Tsunami-Jahrestag : Wogen und Begeisterung

Sie finanzieren nicht nur, sie mischen auf: Wie ein Bremer Reeder und ein Berliner Professor den Tsunami-Waisen in Thailand Lebenstüchtigkeit beibringen wollen. Und woran sie scheitern.

Christine-Felice Röhrs[Na Nai]

Nur wo May abgeblieben ist, wissen sie nicht.
Vor einem Jahr haben sie sie in Phuket-Stadt noch einmal an einer Ampel gesehen. Sie wirkte ganz fremd. Keine Schuluniform, dafür von Kopf bis Fuß in Jeans. Später haben sie gehört, sie arbeite jetzt irgendwo auf dem Feld. May dürfte heute 15 sein. Sie hatten große Träume für sie.
May ist ein Beispiel dafür, wie schwer es sein kann, in Thailand ein Hilfsprojekt am Leben zu halten.

Dies ist eine Art Fortsetzungsgeschichte. Sie handelt von einem kleinen Ort im Dschungel Thailands, der vor zwei Jahren besiedelt worden ist, zwei Jahre nach der großen Welle. Eine Stunde von Phuket-Stadt liegt er entfernt und 30 Minuten vom nächsten Strand – unerreichbar für alle wild gewordenen Wasser, die noch kommen könnten. Man hatte damals nach einem Ort gesucht, an dem man Tsunami-Waisen unterbringen konnte. Damals war zu sehen: eine weite schlammige Senke, bewachsen von Gummibäumen, unter denen zweieinhalb Meter lange schwarze Kobras lauerten.

Heute sind zu sehen: grüner Rasen, Basketballplatz, Fußballplatz, eine Bühne mit ansteigenden Zuschauerrängen, kleine Pavillons für die Kindergartenkinder, größere Pavillons für den Schulunterricht und bunte Holzhäuser auf Stelzen, in denen die Kinder in Familien aufgeteilt mit einer „Mama“ oder einem „Papa“ wohnen. Etwa 40 Kinder waren es anfangs, zurzeit sind es 126, 180 sollen es noch werden. Es gibt nicht viele Hilfsprojekte, die beständig wachsen, obschon der erste Spendenstrom nach dem Tsunami versiegt ist.

Dies ist ein besonderer Tag. Der Geldgeber wird erwartet, Niels Stolberg, Besitzer der Bremer Reederei Beluga, der sich selber gern eine Art „Über-Papa“ aller Schüler nennt, auch wenn die am Nachmittag recht ratlos gucken werden, als er ihnen mit weit ausgebreiteten Armen entgegenruft: „Where is my Beluga family?“

Niels Stolberg, gelernter Kapitän, hat innerhalb von nur 13 Jahren die weltgrößte Schwerlast reederei aufgebaut. Seine Schiffe schaffen Industriemodule durch die Welt, die so groß sind, dass kein Container sie aufnehmen könnte. Er macht 400 Millionen Euro Umsatz. Er hat 1300 Leute auf See, 360 in Bremen und 58 Schiffe. Stolberg ist einer von denen, die gern den Daumen hochrecken und „immer am Ball bleiben!“ dazu rufen. Zurzeit lässt er seine Schiffe gegen Piraten mit Schallkanonen ausrüsten. Hilfsprojekte, die er unterstützen soll, dürfen nicht lahm daherkommen. Um neun Uhr morgens ist er in Na Nai angekommen, ein paar Minuten später haut er beim Frühstück rein, für seinen Körper ist es drei Uhr morgens, aber der Kopf leuchtet rosig über dem rotblonden Haar und dem orangefarbenen Hemd.

Christina Rau, die deutsche Sonderbeauftragte für die Fluthilfe, hatte Stolberg, der helfen wollte, damals auf eine bereits existierende School for Life im Norden Thailands aufmerksam gemacht. Der Berliner Pädagogik-Professor Jürgen Zimmer hatte sie gegründet. Idee: die Kinder nicht nur mit Schulwissen zu füttern, sondern ihnen auch Wissen mitzugeben, mit dem sich Geld verdienen, eine Zukunft planen lässt. Deshalb lernen sie nachmittags ein Handwerk oder auch mehrere.

Kleine Unternehmer machen – dem Reeder hatte das sofort gefallen, womöglich, weil er sich selber praktisch aus dem Nichts zum Multimillionär gemacht hat. Niels Stolberg spricht viel von „Mut“ und „Visionen“ und dass das größte Problem ist, dass Kinder in aller Welt einfach hängen gelassen und dann „komische Hartz-IV-Nummern“ werden.
Traf der Reeder also auf den Professor, und beide merkten: Da sind zwei im selben Tempo unterwegs.

