Zeitung Heute : Türkei: Die Freiheit, die er meint

Susanne Güsten

In der Türkei werde nichts mehr sein wie es war, versprach Recep Tayyip Erdogan vergangene Woche, als er seine AK-Partei gründete. Millionen hoffen auf Erdogan, viele fürchten ihn. Dass er die Verhältnisse in der Türkei aufmischen kann, trauen ihm fast alle zu. Einen langen Atem hat der ehemalige Fußballer jedenfalls, der sich aus einfachsten Verhältnissen hochkämpfte und fünf Jahre lang die größte Stadt Europas regierte. Nach einem Gefängnisaufenthalt schickt Erdogan sich nun an, die Türkei zu regieren. Und weil ihm das möglicherweise sogar gelingen könnte, fragen sich nun viele: Wer ist Recep Tayyip Erdogan nun wirklich - Islamist oder Demokrat, Reformer oder Glaubenskrieger, Weltbürger oder anatolischer Bauer?

Mit Englisch-Intensivkursen hat der 47-Jährige in den vergangenen Monaten versucht, zumindest die letzte Frage zu klären. Dabei war es bisher nicht zuletzt seine schlichte Herkunft, die ihn den Wählern in den Elendsvierteln von Istanbul so sympathisch machte. Im alten Istanbuler Stadtteil Kasimpascha 1954 als Sohn eines landflüchtigen Schwarzmeer-Türken geboren, verkaufte Erdogan - so will es zumindest die Legende - schon während seiner Grundschulzeit auf der Straße Süßigkeiten, um die Schulkosten zu finanzieren. Seine guten Leistungen im Unterricht brachten ihn auf eine weiterführende Schule, sein überzeugender Einsatz auf dem Fußballfeld zu seinem ersten Job in der Kommunalverwaltung von Istanbul: bei den städtischen Nahverkehrswerken, deren Mannschaft alsbald Istanbuler Meister wurde. Der Putsch von 1980 bereitete Erdogans Karriere bei der Kommune wenig später allerdings ein erstes Ende.

Nach der Putsch-Ära machte Erdogan in der damals neugegründeten islamistischen Wohlfahrtspartei von Necmettin Erbakan Karriere und stieg in der Stadtverwaltung von Istanbul rasch auf, bis er bei den Kommunalwahlen von 1994 zum ersten islamistischen Oberbürgermeister der Millionenmetropole gewählt wurde. Auch anti-islamistische Großstadtbewohner ließen sich von seinen Erfolgen überzeugen: Die Müllberge verschwanden, die verpestete Luft wurde sauberer, aus den Leitungen floss wieder klares Wasser, der Verkehr kam ins Rollen.

Allerdings wurde auch den Restaurateuren von städtischen Parks und Denkmälern der Alkoholausschank untersagt. Als der Bürgermeister dann auch noch öffentlich Minarette zu Schwertern und Gläubige zu Soldaten in seinem Kampf ausrief, hatte der strikt anti-islamistische Staat genug gesehen; die Staatsanwaltschaft schritt ein. Dass sich das Zitat vor Gericht als Passage aus dem Gedicht eines geachteten türkischen Schriftstellers erwies, war zwar peinlich, konnte den Lauf der Dinge aber nicht mehr aufhalten. Kurz vor den Kommunalwahlen 1999, bei denen ihm die Wiederwahl sicher gewesen wäre, musste Erdogan vom Rathaus ins Gefängnis umziehen; obendrein belegte ihn das Gericht mit lebenslangem Politikverbot.

Erdogans einstigem Ziehvater Erbakan kam das nicht ungelegen, denn der frühere Musterschüler war aufmüpfig geworden.Nach seiner Entlassung werkelte Erdogan in einem Büro in Istanbul an seinem politischen Neubeginn, der kürzlich durch eine Verfassungsgerichtsentscheidung gegen das Politikverbot begünstigt wurde.

Für Rechtsstaatlichkeit, Achtung der Menschenrechte und Freiheit von Korruption wolle er eintreten, versichert Erdogan nun. Obwohl er auch weiterhin gläubiger Moslem bleibe, solle die Religion in seiner Politik keine Rolle mehr spielen. Am eigenen Leibe will er den überragenden Wert der Meinungs- und Religionsfreiheit erfahren haben, für die er sich jetzt einsetzen wolle. Dass er früher anders dachte, bestreitet Erdogan nicht - doch wer habe schon mit 47 Jahren noch dieselben Ansichten wie mit 20?

Das bürgerliche Establishment der Türkei glaubt ihm kein Wort. Erdogan wolle sich nur die Macht erschleichen, um dann das islamische Scharia-Recht einzuführen, vermuten die führenden Zeitungen. Immer wieder zitiert wird ein Ausspruch Erdogans, wonach er die Demokratie nur als Mittel zum Zweck betrachte. Damit habe er gemeint, dass die Demokratie ein Mittel zum Zweck des größtmöglichen Gemeinwohls sei, verteidigt sich Erdogan. "Ich kann Ihnen schon sagen, dass ich keine Scharia will", sagte Erdogan jetzt in einem Interview. "Aber werden Sie es mir glauben?"

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