Zeitung Heute : Trümmerhaufen der Macht

Der Tagesspiegel

Von Charles A. Landsmann

und Andrea Nüsse

Im Flüchtlingslager Dschenin verwesen die Leichen, in Jerusalem streiten sich im Sicherheitskabinett Ariel Scharon und Schimon Peres, in Ramallah treffen sich doch noch Palästinenserpräsident Jassir Arafat und US-Außenminister Colin Powell. In Dschenin lässt erstmals die Armee israelische Journalisten ins Flüchtlingslager, in Jerusalem werden deren Kollegen mit nichtssagenden offiziellen Erklärungen eingedeckt, in Ramallah wird der journalistische Begleittross von der israelischen Armee 200 Meter vom weitgehend zerstörten und eingekesselten Amtssitz Arafats ferngehalten. Bilder von seltener Dramatik: Leid und Schrecken im Flüchtlingslager, hochmütige Siegesgewissheit in Jerusalem und schließlich in Ramallah eine fast surreale Szenerie wild entschlossener Hoffnungslosigkeit.

In Dschenin kennt man noch immer nicht die Zahl der palästinensischen Toten. „Einige Dutzend“ meist Bewaffnete – so der israelische Verteidigungsministers Binyamin Ben-Eliezer; „500 Massakrierte“ – so diverse palästinensische Autonomieminister. In Jerusalem kritisieren Minister den eigenen Armeesprecher, weil der ursprünglich von rund 200 gegnerischen Toten gesprochen hatte, bei 23 eigenen Verlusten. In Ramallah bleiben die israelischen Panzer rund um Jassir Arafats Amtssitz demonstrativ in etwas zurückgezogener Sichtweite, während sie sich bei den Treffen des amerikanischen Chefvermittlers Anthony Zinni letzte Woche noch symbolisch vorübergehend ganz aus dem Blickfeld gemacht hatten.

Jerusalem und Ramallah, die israelische Hauptstadt und der Arafat aufgezwungene Amtssitz, liegen eine Viertelstunde Autofahrt auseinander – an normalen Tagen. Doch längst ist hier nichts mehr normal, die Anormalität war Norm geworden, bis Ariel Scharon nach der grauenhaften Serie von Anschlägen die „Operation Schutzwall“ befahl. Powells Konvoi umfährt zwar die berüchtigten Checkpoints, an denen Palästinenser früher oft stundenlang warten mussten, doch auch er braucht eine gute halbe Stunde, bis er in jenem Trümmerhaufen ankommt, der einmal das Zentrum der palästinensischen Macht in Ramallah war. Augenzeugen aus der abgeriegelten Stadt berichteten, israelische Soldaten hätten wenigstens noch einige Trümmer von den Straßen geräumt, die Powell auf seinem Weg zu Arafat nahm. Auch Lebensmittel und Wasser wurden vor Powells Eintreffen an die Eingeschlossenen geliefert.

Dennoch nahm sich die Kulisse gespenstisch aus. Menschenleere Straßen in der sonst geschäftigen Kleinstadt, die das politische und kulturelle Zentrum der Westbank bildet. Die Bewohner stehen unter Ausgangssperre, verriegelte Läden, zerschossene Autos, zerstörte Häuser. Auch während Powells Besuch waren Explosionen zu hören. Nach Vermutungen von Fernsehreportern in Ramallah sprengten israelische Soldaten Türen auf, um weitere Häuser und Büros zu durchsuchen.

Zwei Wochen lang musste Jassir Arafat mit internationalen Friedensaktivisten vorlieb nehmen. Sie waren die Letzten gewesen, die sich durch den israelischen Sicherheitsring in sein Gebäude geschlichen und ihm in seiner Gefangenschaft Gesellschaft geleistet hatten. Dann wurden die Kontrollen verstärkt, und kein Besucher drang mehr zu ihm vor. Diese Isolation ist möglicherweise die größte Folter für den Palästinenserführer, der mit Vorliebe ausländische Delegationen empfängt oder selbst in ausgedehnten Reisen um den Globus tourt. Auch der europäische Koordinator für Außenpolitik, Javier Solana, wurde letzte Woche von der israelischen Regierung brüsk abgewiesen.

Wenige Stunden später durfte allerdings dann doch der US-Sondergesandte Anthony Zinni in Jassir Arafats Hauptquartier. Auch Ägyptens Außenminister Ahmed Maher erhielt eine Sondergenehmigiung. Und nun zur Krönung der Außenminister der Weltmacht USA, Colin Powell. Mit seiner Ankunft hat die Lockerung der Isolierung eine ganz andere Dimension bekommen. Allein die Tatsache, dass die Begegnung trotz des freitäglichen Terroranschlages in Jerusalem überhaupt stattfand, stellt einen großen politischen Erfolg Arafats dar.

Noch schlechter rasiert als sonst empfängt er den ihn weit überragenden Gast im größten der drei Räume, die ihm noch geblieben sind, im Esssaal. Dort, immerhin, sind keine Spuren der Verwüstung auszumachen. Eine Stunde war für das Treffen eingeplant, doch erst nach drei Stunden kommen Powell und der palästinensische Chefunterhändler Saeb Erakat vor die Türe. Keine Pressekonferenz, sondern nur ganz kurze Erklärungen. Powells lapidarer Kommentar: Die Gespräche seien „nützlich und produktiv“ gewesen. Dies hörte sich zumindest nicht so an, als wollten die USA Arafat endgültig fallenlassen. Etwas gesprächiger war Erekat. Er beantwortete immerhin die Frage, warum Arafat den US-Außenminister nicht persönlich bis vor die Tür gebracht habe. Der Chefunterhändler zeigte auf die umliegenden Dächer und erklärte: „Schauen Sie, dort sitzen überall israelische Scharfschützen.“ Arafat sei bereit, fügte er hinzu, alles zu tun, um die Gewalt zu beenden. Allerdings erst, wenn die israelische Armee sich aus den wiederbesetzten palästinensischen Gebieten zurückgezogen habe.

Sofort nach diesen Erklärungen fährt der Konvoi ab. Powell wollte am Abend Scharon in Tel Aviv treffen. Arafat bleibt in den bewohnbaren Resten seines Amtssitzes zurück. Und noch immer ist nicht entschieden, wie viele Leichen in den Gassen, Höfen und Ruinen des Flüchtlingslagers Dschenin liegen und wer sie endlich bestatten wird.

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