Zeitung Heute : Tür zur Zukunft

Gate 5 will das Handy zu einem lernfähigen Begleiter machen

Fast hat das Platzen der Internetblase zum Jahrtausendwechsel die Berliner Softwarefirma Gate 5 in die Pleite getrieben. Doch das Start-up überlebte die Krise und gehört heute zum weltgrößten Handyhersteller Nokia, der in der Stadt 500 Mitarbeiter beschäftigt. In zwei Jahren sollen es 700 sein – von Krise keine Spur. Das Erfolgsrezept sind Handydienste. Die Berliner entwickeln ein Navigationsprogramm, das dem Nutzer je nach Aufenthaltsort Tipps für Freizeit, Einkaufen und Gastronomie gibt. Seit Anfang des Jahres wird von Berlin zudem ein neues Projekt gesteuert: Unter dem Namen Ovi Experience soll die Navigation zusammen mit anderen Diensten wie E-Mail, Musikdownloads und einem Shop für Apps gebündelt werden, so dass alles kombiniert genutzt werden kann.

Verantwortlich für das Gelingen ist Michael Halbherr. Der 45-jährige Schweizer war schon zuvor fünf Jahre Vorstandschef von Gate 5. Der Firma war er ein Jahr nach deren Gründung 1999 beigetreten und war der erste Investor. Die damalige Vision sei immer noch nicht erreicht, sagt Halbherr heute: Soziale, zeitliche und geografische Kontexte auf einer neuen Plattform zusammenführen. „Das Handy wird zu einem Vertrauten, der für einen die Umwelt interpretiert“, sagt er. Das Mobiltelefon soll den Nutzer nicht nur an sein Ziel navigieren. Es soll ihm auch sagen, wo der nächste gute Italiener ist. Schließlich weiß das Programm, dass er gerne italienisch essen geht, denn die Software lernt die Nutzungsgewohnheiten kennen und wird so immer intelligenter. Oder es empfiehlt dem Benutzer ein Restaurant, das seine Freunde mögen und beschreibt ihm den Weg dahin. Es sagt ihm auch gleich, ob einer der Freunde auch da ist. Oder ob sie gerade über E-Mail, Twitter oder Facebook mitgeteilt haben, doch daheim kochen zu wollen. Und schlendert der Nutzer auf dem Heimweg an einem Sommerabend am Landwehrkanal entlang, spielt das Handy passende Musik ab.

Der Schlüssel dazu ist die Satellitenortung per GPS. So weiß das Telefon, wo es sich gerade befindet. Schon heute haben viele Handys GPS an Bord, Tendenz steigend. „Das System wird anfangen, die Welt zu verknüpfen“, sagt Halbherr. „Concierge Services“ nennt er die orts-, zeit- und situationsbezogenen Dienste. Das Mobiltelefon übernehme die Funktion des Portiers im Hotel. Durch das Wissen über Vorlieben und Aufenthalt sage das Programm dem Benutzer, was er als Nächstes tun solle. Eine völlig andere, nahezu automatisierte Art der Internetsuche. Noch befindet sich Ovi Experience allerdings in den Anfängen.

Das Thema Datenschutz betrachtet Halbherr gelassen. Jeder könne entscheiden, ob und wie intensiv er mitmachen wolle. Außerdem könne der Verwendung der Daten widersprochen werden. Dann könne das Programm allerdings nicht in vollem Umfang genutzt werden, schließlich fehlen ihm Daten, die es verwenden kann. Die sammele Nokia nur anonym und nicht personenbezogen. Ovi Experience ist auch ein Angriff auf Apples iPhone.

Vor vier Jahren hatte Nokia Gate 5 übernommen, damals mit 65 Mitarbeitern. Die Investition habe sich für den Handyhersteller „absolut gelohnt“, sagt Halbherr. In Berlin ist das Unternehmen mittlerweile an drei Standorten mit 500 Mitarbeitern aus 30 Nationen vertreten. 400 von ihnen gehören zum Navigationsteam, der Rest unterstützt Halbherr beim Aufbau von Ovi Experience. Dafür koordiniert er weltweit zusätzlich 300 weitere Leute. In Berlin will Nokia mit bald 700 Beschäftigten in einen Neubau in der Invalidenstraße in Mitte ziehen.

Berlin sei „eine der Top-Städte für die Zukunft“, meint Halbherr, den Standort wolle man weiter ausbauen. Die Stadt biete mit ihren niedrigen Preisen zudem ein attraktives Lebensumfeld für die Mitarbeiter. Denen will Halbherr „keinen Vertrag auf Lebenszeit, aber für drei bis vier Jahre eine Vision geben.“ Vielen fehle allerdings die nötige Qualifikation, weshalb man Leute aus anderen Städten und Ländern anwerben müsse. Von den Berliner Universitäten kämen zu wenige Fachkräfte, obwohl die Firma mit ihnen bei Doktorarbeiten zusammenarbeite.

„Berlin hat zwar eine gute Basis an Agenturen, Medien, Kunst und Internet. Bei solchen extremen Sachen wie komplexen Suchalgorithmen ist das aber weniger der Fall“, sagt der Schweizer, selbst studierter Elektroingenieur und Informatiker. Fachkräfte braucht Halbherr, um das Programm auf die nächste Ebene zu bringen, wie er sagt. Momentan arbeiten die Entwickler an 3-D-Karten und Innenansichten von Gebäuden. Dass der Boom irgendwann einbricht, die Leute vermehrt offline gehen und ihr Handy wieder nur zum Telefonieren und Simsen nutzen werden, glaubt Halbherr nicht. „Der Nutzen für den Menschen ist zu groß. Ein Crash wäre gegen die menschliche Natur, gegen die Entwicklung.“

http://maps.nokia.com

Das Handy wird zu einem Vertrauten, der für einen die Umwelt interpretiert“

Michael Halbherr, Geschäftsführer

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