Zeitung Heute : Tür zum Land der tausend Farben

Die Repräsentanz der Freien Universität in Neu-Delhi hilft, Kontakte zu knüpfen und Wissenschaftlernachwuchs zu werben.

Land der Gegensätze. Ein großer Teil der indischen Bevölkerung lebt noch in Armut, aber Wirtschaft und Bildung wachsen rasant. Die Zahl der Inder, die studieren, ist in den vergangenen vier Jahren von zwölf auf gut 20 Millionen gestiegen. Foto: Ulrich Podewils
Land der Gegensätze. Ein großer Teil der indischen Bevölkerung lebt noch in Armut, aber Wirtschaft und Bildung wachsen rasant. Die...

Neun Mal so groß wie Deutschland, mehr als 100 Sprachen: Mit 1,2 Milliarden Einwohnern ist Indien nach China das bevölkerungsreichste Land der Erde. Nicht nur die Wirtschaft, auch die Wissenschaft wächst rasant. Seit fünf Jahren unterhält die Freie Universität Berlin ein Verbindungsbüro in dem Schwellenland zwischen Himalaya und Indischem Ozean. Es hat seinen Sitz im Deutschen Wissenschafts- und Innovationshaus in Neu-Delhi und wird von Ulrich Podewils geleitet. Christa Beckmann sprach mit ihm über die Vielfalt der Forschungsbeziehungen, erstklassige Doktoranden und indische Gelassenheit.

Herr Podewils, warum engagiert sich die Freie Universität in Indien?

Wenn man wissenschaftlich weltweit vernetzt ist wie die Freie Universität Berlin, dann gehört Indien einfach dazu. Indien ist ein Land mit einer enormen Entwicklung im Bildungsbereich. Allein in den vergangenen vier Jahren ist die Zahl der Studierenden von 12 Millionen auf heute gut 20 Millionen gestiegen. Weit mehr als 100 000 Inder studieren im Ausland, viele von ihnen schlagen dort häufig auch eine wissenschaftliche Laufbahn ein. Aber sie behalten ihre Wurzeln im Heimatland – diese enge Verbundenheit mit dem Zuhause ist ganz typisch für Inder. Dadurch, dass die Freie Universität mit einem Büro in Neu-Delhi in Indien präsent ist, haben wir einen ganz anderen Zugang zu indischen Wissenschaftlern weltweit und können viel leichter Kooperationen knüpfen oder hochkarätige Nachwuchswissenschaftler gewinnen. Und dass das Land besonders viele erstklassige Wissenschaftler hervorbringt, sieht man nicht nur in den USA und in Großbritannien, sondern zum Beispiel auch an der großen Präsenz von Indern unter den Alexander-von-Humboldt-Stipendiaten.

Auf welchen Gebieten unterhält die Freie Universität Kooperationen mit Indien?

Die umfangreichste Zusammenarbeit besteht sicherlich in den Naturwissenschaften. Unser derzeit größtes Projekt ist ein deutsch-indisches Graduiertenkolleg mit der Universität in Hyderabad, in dem die molekularen Grundlagen menschlicher Infektionskrankheiten erforscht werden. Die University of Hyderabad zählt zu den wichtigsten Partnern der Freien Universität in Indien, ebenso wie die University of Delhi, mit der wir in Chemie auf dem Gebiet der Polymer-Forschung sehr eng zusammenarbeiten. Ziel der Freien Universität ist es, intensive Kooperationen mit ausgesuchten Wissenschaftseinrichtungen in Indien aufzubauen.

Gibt es auch Zusammenarbeit in den Geistes- und Sozialwissenschaften?

Ja, zum Beispiel in der Politikwissenschaft. Eine Nachwuchsforschungsgruppe etwa geht der Frage nach, wie man die Europäische Union in China und Indien wahrnimmt, andere Wissenschaftler untersuchen gemeinsam mit Forschern der Universität TERI – „The Energy Ressource Institute“ – die Klimapolitik in Indien und Europa. Überhaupt spielt das Thema Umwelt bei mehreren Kooperationen eine Rolle. So forschen unsere Geografen und Geologen unter anderem zur Bewässerungspraxis und zur Trinkwassergewinnung in Indien. Mit dem Lateinamerika-Institut der Freien Universität, der University of Delhi und weiteren Partnern gibt es ein Projekt, das den literarischen und kulturellen Austausch zwischen Lateinamerika und Indien untersucht.

