Tschetschenien : Kaukasischer Teufelskreis

Sie dachten, es sei endlich Ruhe eingekehrt in ihrer Heimat. Doch nach Jahren des Krieges durchleben die Tschetschenen nun einen neuen Albtraum: Fast wöchentlich sprengen sich Selbstmordattentäter in die Luft. Islamisten haben den Kampf um Unabhängigkeit zum Glaubenskrieg gemacht.

Moritz Gathmann[Grosny]
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Spuren der Gewalt. Vor dem Konzerthaus von Grosny betrachten tschetschenische Polizisten die blutigen Überreste eines...Foto: dpa

Es ist Freitagnachmittag, kurz nach zwei, das Hauptgebet geht zu Ende. Die Gläubigen strömen aus der Achmad-Kadyrow-Moschee, einem marmornen Prachtbau, der vor einem Jahr fertiggestellt wurde. Die Sonne wärmt noch an diesem Herbsttag in Grosny, auf dem Wladimir-Putin-Prospekt hinter der Moschee fließt der Mittagsverkehr. Einige Tschetschenen setzen sich an den Brunnen neben der kürzlich eröffneten Russischen Islamischen Universität, sie diskutieren über die Predigt des Imams. „Selbstmordattentäter können nicht barmherzig sein“, hat er die Gläubigen belehrt.

Später, im Abendfernsehen, wird ein anderer Imam von der „goldenen Zukunft“ sprechen, die für Tschetschenien nun endlich angebrochen sei. Gezeigt werden Bilder vom Putin-Prospekt, wo sich Schönheitssalon an Café reiht, und von Wohnvierteln, wo kaum ein Haus mehr an den Krieg erinnert, der die Menschen dieses Landes 15 Jahre lang gequält hat. Der 32-jährige Präsident Ramsan Kadyrow hat aus Ruinen innerhalb weniger Jahre blühende Landschaften gemacht.

Nur die „Teufel“ stören diese Idylle.

Seit die russische Armee Mitte April ihre knapp zehnjährige „konterterroristische Operation“ offiziell beendet hat, sprengen sich in Tschetschenien und den nordkaukasischen Nachbarrepubliken Dagestan und Inguschetien fast jede Woche junge Männer in die Luft. Sie sind 25, manchmal erst 18 Jahre alt. Meist reißen sie Polizisten mit in den Tod. Ihre Anschläge sind offenbar von langer Hand geplant: In Berlin wurden vergangene Woche bei einer Großrazzia drei Islamisten ermittelt, die Terroranschläge in Russland vorbereitet haben sollen. Auf den Straßen von Grosny stehen nervöse Uniformierte mit Maschinenpistolen im Anschlag. Jeder, der ihnen zu nahe kommt, könnte einer der selbst ernannten „Schahide“ sein – Märtyrer im Namen Allahs.

Uvays ist an diesem Freitag nach Schali gefahren, eine Stadt 35 Kilometer südöstlich von Grosny. Zwei „Märtyrer“ haben sich in der vergangenen Nacht an einem Polizeiposten in die Luft gesprengt, unter den Verletzten ist der 22-jährige Polizist Amin, ein Cousin von Uvays. „Der Typ kam von hinten angerannt, hat laut ‚Allahu Akbar‘ geschrien und sich in die Luft gesprengt“, berichtet der 31-Jährige, der in Grosny als Anwalt arbeitet. So haben es ihm Augenzeugen erzählt. Er und mehrere Dutzend Verwandte halten nun nach tschetschenischer Tradition vor dem Krankenhaus Wache. In kleinen Gruppen hocken sie auf den Bordsteinen und warten auf Neuigkeiten: Amin wird im künstlichen Koma gehalten, eine Kugel steckt in seinem Kopf. Erst vor wenigen Monaten war er Polizist geworden, abends studierte er Geschichte. Natürlich hatte sein Vater ihn vor dem Berufsrisiko gewarnt. „Aber für junge Leute gibt es hier nur zwei Möglichkeiten, Geld zu verdienen: entweder als Polizist oder als Bauarbeiter“, sagt der Vater, der nach der zweiten schlaflosen Nacht tiefe Augenringe hat.

Amins Verwandte haben schnell herausgefunden, wer der Attentäter war: ein junger Mann aus der Stadt Argun, nur ein Jahr jünger als Amin. Vor etwa drei Jahren hatte er sich den Rebellen angeschlossen, war „in den Wald gegangen“, wie es hier heißt. Ein Handy wird herumgereicht: Da liegt er, der Attentäter, mit weit aufgerissenen Augen, vom Körper nur noch der Torso und ein Arm übrig, zerfetzt von einem mit Metallkugeln gefüllten Sprengstoffgürtel.

