Zeitung Heute : Tue Gutes – und rede darüber

Gemeinnützige Arbeit nutzt der Gemeinschaft und kann auch Pluspunkte für die Karriere bringen

Regina-C. Henkel

Die Lenau-Grundschule in Berlin-Kreuzberg braucht Unterstützung beim Katalogisieren und in der Ausleihe der Leseratten-Bibliothek, eine Anwältin sucht Freiwillige, die einen Mann im Maßregelvollzug besuchen, und ein Stadtteilzentrum benötigt dringend Helfer, die hoch Betagte freitags zwischen 13 und 18 Uhr ins Nachbarschaftshaus fahren und wieder nach Hause bringen.

Die Wunschlisten sozialer, humanitärer und caritativer Initiativen, die auf ehrenamtliche Helfer angewiesen sind, werden immer länger – und auch vielfältiger. So fehlen – obwohl in Deutschland rund 22 Millionen Bürger Freiwilligenarbeit leisten – Ehrenamtliche an allen Ecken und Enden. „Die bundesweit 500 000 Vereine, 12 000 Stiftungen und 3 000 internationalen Organisationen wären ohne Freiwilligenarbeit gar nicht überlebensfähig“, sagt Erziehungswissenschaftlerin Anette Lahn. Die 44-jährige Berlinerin arbeitet als Ehrenamtsmanagerin. Dafür hat sie sich in den vergangenen 15 Jahren on-the-job selbst qualifiziert. Als staatlich anerkannten Beruf gibt es das Management der Freiwilligenarbeit bislang nicht. Wohl aber den Bedarf.

Von der Arbeitsmarktreform und den mit Hartz IV angedachten Zusatzjobs für Langzeitarbeitslose einmal ganz abgesehen: Der Wohlfahrtsstaat hat seine Grenzen erreicht. Neben privaten Unternehmen und dem Staat gewinnen Nonprofit-Organisationen – mit einem hohen Anteil von Freiwilligen-Engagement – zunehmend an Bedeutung. Unterstützung wird dort händeringend gebraucht. Und zwar nicht nur zahlreich, sondern auch mit der richtigen Qualifikation. Das Problem: Statistisch gesehen stehen jedem hauptamtlichen Mitarbeiter einer gemeinnützigen Einrichtung zweieinhalb ehrenamtliche Helfer gegenüber. Und diese müssen, so sie zur eigenen Zufriedenheit und zum Wohl anderer sinnvoll eingesetzt werden sollen, sorgfältig ausgewählt, eingewiesen und betreut werden. Anette Lahn: „Das Matching von Person und Aufgabe wird im Freiwilligendienst immer wichtiger und setzt Fingerspitzengefühl und Know-how voraus.“ Was früher als unschicklich galt, werde heute klar ausgesprochen: „Wer sich für andere engagiert, will auch selbst etwas davon haben.“

Da die „Freiwilligencharta“ des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, in dem sich die wichtigsten gemeinnützigen Einrichtungen zusammengeschlossen haben, neben einem „angemessenen Versicherungsschutz“ nur den „Erstattungsanspruch für Aufwendungen“ vorsieht, können finanzielle Wünsche kaum erfüllt werden. Dafür eignet sich ein Ehrenamt aber durchaus, emotionale Sehnsüchte zu befriedigen oder persönliche Defizite auszugleichen. Auch der Wunsch, direkt oder indirekt etwas für die berufliche Karriere zu tun, ist laut Anette Lahn ein immer häufigeres Motiv, anderen freie Zeit und die eigenen Talente zur Verfügung zu stellen.

Tatsächlich ist es möglich, beim derzeitigen oder potenziellen Arbeitgeber mit Freiwilligenarbeit Pluspunkte zu sammeln. Doch ganz so einfach, wie es sich viele vorstellen, ist es nicht. Die Selbstpräsentation als „Gutmensch“ kann immer nur das i-Tüpfelchen auf einem insgesamt stimmigen Qualifikations- und Leistungsprofil sein. Übereifrige Vereinsmeier, und seien sie noch so gut in der Organisation von Festen der Freiwilligen Feuerwehr oder des Schulvereins, haben im Beruf sogar ausgesprochen schlechte Karten. Im Job werden hundert Prozent Leistung erwartet. Doch wer beispielsweise seine Teamfähigkeit verbessern möchte, etwa um beruflich aufzusteigen, hat in vielen Ehrenämtern reichlich Gelegenheit zum Üben. Hinzu kommt: Häufig werden von den gemeinnützigen Einrichtungen sogar Weiterbildungen bezahlt. „Einführung und Fortbildung anbieten“ ist nämlich ebenso Bestandteil der Freiwilligencharta des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes wie der Punkt „Qualifizierten Nachweise ausstellen“.

Weiterbildungsangebote für diejenigen, die ihr Engagement auf ein sicheres Wissensfundament stellen wollen, gibt es reichlich, etwa an der Akademie für Ehrenamtlichkeit (www.ehrenamt.de) oder der Akademie des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes (www.paritaet.org). Ganz neu ist der Fernstudiengang „Sozial-Management“ beim Berliner Weiterbildungsträger Forum Berufsbildung (www.forum-berufsbildung.de.

Ein unverbindliches Hineinschnuppern in die Freiwilligenarbeit ist am 18. September möglich. Unter www.berliner-freiwilligen-tag.de sind alle Teilnehmer an diesem Mit-mach-Tag gelistet. Rund 50 Projekte wollen zeigen, „dass es Spaß macht zu helfen, wo Hilfe nötig ist.“

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