Zeitung Heute : Tschüss Krupp, hallo Stahl-Union

Der Tagesspiegel

In den Hallen der Krupp Stahlbau in Berlin-Tempelhof feierten die Beschäftigten gestern gleichzeitig eine „Beerdigungsfeier“ und den Erfolg ihres Kampfes um den Erhalt ihrer 145 Arbeitsplätze. Einerseits zieht sich Krupp bis auf zehn Mitarbeiter komplett aus Berlin zurück und schließt das auf eine 137-jährige Tradition zurückblickende Unternehmen zum 31. März diesen Jahres. Andererseits ist es den Mitarbeitern mit Hilfe der IG Metall gelungen, gemeinsam mit dem zweiten Berliner Stahlbauunternehmen Macon-Bestahl zum 1. April die neue Berliner Stahlbau-Union zu gründen. „Alle, die dort einen Arbeitsplatz haben wollen, kriegen auch einen“, sagte Manfred Foede von der IG Metall. Zur Anschubfinanzierung des neuen Unternehmens werden die ehemaligen Kruppmitarbeiter jeweils die Hälfte ihrer Abfindungen einbringen und damit „auf jeden Fall die Mehrheit der Anteile halten“, so Foede. Die Einlagen der Arbeitnehmer sind durch eine Bürgschaft des Landes Berlin auf fünf Jahre abgesichert.

„So kann man auch eher von einem Abschiedsfest vom Produktionsstandort Tempelhof sprechen“, sagte Betriebsrat Karl Köckenberger in seiner Ansprache, denn die neuen Arbeitsplätze werden sich für die meisten in Hohenschönhausen befinden.

„Gemessen an der geplanten Schließung ohne Arbeitsplätze ist die jetzige Lösung ein ganz schöner Erfolg“, sagte Köckenberger nicht ohne Stolz. „Keiner der Mitarbeiter von Krupp-Stahlbau wird arbeitslos“. Die zehn Auszubildenden werden direkt von dem neuen Betrieb übernommen, die meisten der anderen Krupp-Stahlbauer gehen erstmal in eine Beschäftigungsgesellschaft bei 85 Prozent ihres alten Nettolohns, bis sie möglichst schnell auch bei dem neuen Betrieb anfangen. Die Werkhallen in Tempelhof und über 25 Mitarbeiter wird ab dem Sommer das Dortmunder Stahlbauunternehmen Igler übernehmen. Einige ältere Stahlbauer gehen demnächst in Rente.

Für das neue Unternehmen sieht Foede gute Chancen, da es als einziger Stahlbauer in Berlin „Entwicklung, Fertigung und Montage aus einer Hand anbieten kann“. Krupp Stahlbau war aufgrund des weltweiten Wettbewerbsdrucks in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten.

Bei Bier, Grillhähnchen und Erbsensuppe ließen die Krupp-Stahlbauer bei einer Dia-Show noch einmal ihre bekanntesten Bauwerke der letzten 30 Jahre Revue passieren, darunter die Neue Nationalgalerie, die so genannte Rost- und Silberlaube der Freien Universität und das ICC. chv

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