Auf einem anderen Bildschirm, er hängt in einer Schaschlik-Stube gegenüber des Krankenhauses, verkündet derweil ein vor Selbstbewusstsein strotzender Präsident Ramsan Kadyrow, die Rebellen seien „Schaitany“, Teufel, mit denen er kurzen Prozess machen werde.

Nicht nur Polizisten, auch die politische Elite wird von den Attentätern ins Visier genommen: Ende Juni sprengte ein Mudschaheddin die Fahrzeugkolonne des inguschetischen Präsidenten Junus-Bek Jewkurow in die Luft, er überlebte schwer verletzt. Aus dem Kampf der Tschetschenen für Unabhängigkeit, der seit 1994 rund 60 000 Menschenleben forderte, hat sich ein Bürgerkrieg fundamentalistischer Islamisten gegen die lokalen Machteliten entwickelt.

Dabei waren in den letzten Jahren fast alle, die Ramsan Kadyrows Macht infrage stellen könnten, ausgeschaltet worden. Aslan Maschadow, der ehemalige Präsident, wurde 2005 getötet, den Rebellenführer Schamil Bassajew erschoss 2006 der russische Geheimdienst, und auch die Brüder Sulim und Ruslan Jamadajew, Erzfeinde des Kadyrow-Clans, wurden im vergangenen Jahr beseitigt. Nun will Kadyrow seine letzten Gegner vernichten: Seit dem Frühjahr geht er mit äußerster Härte gegen die Islamisten unter der Führung des selbsternannten „Emirs“ Doku Umarow vor. Jeden Tag ziehen Truppen in die bewaldeten Berge an der Grenze zu Georgien und Dagestan, wo die Rebellen vermutet werden. Nur noch 50 bis 70 seien übrig, sagt Kadyrow, der harte Worte liebt. Den Verwandten der Rebellen drohte er jüngst: „Entweder sie töten ihre Hunde selbst, oder sie sollen sie uns überlassen.“

Die Islamisten antworten mit Selbstmordanschlägen, die den Nerv des traumatisierten Landes treffen. Die Tschetschenen, die in den vergangenen 20 Jahren ausgebombt, verschleppt und vertrieben wurden, zeigen sich schockiert von der neuen Strategie der Islamisten. „So etwas hat es hier noch nie gegeben“, sagt der Anwalt Uvays entgeistert. Denn bisher hatten sich tschetschenische Attentäter meist jenseits der Republikgrenzen in die Luft gesprengt.

Die männlichen Bewohner der Nowatory-Straße versammeln sich nach Einbruch der Dunkelheit auf einem der Höfe. Obwohl die fünfstöckigen Plattenbauten hier frisch saniert sind und fast nichts mehr an den Krieg erinnert, spürt man große Nervosität: Die Gerüchteküche brodelt, jeder hat von neuen Terroranschlägen gehört. Was das tschetschenische Fernsehen verschweigt, wird per Mundpropaganda verbreitet. Auch hier auf dem Hof steht ein Handy im Zentrum der Aufmerksamkeit: Ein Dutzend junger Männer verfolgt ein Video, das derzeit in Tschetschenien kursiert. Auf dem Display ist ein Mann mit dünnem Vollbart zu erkennen, er sitzt auf der Hinterbank eines Kleinbusses. Mit ruhiger Stimme spricht er von Allah, vom Dschihad, von den „Kafery“, den Ungläubigen. Immer wieder untermauert er seine Ausführungen mit arabischen Koransuren, dann hebt er warnend den Finger: „Diese Aktion ist nur der Anfang. Inschallah.“ Schnitt. Man sieht den Kleinbus nun von außen, er biegt von einer belebten Straße ab und steuert auf eine Mauer zu. Eine ohrenbetäubende Explosion, alles versinkt in Staub, man hört Maschinengewehrsalven. Der Anschlag galt dem Innenministerium der inguschetischen Hauptstadt Nasran, mindestens 25 Menschen kamen dabei um.

Die meisten Männer auf dem Hof schütteln den Kopf, Sympathie für den Attentäter hat keiner. Aber Achtung. „Das war ein Mensch mit Idealen“, sagt ein junger Tschetschene.

Der Mann im Video war bekannt als Mitglied der Islamistengruppe „Riyad us-Sahilin“: Garten der Tugendhaften. Er nennt sich Said Burjatski, doch der wirkliche Name des 27-Jährigen ist Alexander Tichomirow, er stieg im letzten Jahr zum Chefideologen der russischen Islamisten auf. Tichomirow, der in seiner Jugend zum Islam konvertierte, ist mit Internetpredigten berühmt geworden. Als Ziel bezeichnet er die Vertreibung der Ungläubigen aus dem Kaukasus, als Endziel die Errichtung eines kaukasischen Emirats. Im Mai 2008 sickerte er nach Tschetschenien ein, um den „Pfad des Dschihad“ zu beschreiten. Kadyrow hat ihn zu seinem „persönlichen Feind“ erklärt.

