Türkei : Mit allen Wassern

Im Südosten der Türkei sollen Staudämme entstehen – und die Bundesregierung bürgt für die nötigen Kredite. Doch nun droht sie damit, ihre Zusage zurückzuziehen. Denn das gigantische Projekt ist voller Willkür

Susanne Güsten[Hasankeyf]
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10.000 Jahre Geschichte, Dutzende Zivilisationen. Die einst mächtige Stadt Hasankeyf am Tigrisufer. -Foto: AFP

Sie öffnet eine Tür in der Lehmziegelwand, „kommen Sie doch rein“, sagt sie, „sehen Sie mal, das ist unser Haus, es ist ganz aus Stein“. Stolz führt die kurdische Hausfrau Fadime durch ihr Heim. Unten wohnen die Kuh und die Hühner, im Erdgeschoss der Bruder und dessen Familie, ein Zimmer, nackter Betonboden. Fadime selbst lebt mit Mutter, Mann und Kindern im oberen Stockwerk, wo ein kleiner Raum als Küche dient und ein größerer als Schlafraum. Sie hat die morgendliche Hausarbeit bereits erledigt: Die Schlafmatten sind an der Wand gestapelt, die Teppiche zum Lüften aufgehängt, der Boden ist gefegt. Es ist ein Haus wie viele hier im südostanatolischen Hasankeyf. Mit einer atemberaubenden Aussicht.

Von der Terrasse vor der Küche geht der Blick weit übers Land: Tiefgrün und träge wälzt sich der Tigris durch das Tal, das links von hohen Kalksteinklippen und rechts von Bergen eingefasst ist. Im Vordergrund erhebt sich das 600 Jahre alte Minarett der El-Rizk-Moschee, rechts ragen Überreste einer mittelalterlichen Steinbrücke aus dem Fluss, in der Ferne ist ein Grabmal zu erkennen, das die Akkoyunlu hier errichteten – eine von Dutzenden Zivilisationen, die in der 10 000-jährigen Geschichte Hasankeyfs ihre Spuren hinterlassen haben. „Können Sie verstehen, warum wir nicht fortwollen?“, fragt Fadime.

Zwei Ecken weiter ist eine andere Aussicht zu haben. Der Blick auf den Ort nämlich, an den Fadime und ihre Familie, aber auch die El-Rizk-Moschee und die mittelalterliche Brücke umziehen sollen, wenn es nach dem türkischen Staat geht und nach einem Firmenkonsortium aus der Türkei, Deutschland, Österreich und der Schweiz. Ein Staudamm soll gebaut werden, der den Tigris ansteigen und zum See werden lässt. Und deshalb hat an der Hasankeyfer Hauptstraße kürzlich ein Informationsbüro eröffnet – nachdem Klagen darüber laut wurden, dass die Menschen im Flutungsgebiet nicht ausreichend über das Projekt informiert werden. Auch eine Broschüre gibt es jetzt, allerdings nur ein einziges Exemplar, wie der Infobüro-Angestellte Mehmet Arif Ayhan bedauert, der es deshalb nicht aus der Hand geben kann. „Da sollten eigentlich noch mehr kommen, aber wann, das weiß ich nicht.“

Immerhin sind die Grafiken aus der Broschüre auch als gerahmte Vergrößerungen an den Wänden des Infobüros zu besichtigen. Auf bunt schraffierten Landkarten und Skizzen zeigt Ayhan, was da geplant ist. „Hier sehen wir den Tigris, so wie er jetzt verläuft, und hier sieht man, welches Gebiet er fluten wird, wenn der Damm fertig ist“, sagt er. „Wie man sieht, wird Hasankeyf dann unter Wasser sein.“

Für die Bewohner der Stadt ist auf den Karten deshalb ein neuer Siedlungsort am Berghang über dem anderen Flussufer eingezeichnet. Auch ein sogenannter Kulturpark ist dort eingeplant, in den die Kulturdenkmäler der uralten Stadt umgesetzt werden sollen. Jedes Bauwerk hat seinen Platz. „Hier sehen wir, wo die Koc-Moschee hinkommen soll, da die El-Rizk-Moschee, hier die alte Brücke, der Hamam, hier kommt das Grabmal hin und da das Imam-Abdullah-Ordenshaus.“

Ein anspruchsvolles Projekt ist das, handelt es sich bei den Bauwerken doch um unersetzliche, höchst zerbrechliche und teils schon zerkrümelnde Schätze aus vielen Jahrhunderten. Das Problem ist nur: Bisher haben die Behörden nicht einmal die Machbarkeitsstudien dafür erstellt, wie ein internationales Expertenkomitee feststellte.

