Zeitung Heute : Türkei misstraut Deutschland

Wegen Brand in Backnang fordert Ankara Ermittlungen „in alle Richtungen“.

Istanbul/Berlin - Nach dem Tod von sieben türkischen Kindern und ihrer Mutter bei dem Wohnhausbrand im baden- württembergischen Backnang hat die Türkei die Befürchtung geäußert, dass es sich bei der Katastrophe trotz aller gegenteiligen Versicherungen der deutschen Seite um einen Anschlag gehandelt haben könnte. Wegen der rechtsextremen Anschläge auf Türken in Deutschland in der Vergangenheit ziehe er „alle Möglichkeiten in Betracht“, sagte Staatspräsident Abdullah Gül. Das türkische Außenamt forderte von der Bundesrepublik, es müsse „in alle Richtungen“ ermittelt werden, auch wenn erste Vermutungen auf einen Unfall schließen ließen. Die Oppositionspartei CHP schickte eine Beobachterdelegation nach Baden-Württemberg.

Mustafa Türker Ari, der türkische Generalkonsul in Stuttgart, sagte der Zeitung „Radikal“, die deutschen Behörden hätten ihm zwar inoffiziell mitgeteilt, dass weder Brandstiftung noch rechtsextreme Hintergründe vorlägen. „Aber wir behandeln diese Informationen mit Vorsicht“. Schlagworte wie Solingen oder Mölln mögen in Deutschland längst an Brisanz verloren haben – in der Türkei sind sie für viele nach wie vor aktuell. Die tödlichen Brandanschläge von Rechtsextremisten gegen Türken in den 1990er Jahren haben ein Gefühl der Verunsicherung geschaffen, das bis heute anhält. Der türkische Nachrichtensender NTV meldete, allein 2012 habe es in Deutschland elf Fälle von Brandstiftung gegeben, die Türken als Ziel gehabt hätten. Bei jedem neuen Fall eines Feuers in einem türkischen Wohnhaus werde unter den Türken in Deutschland der Verdacht von Brandstiftung wach.

Das Misstrauen ist nicht zuletzt Folge der deutsche Beschwichtigungen in den Jahren der NSU-Mordserie. Die Haltung der deutschen Polizei während der Zeit der Morde an acht Türken und einem Griechen habe das Vertrauen der Türken in Deutschland in die Behörden erschüttert, warnte das türkische Außenministerium im vergangenen Jahr.

Kanzlerin Angela Merkel zeigte sich von dem Unglück „zutiefst erschüttert“, wie Vize-Regierungssprecher Georg Streiter sagte. Die deutsche Polizei sieht derzeit keine Anzeichen für eine Straftat. „Ein technischer Defekt im Gebäude ist am wahrscheinlichsten“, sagte der leitende Kriminaldirektor Ralf Michelfelder. Ein Sprecher der ermittelnden Polizei in Waiblingen sagte dem Tagesspiegel: „Natürlich tragen wir den Gedanken, dass der Brand einen fremdenfeindlichen Hintergrund haben kann, ständig in uns, aber es gibt derzeit keine Hinweise darauf.“ Man sei auf diesem Auge nicht blind. Der Staatsschutz sei in die Ermittlungen nicht involviert. Vor Ort werde „mit Hochdruck“ nach der Brandursache gesucht – und in alle Richtungen ermittelt. Thomas Seibert/Christian Tretbar

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