Ob sich Tichomirow in Nasran wirklich in die Luft gesprengt hat, ist unklar. Im September dementierte eine Extremisteninternetseite seinen Tod. Weiter hieß es dort, insgesamt stünden 20 „Märtyrer“ zum Selbstmord im Namen Allahs bereit. Sechs von ihnen haben sich bislang in die Luft gesprengt. Bleiben 14.

Hinter einem grünen, von Maschinengewehrsalven durchlöcherten Zaun lebt Sulpa Dakajewa. Lautstark verflucht die 58-Jährige die Mörder von Natalja Estemirowa, der Menschenrechtlerin, die am Morgen des 15. Juli von Unbekannten entführt und erschossen wurde. „Sie war die Einzige, die für die Erniedrigten gekämpft hat! Die anderen haben alle Angst um ihre Sessel“, sagt Dakajewa wütend. Seit dem Jahr 2000, als ihr Haus von Granaten zerstört wurde, hat sie mit ihrer Familie in Flüchtlingslagern und Wohnheimen gelebt. Im Dezember 2007 sicherten die Behörden ihr zu, der Familie bis Februar 2008 eine Wohnung zuzuteilen. Die Dakajews verließen ihr Wohnheim, gemeinsam mit elf weiteren Familien, von denen nur drei inzwischen eine Wohnung bekommen haben. Familie Dakajewa nahm in einer Baracke Zuflucht. Die Mutter presst die Hand vor den Mund und schluchzt. An allem Elend, sagt sie, seien Kadyrows Beamten schuld, die sich an den Moskauer Subventionsgeldern bereichern – allein im Jahr 2008 floss über eine Milliarde Euro nach Tschetschenien.

Geschichten wie die von Sulpa Dakajewa kennt fast jeder in Grosny: Ihre Nachbarin erzählt, was man tun muss, um die Kompensation von rund 8000 Euro zu erhalten, die der Staat jedem Tschetschenen zahlt, dessen Haus im Krieg zerstört wurde: „30 Prozent müssen wir den Beamten abtreten.“

Nurdi Nuchaschijew bringt das nicht aus dem Konzept. „Die Lösung dieser Probleme hängt von der Zivilgesellschaft ab“, sagt der Menschenrechtsbeauftragte Tschetscheniens. Hinter ihm hängt ein Bild, das ihn mit dem Präsidenten zeigt: Kadyrow, in Lederjacke, hakt Nuchaschijew freundlich unter, die beiden gelten als enge Vertraute. „Wenn jemand eine Bestechung fordert, dann gibt es gesetzliche Möglichkeiten, dagegen zu protestieren“, sagt Nuchaschijew. „Wir haben ein funktionierendes Rechtssystem.“

Dann schimpft Nuchaschijew gegen die Informationskampagne, die der Westen gegen Tschetschenien und Russland führe: Als Instrument dienten „von den USA finanzierte“ Organisationen wie Human Rights Watch und Memorial. Ihre Strategie sei, die Probleme in Tschetschenien aufzublähen – und andere Dinge zu verschweigen. Was seien schon die 27 Fälle unrechtmäßiger Festnahmen in diesem Jahr, fragt Nuchaschijew, im Vergleich zu einem Rechtsbruch wie Guantanamo? Und ja, in Tschetschenien seien in diesem Jahr in sechs Fällen Häuser von Angehörigen getöteter Rebellen niedergebrannt worden. „Aber vergleichen Sie das mal mit den Methoden, die Israel gegen religiöse Extremisten einsetzt! Warum berichten diese Organisationen nicht über solche Verbrechen?“ Für Nuchaschijew ist die Antwort klar: „Weil sie Menschen gleichen Blutes sind – Juden.“

Viel lieber spricht Nuchaschijew aber über sein Lieblingsthema, über die 3000 von russischen Soldaten verschleppten Tschetschenen, deren Körper in Massengräbern vermutet werden. Nuchaschijew will sie finden und die Schuldigen bestrafen. „Aber es gibt den Wunsch bestimmter föderaler Strukturen, die Verbrechen von Soldaten nicht aufzudecken“, sagt er.

In der Nacht hat das Telefon Uvays aus dem Schlaf gerissen. „Amin ist gestorben“, teilte ihm ein Verwandter mit. Uvays hat sich gleich auf den Weg gemacht, noch am selben Tag wird Amin in seinem Geburtsort beerdigt, die Trauerzeremonien werden noch die ganze Woche dauern. Amins Angehörige haben der Familie des Attentäters keine Blutrache geschworen, wie es nach tschetschenischer Tradition üblich wäre. „Aber streicheln“, sagt der Vater, „wird man sie auch nicht.“

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