Die Experten arbeiten gewissermaßen im Auftrag der deutschen, österreichischen und der Schweizer Regierung, denn die wollen den Bau des Staudamms mit Kreditgarantien – die Deutschen mit den sogenannten Hermes-Bürgschaften – ermöglichen. Die Experten sollen überwachen, dass die Türkei sich beim Bau des Ilisu-Damms an getroffene Vereinbarungen hält: an 153 Auflagen zum Schutz von Mensch, Umwelt und Kultur im Flutungsgebiet. Die europäischen Geldgeber haben ihre Kreditgarantien daran geknüpft.

Die Kreditagenturen entsandten je ein Komitee von Fachleuten für Umsiedlung, für Umweltschutz und für Archäologie an den Tigris. Deren Berichte fielen so vernichtend aus, dass die Europäer der Türkei im Oktober ein Ultimatum stellten: Sollten die türkischen Behörden nicht bis Ende nächster Woche glaubhaft darlegen, wie und wann sie die Auflagen noch erfüllen, dann könnten die Europäer aussteigen. „Wenn die notwendigen Maßnahmen zum Schutze der Menschen, der Umwelt und der Kulturgüter jetzt nicht erfolgen, werden die Liefer- und Kreditverträge beendet“, warnte die deutsche Bundesregierung.

Der junge Mann im Infobüro von Hasankeyf weiß nichts von diesen Problemen, auf seinen bunten Karten ist die Zukunft schon da. „Das ist so ein gutes Projekt, damit werden Arbeitsplätze geschaffen und alle Probleme gelöst“, sagt Ayhan. Ein Theater werde es am neuen Siedlungsort geben, ein Museum, ein Kulturhaus und einen Hafen am Stausee. Kleine Modellhäuschen sind im Infobüro ausgestellt, damit die Bewohner von Hasankeyf sich ihr Wunschhaus aussuchen können.

In den Teehäusern von Hasankeyf sind die Leute dennoch rebellisch. Sie haben eigene Nachforschungen betrieben. „Wir sind nach Halfeti gefahren“, ans Euph rat-Ufer, sagt ein Rentner. Der nahe gelegene Birecik-Staudamm ist schon fertig und wie der bei Ilisu Teil des türkischen „Südostanatolien-Projekts“. 22 Dämme an Euphrat und Tigris und viele weitere an kleinen Flüssen sollen mehr als ein Drittel des Strombedarfs des Landes decken – sie gäben der Türkei darüber hinaus aber auch die Möglichkeit, die Nachbarländer Syrien und Irak über Monate vom Flusswasser abzuschneiden. Der Rentner sagt: „Wir haben mit den Leuten dort geredet. Dort ist nichts von dem passiert, was die Behörden versprochen hatten.“

Auch an die versprochenen Arbeitsplätze glaubt hier niemand. „Sehe ich so aus, als würde man mich im Museum anstellen?“, fragt ein Schafhirte.

Am neuen Siedlungsort gibt es bereits eine Siedlung, das Dörfchen Kesmeköprü III – und dessen Bewohner sind ebenfalls wütend. „Die Behörden haben uns letzten Monat einbestellt und gesagt, dass wir ihnen unser Land verkaufen müssen“, schimpft der Ortsvorsteher Hasan Mahmutoglu – für etwa 75 Cent pro 1000 Quadratmeter. Die Dörfler haben sich geweigert, nun soll der Fall vor Gericht entschieden werden. „Die Behörden haben uns gewarnt, dass das Gericht den Preis noch weiter heruntersetzen könnte, wenn wir nicht zustimmen“, sagt Mahmutoglu. „Sollen sie nur, dann werden sie sich unser Land mit Gewalt holen müssen.“ Schließlich hätten die Dörfler nichts mehr zu verlieren, murrt der alte Mann: Denn für sie selbst, so hat man ihnen eröffnet, ist hier kein Platz mehr, wenn Hasankeyf umgesiedelt wird.

