatischen Erlebnissen ausgesetzt. Doch erst jetzt, 60 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges, nimmt sich die Wissenschaft dieses Themas an. Die erste große Tagung zum Beispiel – Titel: „Die Generation der Kriegskinder und ihre Botschaft für Europa 60 Jahre nach Kriegsende“ – findet am kommenden Donnerstag in Frankfurt am Main statt. 560 Wissenschaftler aus dem In- und Ausland werden kommen.

Hartmut Radebold wird einen der Einführungsvorträge halten. Er gilt als der erste Wissenschaftler, der die langfristigen psychischen Folgen der Kriegskindheit entdeckt und an die Öffentlichkeit gebracht hat. „Der Zweite Weltkrieg“, sagt er, „ist für viele noch lange nicht zu Ende.“ Dass sie die eigene Vergangenheit zwar kennen, aber die damit verbundenen Gefühle verdrängt haben. Wirklich verarbeitet haben seine Patienten die Kriegszeit nicht, sagt er.

Angesichts der Schrecken des Krieges und der kollektiven Schicksale hat diese Generation gelernt, ihr persönliches Schicksal nicht wichtig zu nehmen. Es gab immer jemanden, den es noch schlimmer getroffen hatte – wozu also jammern? Was uns nicht umbringt, macht uns härter. Und es hörte ihnen ja ohnehin keiner zu. Viele Kinder waren von den Eltern getrennt oder wuchsen vaterlos auf, mit Müttern, die viel zu sehr mit Überleben beschäftigt waren. Die Kinder funktionierten perfekt, machten den Eltern keine Scherereien, waren auch als Erwachsene unauffällig. „Anormal normal“, nennt Hartmut Radebold das: „Sie erfüllen ihre Pflichten, sie sind erfolgreich im Beruf, aber sie werden allzu oft von ihren Problemen wieder eingeholt.“

Denn wenn diese Menschen erst pensioniert sind, sei auf einmal genug Raum zum Grübeln – und plötzlich kämen die Bilder wieder. Die Folgen seien vielfältig, manche sind nur unzufrieden, andere bekommen Depressionen. Eine europaweite Studie, die im Februar 2004 in „World Psychiatry“ veröffentlicht wurde, erläutert die Gründe für Depressionen bei über 60-Jährigen und kommt zu dem Ergebnis, dass in Städten, die massiv vom Krieg betroffen waren, weitaus mehr Menschen unter psychischen Krankheiten leiden als in Orten, die verschont blieben. In Berlin 16 Prozent, in München 27 Prozent, in Saragossa dagegen nur 10,7 oder in Liverpool zehn.

Eine Psychotherapie könne den Betroffenen helfen und lohne sich auch im Alter noch, sagt Radebold; seine älteste Patientin ist 84 Jahre alt. Schwierig sei nur, dass viele Therapeuten nicht mit älteren Menschen arbeiten wollen oder sich mit der Thematik nicht auskennen: „Man schätzt, dass in 70 Prozent aller therapeutischen Praxen kein Patient über 60 ist.“ Viele Kollegen, sagt Radebold, dächten bei der Behandlung ihrer Patienten gar nicht an den Krieg – dächten nicht historisch.

Der wichtigste Schritt sei allerdings, sich die eigene Geschichte bewusst zu machen, so, wie es Elisabeth Moormann getan hat. Sie hat Angst und Albtraum ohne Therapie überwunden, ein staubiger Ordner hat sie befreit: „Ich fühle mich wirklich ein Stück weit geheilt“, sagt sie, „weil ich viel über meine Vergangenheit begriffen habe. Jetzt habe ich das Gefühl, dass bei mir Ruhe eingekehrt ist.“ Sie hat damit abgeschlossen. Sie hat sogar den Ordner mittlerweile weggeworfen.

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