Zeitung Heute : Tucher

Futterstelle für durchreisende Politiker

Elisabeth Binder

Theodor Tucher, Pariser Platz 1a, Mitte, Telefon 224 894 64, geöffnet täglich von 9bis 1 Uhr. Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Die Italienerinnen diskutieren lautstark, welchen der beiden freien Tische sie denn nun nehmen sollen. Die Afrikaner am Fenster haben ihren schon gefunden und üben mit einiger Inbrunst, wie man „Guten Appetit“ sagt. Bei Tucher am Tor kann man die eigene Stadt wieder mit neuen Augen sehen. Bill Clinton war schon hier, George Bush ebenso und sogar Scott McKenzie mit seinen friedlichen Blumen im Haar. Eine alte Kritiker-Weisheit lautet: Betrete nie ein Restaurant mit hohem Ausflugswert. Eigentlich müsste das Essen in einem Lokal, das gewissermaßen gleich am Brandenburger Tor klebt, furchtbar schmecken. Oder mindestens müssten die Preise reine Schreckgespenster sein.

Die Einrichtung atmet eine sympathische Sachlichkeit. Oben, wo es mitunter literarisch zugeht, kann man durchaus gemütlich zurückgezogen sitzen. Unten brennen Kerzen auf den Tischen, zieren mehr oder weniger lustige Sinnsprüche die Decken aus braunem Packpapier. „Siehst Du den Wein im Glase blinken…“ Den Rest habe ich vergessen, weil der Reim zu holprig war. Dass in den Toilettenspiegeln schlüpfrige Filme laufen, ist sicher eine Extra-Attraktion für manches touristische Tagebuch.

Vorweg probierten wir die Berliner Kartoffelsuppe mit originalen Knackwurstscheiben und vielen Kartoffelstückchen. In ihrer ungekräuterten, würzehaltigen Ehrlichkeit schmeckte sie tatsächlich sehr berlinisch mit allen Höhen und Tiefen, die dieser Begriff umfasst. Den Salat mit Trockenfrüchten und Cashewnüssen gab’s auf Anfrage auch als halbe Portion. Da er ziemlich langweilig war mit seinem schwer zu handhabbaren Blätterdschungel, und die Pflaumen- und Aprikosenstückchen auch nicht gerade sexy auftraten, da außerdem die versprochenen Cashewkerne durch halbe Walnüsse ersetzt worden waren und das Dressing zu dezent schmeckte, um wirklich wahr zu sein, reichte das völlig aus (5,50 Euro). Zumal es zum Naschen dazu noch dampfend heißes Baguettebrot gab mit Kräuterquark und Cocktaildip.

Die guten Rotbarbenfilets waren mit Anstand gegart und auf einem Bett von Tomaten-Cous-Cous angerichtet (13,50 Euro).

Theodor Tuchers Leibspeisen stammen sämtlich aus einem alten Kochbuch und sind wohl darum eher deftig orientiert. Der Poetenschmaus sieht Buletten, Knacker, Schmalz und Spreewaldgurken vor, es gibt aber auch klassisches Eisbein, Currywurst, Lammhaxe und Eintopf von weißen Bohnen. Insofern ist es eigentlich sehr höflich, Staatsgäste und andere ausländische Besucher hierher zu führen, da brauchen sie ihre Vorurteile nicht abzubauen. Oder doch?

Gefährlich ist in dieser Hinsicht das köstliche Havelländer Lammeisbein auf Champagnerkraut. Das ist überhaupt nicht fettig, sehr zart, sehr fleischlastig, okay, aber auf eine angenehme Art, eine reizvolle Abwechslung von all der wissenschaftlich korrekten Kost, mit der moderne Zeitgenossen sonst ihre Körper ins Methusalemische hinein zu trimmen pflegen. Das Sauerkraut dazu ist mild, nicht zu dunkel, auf eine unaufdringlich klassische Art angemacht (9,50 Euro).

Die Weinkarte führt überraschend viele Flaschen im dreistelligen Bereich auf. Den chilenischen Cabernet Sauvignon von J. Bouchon aus dem Jahr 2003 können wir budgetbewussten Besuchern immerhin allerbesten Gewissens empfehlen, schmeckt wie flüssiger dunkler Beerengarten (24 Euro). Mit dem Nachtisch könnten sie sich gern noch etwas mehr Mühe geben. Die gebackene Banane steckte in einer präfabrizierten, dicken Panade und war so lau und pappig geworden, außerdem erwies sich die versprochene Schokosauce ringsum nur als dünn gespritzte kleine Girlande.

Man sitzt immerhin sehr erlebnisreich bei diesen vergleichsweise trotz allem geschickt modernisierten Altberliner Spezialitäten. Ist also gerade recht so als Futterstelle für durchreisende Politgrößen, zumal Menschen mit extrasensiblen Zungen, Gaumen oder Gemütern in Staatschef-Karrieren ja eh völlig fehl am Platz sind. Ob der Osterhase auch schon da war? Das müssten Sie ihn selber fragen.

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