Die europäischen Kreditgaranten wissen von diesen Nöten nichts. Die türkischen Behörden hätten offenbar mit Arbeiten an einem Umsiedlungsort für Hasankeyf begonnen, heißt es im jüngsten Bericht des Umsiedlungs-Expertenkomitees. „Aber trotz mehrfacher Nachfragen hat das Komitee keinerlei Unterlagen zu diesen Plänen bekommen.“ Umso besser wissen die Experten, was sie von jener Arbeit der türkischen Behörden halten, die sie zu sehen bekommen haben. Kein Plan, keine Organisation, keine Koordination, heißt es in ihrem jüngsten Bericht: Oft wüssten die zuständigen Beamten nicht einmal von den Auflagen. Von den 35 Vereinbarungen zur Umsiedlung waren beim ersten Besuch des Komitees vor einem Jahr nur fünf zumindest teilweise erfüllt, obwohl die Türkei eigentlich in diesem Jahr mit dem Bau beginnen wollte. Zwar gelobte die Türkei daraufhin Besserung, doch „ergab unser Ortstermin, dass die tatsächliche Arbeit an den meisten Auflagen nur begrenzte Fortschritte gemacht hat“, hielt das Komitee nach einem weiteren Besuch in diesem Sommer fest.

100 Kilometer flussabwärts, an der geplanten Staustelle, gehen die Arbeiten dafür umso schneller voran. Bagger und Betonmischer donnern über provisorische Pisten, Stacheldrahtrollen umgeben die Baustelle, Soldaten halten Wache. Ein Militärlager entsteht hier auf einem Hügel über dem Tigris, eine gewaltige Trutzburg mit Kasernen für Hunderte Soldaten; sie sollen die Dammbaustelle vor den kurdischen PKK-Rebellen schützen, die hier in der Gegend aktiv sind – und für die die Art und Weise der Umsiedlung ihrer kurdischen Landsleute und die Überflutung ihrer eigenen Stellungen und Transportwege ein willkommener Anlass für Anschläge sein dürfte.

Im nahen Dorf Ilisu, nach dem die Staustelle benannt ist, erfüllen aber vorläufig noch Vogelzwitschern und Kinderstimmen die Luft; Kinder jagen auf ungepflasterten Gassen den Hühnern hinterher. Eine junge Bäuerin namens Leyla spült am Dorfbrunnen ihr Geschirr. Wie lange sie und ihre sechs Kinder noch hier bleiben können, weiß Leyla nicht: Ilisu ist eine von fast 200 Siedlungen, die vom Stausee vollständig oder teilweise überflutet werden sollen. Mindestens 55 000 Menschen werden ihr Heim verlassen müssen.

„Unser Besitz ist schon verstaatlicht“, sagt Leyla, „aber wir wollen hier nicht weg.“ Auf Druck der Kreditversicherer und mit Unterstützung internationaler Experten haben die Behörden inzwischen immerhin einen Umsiedlungsort für das Dorf besorgt und sogar neue Anbauflächen für die Obstgärten der Leute organisiert. Ein erster Fortschritt ist das aus Sicht der Kreditversicherer, dem allerdings noch viele solche Schritte folgen müssen. Denn in den Auflagen ist auch vereinbart, dass die Bewohner des Tigristals bei der Umsiedlung umgeschult und mit einem neuen Lebensunterhalt ausgestattet werden müssen. Bisher hatten die türkischen Behörden für die Umsiedlung aber immer nur eines gemacht, nämlich die Dörfler enteignet.

Immerhin gibt es auch Menschen am Tigris, die zufrieden sind, wie der Bauer Ibrahim Cicek. „Ich habe gutes Geld bekommen für mein Haus, meine Felder und meinen Obstgarten, ich habe keine Beschwerden“, sagt Cicek. „Und ich habe mir von dem Geld schon eine Wohnung in Dargecit gekauft, in der Kreisstadt.“ Wovon er dort leben soll ohne sein Vieh, seine Felder und seine Obstbäume, darüber hat sich der Bauer allerdings noch ebenso wenig Gedanken gemacht wie sein Staat. „Ach, Allah ist groß“, sagt er. „Irgendwas wird sich schon finden.“

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