Türkei : Allahs Wolkenkratzer

In der Türkei liefern sich Muslime einen Wettbewerb um die prächtigste Moschee. Es geht um Ehre, Respekt, Macht - und darum, wer das höchste Minarett hat.

Thomas Seibert
Moschee
Dem Himmel nah. Die Minarette der "Grünen Moschee" in Arnavutköy sind weithin sichtbar, schon die Hauptkuppel des Gebäudes ist gut...Foto: Seibert

ArnavutköyIn den Straßen von Arnavutköy steht schmutzig braunes Wasser in den Schlaglöchern. Schwer beladene Lastwagen donnern durch den Ort, vorbei an unverputzten Häusern und armseligen Läden. Arnavutköy, rund 50 Kilometer nördlich vom Bosporus, ist eine triste Vorstadt wie viele andere an den Rändern der türkischen Metropole Istanbul. Und doch ist Arnavutköy etwas Besonderes. Hier steht eine der größten Moscheen Europas: 12000 Menschen sollen in der Yesil Camii Platz finden, der Grünen Moschee – mehr als in die Blauen Moschee in der Istanbuler Altstadt passen. Es ist, als wäre der Prachtbau vom Himmel gefallen, so wenig passt er in die Nachbarschaft. Die Hauptkuppel ist knapp 40 Meter hoch, fast 700 Fenster blitzen in der Sonne.

„Es ist eine große Ehre, hier zu arbeiten“, sagt Vadullah Baka. Er zupft seinen weißen Talar zurecht und rückt den Turban gerade, denn gleich ist Zeit für das Mittagsgebet. Baka ist der Muezzin der Grünen Moschee – seine Stimme erschallt von den Lautsprechern an den vier mächtigen Minaretten, die 100 Meter hoch in den Himmel ragen.

Die Yesil Camii liegt zweifellos in der Spitzengruppe eines Wettbewerbs, der seit einigen Jahren unter türkischen Moscheegemeinden ausgetragen wird: der um das höchste, größte und prächtigste Gotteshaus. Für das staatliche Religionsamt der Türkei in Ankara ist das ein Problem. Fast 3000 Moscheen gibt es in Istanbul, etwa 80 000 sind es in der Türkei. Die meisten davon wurden auf Initiative von Stiftungen, Gemeinden oder Privatspendern gebaut, ohne dass die Behörden vorher oder nachher groß gefragt worden wären.

An der Grünen Moschee von Arnavutköy baut eine fromme Stiftung seit 1994. In ein bis zwei Jahren sollen die letzten Arbeiten beendet sei. Dann werden im Untergeschoss moderne Lehrsäle Platz für mehrere hundert Koranschüler bieten. Die erste Kurse sind schon angelaufen, gelernt wird mit Computern und Powerpoint-Präsentationen.

Reiche Spender haben Millionenbeträge zur Verfügung gestellt, um die Moschee zu dem zu machen, was sie heute ist. Die Stiftung der Yesil Camii steht den Nakschibendi nahe, einem islamischen Orden, der wie alle religiösen Bruderschaften in der Türkei offiziell zwar verboten ist, aber trotzdem über Einfluss und viele Gönner verfügt. Premier Erdogan soll ein Nakschibendi sein, der frühere Staatspräsident Turgut Özal war Mitglied in der Bruderschaft. Fromme – und reiche – Geschäftsleute gehören dazu. „Da sagt einer: ‚Ich baue euch ein Minarett’“, erzählt Muezzin Baka. „Ein anderer sagt: ‚Von mir kriegt ihr die Fenster.’“ Und dann wird gebaut.