Jürgen Zimmer, an der Freien Universität in Berlin gerade emeritiert, aber nach wie vor Direktor der Internationalen Akademie für innovative Pädagogik, sitzt dem Reeder beim Frühstück gegenüber. Er ist 72, wirkt wie 60, klein, kompakt, braunes Haar, gefärbt vielleicht, dazu 70er-Jahre-Koteletten und ein Hippiehemd über weiter Hose und Sandalen. Zimmer, sagen seine Freunde, sei „ein Anzünder“. Zimmer selber sagt, er fühle sich „wie von einem Fieberwahn befallen“, wenn er eine neue Idee habe. Gerade sind Professor und Reeder über dem Omelett bei ihrer Lieblingsvision angelangt: Irgendwann sollen auch in Deutschland Schools for Life eröffnen. „Eliteschulen für Arme!“, sagt Zimmer. So viele Hauptschüler, die verzweifelt einen Job suchen, so viele Kinder unterhalb der Armutsgrenze, denen der Weg nach oben versperrt ist, weil die Armut im Kopf stecken bleibt.
Sehr viel anders als die Kinder von Na Nai sind sie nämlich nicht.

Zweieinhalb Millionen Euro hat Niels Stolberg in die Beluga School for Life bisher hineingesteckt, außerdem garantiert er die Betriebskosten für die nächsten acht Jahre, mehr als eine Million Euro wurden gespendet, aber Geld allein reicht nicht.

Geld ist in dieses Land genug hineingepumpt worden. Allein aus Deutschland kamen nach dem Tsunami 670 Millionen Euro an Privatspenden sowie 500 Millionen Euro vom Staat. Rund um Na Nai sind überall Ruinen der damaligen Hilfsbereitschaft. Verlassene Häuser stehen am Strand, die für Tsunami-Opfer gebaut wurden, nur dass diese Menschen am Strand nicht mehr wohnen wollten. Siedlungen wurden hingeklotzt, bis kein Geld für die Kanalisation mehr da war; jetzt verwittern sie in der Meeresluft.

Zuletzt schlug man sich fast um die Opfer, scheint es. Ein paar Mal waren auch auf dem Gelände der Beluga-Schule Leute von anderen Projekten unterwegs. Sie haben den Kindern Geld geboten, dafür, dass sie zu ihnen wechselten. „Das ging nach dem Motto, wenn man schön viele Tsunami-Waisen in seinem Projekt hat, dann fließen die Spenden“, sagt Stolberg.

Die Kinder sind in der Schule. Nachmittags werden sie in 26 Workshops, die sie frei wählen dürfen, ökologische Landwirtschaft oder Thai-Massage oder Fischzucht lernen. Die Gäste sollen einen Spaziergang machen. Aber der Reeder ist ein höchst ungeduldiger Mensch. Was er zahlt, das will er erst mal umgesetzt sehen. Er stiefelt mit den etwas nervösen Projektleitern übers Gelände und mäkelt: Leute, da am Giebel, da darf aber kein Plastik rausgucken. Wie sieht denn das aus!

Deutschland ist Leuten wie dem Reeder und dem Professor vielleicht zu schwergängig. Jürgen Zimmer zumindest kann in Thailand endlich einmal ohne Abstriche das umsetzen, was er in Deutschland über 40 Jahre lang durchboxen musste: eine andere Philosophie des Lernens. In den 70ern hat er für die Bundesregierung die Vorschulerziehung neu organisiert und nebenbei den Kinderladen „Charlottenburg IV“ betrieben, „so eine Art linksliberale Variante der antiautoritären Erziehung“. Außerdem hat er den „Situationsansatz“ erfunden, der noch nicht einmal in allen deutschen Kindergärten umgesetzt wird, aber dafür hier in Na Nai in voller Pracht zu bewundern ist. Der Situationsansatz verlangt, den Kindern zum Lernen echte Probleme aus einer echten Welt vorzusetzen. Mathe zum Beispiel: Der Umgang mit Zahlen ist doch viel interessanter im eigenen Kindershop, samt Buchführung und Businessplan.

Zimmer hat Leute mitgebracht, die ihm ähnlich sind. Seine Kollegin Rita Haberkorn, eine Dozentin, die Erzieher ausbildet, sowie einen Doktoranden. Dieser kleine Pädagogenklub ist so eine Art Ideen maschine. Jeden Tag spuckt sie neue Ideen aus. Irgendwann soll das Projekt schließlich unabhängiger werden von den Spenden, vom Reeder.

Beim Spaziergang über das Gelände zupft Rita Haberkorn an übermannshohen Büschen, die rechts und links des kiesbestreuten Weges stehen, dunkelrote, wächserne Früchte mit dekorativen Zipfeln hängen daran. Die Kinder pflücken sie, um einen Tee aus ihnen zu kochen, der wie Hagebutte schmeckt. „Eigentlich könnten sie den im Kindershop verkaufen“, murmelt Haberkorn.
Nein, an den Ideen liegt es nicht, dass nicht alles glatt läuft. Die Probleme liegen woanders. Einige entdecken sie erst so nach und nach.
Mit den Thai-Lehrern zum Beispiel ist nicht Klartext zu reden. Die weinen dann, denn Klartext ist in ihrer höflichen Gesellschaft nicht angelegt. Aber manchmal muss Klartext sein, denn wer hat in Thailand schon vom „Situationsansatz“ gehört?

