Tschetschenien : Boxen für die Politik

Über Sarah Palin, die frühere Gouverneurin von Alaska, wurde dieser Tage verbreitet, sie wolle in Prag einmarschieren, in die Hauptstadt der Tschechischen Republik, und dort alles niederbomben. Als Vergeltungsmaßnahme für das Attentat auf den Marathon von Boston. Zuzutrauen wäre ihr das, auch wenn die Attentäter gerade nicht aus Tschechien kamen, sondern einen tschetschenischen Hintergrund haben. Palins Äußerung aber war nur ein Hoax, eine Falschmeldung, ein Scherz. Uff, Tschechien bleibt erhalten, was insofern erleichternd ist, weil der Mittfünfziger ab der kommenden Woche durch acht Länder um Deutschland herum – unter anderem durch Tschechien – läuft. Wäre blöd gewesen, wenn es dann kein Tschechien mehr gegeben hätte und nichts mehr darüber zu erzählen wäre. Zum Beispiel eine Geschichte aus, Achtung Sarah Palin, Tschetschenien. Oder besser über Tschetschenen. Etwa Tamerlan, einen der mörderischen Brüder aus Boston, der eine Karriere als Boxer der Mutter zuliebe aufgab, die befürchtete, ihr Sohn gerate mit Boxen in die Nähe von Mädchen und Marihuana. Wäre auf jeden Fall besser gewesen.

Boxen kann ja auch eine gute Schule sein, je nachdem, in welche Hände es fällt. Also nicht in die von Mike Tyson oder Ramsan Kadyrow. Ramsan Kadyrow, Präsident Tschetscheniens und ein ziemlich übel beleumundeter Kerl. Noch viel, viel schlimmer als Sarah Palin. Der Mann hat eine große Affinität zum Sport, hat auch mal ein Fußballspiel veranstaltet, bei dem er als Kapitän mitwirkte und es gegen eine brasilianische Weltmeisterauswahl ging. An der Seite Kadyrows kickte unter anderem Lothar Matthäus, gegen Bezahlung natürlich, vielleicht auch, um einer anderen sportlichen Vorliebe des schrecklichen Despoten zu entgehen. Kadyrow ist ziemlich bullig. Und er boxt. Das kann schmerzhaft sein. Besonders wenn es als politische Methode eingesetzt wird. Kadyrow hat sich jetzt ausgedacht, seine Minister in den Ring zu beordern, wenn er ihnen etwas zu sagen hat. Als Erster musste Sportminister Salambek Ismailow antreten. Der Chef Kadyrow war unzufrieden, weil die Renovierung des Ministeriums schleppend vorangeht. „Während unseres Dialogs (oder eher unseres Sparrings) habe ich dem Minister sanft und unaufdringlich mit einigen rechten und linken Haken erklärt, dass er seinen Kopf benutzen muss“, meinte Kadyrow. Immerhin, das Opfer durfte einen Kopfschutz tragen. Den Kopf zu benutzen, das gilt auch für Sarah Palin, ist immer gut.Helmut Schümann

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