Oft ist das Gottvertrauen der Bauherren größer als ihr Respekt vor den Gesetzen der Statik. Häufig wird auch beim Material geschummelt, so dass zuweilen ein Sturm mittlerer Stärke genügt, um die Minarette umzuknicken. Schon mehr als einmal sind Menschen von den herabfallenden Trümmern erschlagen worden. Vor sechs Jahren etwa stürzten in einer einzigen Sturmnacht elf Minarette in der Türkei ein. Kürzlich erließ das Religionsamt deshalb genaue Richtlinien für den Neubau. Gemeinden mit weniger als 2500 Gläubigen dürfen ihre Moschee nur noch mit einem einzigen Minarett zieren, zudem dürfen Minarette höchstens doppelt so hoch sein wie die Kuppel der Moschee. Mit den neuen Regeln wolle der Staat den „Wettbewerb um das höchste Minarett“ beenden, berichtete die Presse.

Nicht, dass die Religionshüter grundsätzlich etwas gegen Minarette hätten. Die Türme sind feste Bestandteile jeder Moschee, und sie bilden auch eine Einnahmequelle für die staatliche Behörde in Ankara. Umgerechnet etwa 4,5 Millionen Euro verdient das Religionsamt jedes Jahr, weil Betreiber von Mobiltelefonnetzen ihre Antennen an 400 Minaretten im Land anbringen dürfen.

Ob die Vorschriften aus Ankara etwas nützen werden, ist zweifelhaft. In Arnavutköy werden sie jedenfalls ignoriert. Die beiden höchsten Minarette der Yesil Camii sind fast dreimal so hoch wie die Kuppel. Der Wind wird ihnen trotzdem nichts anhaben, da ist sich Muezzin Baka sicher. „Unsere Minarette sind stark, da fällt nichts um“, sagt er.

Minarette als Prestigeobjekte haben Tradition in der Türkei. Sultan Ahmet I. etwa verewigte sich im 16. Jahrhundert mit einer Riesenmoschee gleich gegenüber der Hagia Sophia. Um sich Respekt zu verschaffen stattete er die „Blaue Moschee“, die heute zum Pflichtprogramm jeder Reise nach Istanbul gehört, mit gleich sechs Minaretten aus – die umfunktionierte Basilika Hagia Sophia hat nur vier.

Sechs Minarette sind inzwischen in der Türkei keine Einzigartigkeit mehr. Eine vor zehn Jahren eröffnete Moschee im südtürkischen Adana hat ebenfalls sechs Minarette und ist noch größer als die Yesil Camii von Arnavutköy: Sie bietet 20 000 Gläubigen Platz. Eine der reichsten Unternehmerfamilien der Türkei, der Sabanci-Clan, steuerte die Hälfte der Baukosten bei.

Dass sich Städte, Gemeinden und Mäzene gegenseitig mit ihren Moscheen überbieten, stößt aber nicht nur beim Religionsamt in Ankara auf Skepsis. Schon der Prophet Mohammed soll seine Anhänger davor gewarnt haben, Moscheen als Objekte der Eitelkeit zu errichten. „Das trifft auf uns hoffentlich nicht zu“, sagt Muezzin Baka in der Yesil Camii. Von einem Wettbewerb mag er sowieso nicht sprechen, denn zumindest in Arnavutköy ist seine Moschee konkurrenzlos. Die 50 anderen Moscheen in der Gegend sind Bauten, die weder in Größe noch Eleganz mithalten könnte. „Da fehlt eben das Geld“, sagt Baka trocken.

Ganz ohne bauliche Ambitionen für die Zukunft ist man in Arnavutköy aber trotzdem nicht. Schließlich ist die Moschee noch nicht fertig – und das mit den Minaretten lässt den Muezzin trotz aller demonstrativen Gelassenheit nicht ganz los. „Wir bräuchten eigentlich auch sechs“, sagt er nachdenklich. Zuerst müssten aber natürlich die Korankurse vollständig finanziert und eingerichtet werden. Auch steht von einem anderen Gebäude in der Nähe erst der Rohbau. In ihm soll ein Koran-Internat für Mädchen untergebracht werden. Aber wenn all das einmal fertig sei, dann könnte man in Arnavutköy ja vielleicht darüber nachdenken, noch zwei zusätzliche Minarette am Hauptgebäude der Moschee anzubringen, meint Baka. Träumen kann man ja. „Das ist doch nicht verboten.“

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