Stichwort Austausch: Das Büro soll auch den Austausch von Doktoranden und Nachwuchswissenschaftlern fördern. Ist das gelungen?

Als das Büro vor fünf Jahren in Neu-Delhi eingerichtet wurde, gab es an der Freien Universität 15 Doktoranden aus Indien. Heute sind es fast 50. Diese Entwicklung ist nicht schlecht. Denn diejenigen, die kommen, kommen nicht mit einem staatlichen Stipendium, wie viele Doktoranden aus China. Die indischen Doktoranden hier finanzieren sich selbst, über Projektmittel oder mithilfe eines DAAD-Stipendiums. Natürlich spielt die Stadt Berlin als attraktiver Anziehungspunkt bei dieser Entwicklung eine Rolle, aber entscheidend ist die in Indien geleistete Informationsarbeit.

Und wie sieht der Austausch umgekehrt aus?

Ehrlicherweise muss man sagen, dass der Weg zurzeit noch eher von Indien nach Deutschland führt. Aber je mehr grenzübergreifende Forschung es gibt, desto mehr wird es Doktoranden auch in die andere Richtung ziehen. Natürlich spielt eine Rolle, dass die indischen Universitäten auf den weltweiten Rankings nicht unbedingt ganz vorn zu finden sind. Der Ruf ist entscheidend. Außerdem sind sie noch nicht auf Internationalität ausgerichtet, das wird dort erst langsam ein Thema in der Hochschulpolitik. Die Freie Universität ist jetzt gebeten worden, der Universität in Puducherry in Südindien beim Aufbau eines International Office zu helfen. Und im kommenden Frühjahr bin ich eingeladen, auf einer Konferenz der indischen Hochschulrektoren zum Thema Internationalisierung von Universitäten zu sprechen. Hinzu kommt, dass Indien für viele Deutsche bis heute noch ein Land ist, das sie eher mit Guru, Ashram und Flower- Power-Zeit verbinden als mit Wissenschaft, allenfalls vielleicht noch mit Informationstechnologie.

Indien und Deutschland sind zwei kulturell sehr unterschiedliche Länder. Was sind die größten Herausforderungen in der Zusammenarbeit?

Es gibt viele bürokratische Hürden, und natürlich ist alles ein bisschen chaotischer als in Deutschland. Wenn wir hier etwas planen, dann muss einen Tag vorher alles stehen. In Indien fängt man – etwas überspitzt gesagt – einen Tag vorher an zu planen. Aber dennoch, am Ende klappt alles. Gelassenheit muss man annehmen, sonst kommt man nicht zurecht – selbst indisch werden, freundlich und offen, aber ohne gleichzeitig Kehrseiten zu akzeptieren, wie die immer noch bestehenden Diskriminierungen durch Kasten oder Geschlecht.

Gibt es ein besonderes Ziel, das Sie sich für Ihre künftige Arbeit in Indien gesetzt haben?

Als das Büro mit seiner Arbeit begonnen hat, waren uns ganze zwölf Namen von ehemaligen Studierenden der Freien Universität in Indien bekannt. Heute – nach zwei großen landesweiten Alumni-Treffen, die wir organisiert haben – sind 120 registriert. Mein Traum wäre, dass sich daraus ein Stück gelebte Gemeinschaft entwickelt: Dass die Alumni der Freien Universität in Indien einen Verein gründen, den sie auch gemeinsam tragen.

Im Internet

www.fu-berlin.de/india

Ulrich Podewils ist Repräsentant der Freien Universität in Indien. Der Jurist war u.a. für den DAAD in Indien tätig. Dabei hat er auch das Verbindungsbüro der Freien Universität aufgebaut.

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