Die Kinder wiederum sollen selber Klartext reden, aber sie entstammen einer Gesellschaft, in der das Wir vor dem Ich gehandelt wird. Es sei gar nicht so leicht, ihnen „gesunden Eigensinn“ beizubringen, sagt Rita Haberkorn. Oder auch nur, dass es okay ist, etwas anderes zu wollen als die anderen. „Wenn sie Situationen selbstständig und kreativ anpacken sollen, brauchen sie ein Bewusstsein dafür, dass sie selber was können und nicht nur die Gruppe.“ Viele Kinder seien aber noch nicht einmal in der Lage, von sich selber zu erzählen: Welche Farben mag ich, welches Essen schmeckt mir? Wer bin ich eigentlich? Und das ist nicht alles.

Am Nachmittag fährt Wanvisa Changlek, die Familienmanagerin, mit einem der Kinder zur Familie. Jaem ist zehn Jahre alt, ein hübscher distanzierter Junge mit steifem dunklem Haar, er ist seit eineinhalb Jahren hier. Manchmal schlägt er die anderen Kinder noch, weil er früher selber geschlagen wurde, „aber das geht weg“, sagt Wanvisa Changlek.

Sie macht solche Familienbesuche einmal im halben Jahr. Die Schule nimmt nicht mehr nur Tsunami-Waisen auf, sie entwickelt sich weiter, sie nimmt auch Kinder aus zerrütteten oder armen Familien, von denen es nach dem Tsunami noch genauso viele gibt wie vorher, trotz der vielen Spendengelder. Diese Familien überprüft Wanvisa Changlek dann regelmäßig: Wohin kehren die Kinder in den Ferien zurück? Sind die Eltern in Not? Gibt es zu Hause Konflikte?

Es ist nicht immer leicht, die Kinder in der Schule zu halten, sagt Wanvisa während der Autofahrt nach Thai Muang, dem Ort, wo Jaems Großmutter wohnt. Viele Eltern seien froh, wenn die Kinder erst einmal Schulbildung und bessere Ernährung bekämen, aber sobald sie dazuverdienen können, würden sie zu wertvoll, um „ungenutzt“ zu bleiben.

May, das Mädchen, das sie vor zwei Jahren so ins Herz geschlossen haben und über das der Tagesspiegel in seiner ersten Reportage aus Na Nai berichtete, war gut in der Schule. Später sollte sie auf die Uni, es war schon beschlossen. Aber dann, sagt die Familienmanagerin, habe eines Tages die Mutter weinend in ihrem Büro gesessen. Es falle ihr schwer, aber May müsse jetzt mitkommen. Mays Eltern sind Seenomaden. Sie haben nichts weiter als eine Hütte am Strand und ein paar Kleider zum Wechseln. Und May ging mit.
Vielleicht wird es ja mit Jaem etwas.

Wanvisa hält vor einer Betonhütte mit Wellblechdach. Sie liegt an einer schmalen Staubstraße in sonntäglicher Ruhe, über einem Tümpel sirren Mücken so laut wie eine Nähmaschine. Der Nachbar sitzt reglos auf seinem Motorrad und lässt sich den bloßen Bauch bescheinen, der Eismann geht durchs Dorf und läutet, er hat eine orangefarbene Kiste dabei, aus der er Toastbrotscheiben mit Eismasse dazwischen verkauft.

Die Oma hatte Jaem nach dem Tsunami aufgenommen. Sein Vater war umgekommen. Seine Mutter trägt für 3000 Baht monatlich Krankenwagenbahren, das sind etwa 60 Euro, sie bringt kaum sich selber durch. Sie vermisst ihren Sohn, aber ihr neuer Mann mag seine Stiefkinder nicht. Manchmal schlägt er zu. Man hört das jetzt oft in Thailand, aus den neuen, tsunamibedingten Patchworkfamilien.

Jaem setzt sich im Schneidersitz neben seine Mutter; die ist zur Großmutter gekommen, als sie gehört hat, ihr Kind würde heute da sein. Hinten in der dämmrigen Küche, die aus vielen Plastikwannen besteht und einem Rohr, das Regenwasser in einen Steinbottich leitet, macht die Oma Kokosnusssaft zurecht. Auf einer Bank liegen Bananenblätter. Die putzt sie für einen Nachbarn, der in seiner Garküche Essen darauf serviert. Das ist ihr ganzer Verdienst.

Wanvisa Changlek ist trotzdem zufrieden. Solange Jaem in den Ferien hier sein kann, ist er gut aufgehoben. Jaem taut ein wenig auf. Was er mal werden wolle?, fragt die Familienmanagerin, es ist eine wichtige Frage in der Beluga-Schule.
Basketballstar, sagt Jaem. Und reich. Der Reeder und der Professor wären entzückt, das zu hören.

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