Türkische Cafés : Geschlossene Gesellschaft

Für viele Türken sind es ausgelagerte Wohnzimmer, in denen sie stundenlang sitzen. Für alle anderen sind die Männer-Cafés eine fremde Welt.

Björn Rosen
Männercafes
Ort des Rückzugs. Das Bild stammt aus der Reihe "Berliner Männerwelten" der Fotografin Loredana Nemes. -

Als Loredana Nemes im vergangenen Sommer ihr neues künstlerisches Projekt begann, musste sie an ihre Kindheit denken. Anfang der 80er Jahre verließ ihre Familie Rumänien und zog in den Iran; Nemes’ Vater hatte dort Arbeit als Bauingenieur gefunden. In der jungen islamischen Republik waren die Geschlechter in der Öffentlichkeit strikt getrennt. „Selbst ich – das kleine, dünne 12-jährige Mädchen – durfte nur bei den Frauen sitzen“, erinnert sich die Fotografin. Immer wieder aber fand sie damals einen Vorwand, an die Tür des Raums zu klopfen, in dem sich der Vater und die anderen Männer aufhielten, deren Welt ihr so fremd und geheimnisvoll erschien.

Mit ähnlicher Neugier fährt Nemes nun auf dem Fahrrad durch ihre Wahlheimat Berlin. Mit dabei hat sie eine Kamera und die Kopie eines Stadtplans: sieben mit Klebeband verbundene A4-Blätter, die die Straßen von Kreuzberg und Neukölln zeigen. Über 40 rote Punkte kleben darauf. Jeder steht für ein türkisches, manchmal auch arabisches Café, in dem sich ausschließlich Männer treffen.

Nemes fotografiert die Lokale in der Dunkelheit – und nur von außen. Ihre Schwarz-Weiß-Bilder, aufgenommen aus der immer gleichen, streng frontalen Perspektive, wirken still und geheimnisvoll. Sie zeigen große Fenster, die jedoch durch ihre Milchglasscheiben oder wegen der Vorhänge und Topfpflanzen dahinter keinen freien Blick gewähren. Wenn man etwas im Innern erkennen kann, dann nur menschliche Silhouetten, Neonlicht, ab und zu eine türkische Fahne oder das Emblem eines Sportvereins. Oft gibt es nicht mal ein Schild, das den Namen des Lokals verrät.

„Ich möchte mit meinen Bildern den Blick des Außenstehenden festhalten“, sagt die 36-Jährige. Als Frau und als Nicht-Türkin sind ihr die Cafés doppelt fremd. Und nicht nur ihr. Nemes’ Fotos lenken die Aufmerksamkeit auf eine halbverborgene Männerwelt mitten in Deutschland, die vielen ein Rätsel ist.

Ein Donnerstagabend im Cankaya, einem türkischen Lokal in der Kreuzberger Mariannenstraße. Zigarettenrauch hängt in der Luft, der Fernseher neben der holzvertäfelten Theke zeigt türkische Musikvideos. Die einzige Frau unter etwa 15 Männern ist die Kellnerin: eine junge Türkin in schwarzen Stiefeln, mit blonden Haaren und müdem Blick. Auf den Holztischen liegen blaue Decken. An einem schweigen sich zwei Ältere an, sie tragen Mütze, Hornbrille und Schnauzer. Daneben spielen vier jüngere Männer Karten, trinken Kirschsaft und Tee. Alle im Raum tragen dunkle Hosen und Sweatshirts, so als wollten sie sich auf keinen Fall abheben von den anderen. Nur manchmal kommt unter einer schwarzen Lederjacke ein weiß-grau-gestreifter Pullover zum Vorschein.

Einige der Männer, erzählt Cafébesitzer Kemal Kalayci, sind schon seit sieben Stunden da. Manche werden noch sieben Stunden bleiben. Und wieder andere „gehen sowieso kaum nach Hause“. Für die Besucher ist das Cankaya ein Wohnzimmer, in das sie immer kommen können. Auf der Flucht vor ihrer Frau, die sie geheiratet haben, weil es die Familie so wollte. Um Zeit totzuschlagen, weil ihnen Arbeit und Hobbys fehlen. Oder einfach, um Freunde zu treffen. Wie die meisten Männercafés hat auch das Cankaya – benannt nach jenem Teil Ankaras, in dem sich der Präsidentenpalast befindet – 24 Stunden geöffnet, sieben Tage die Woche. Selbst um vier Uhr morgens kommen Leute vorbei.

Kalayci kennt seine Gäste genau. „98 Prozent sind Stammkunden, von den meisten weiß ich zumindest den Namen. Viele kommen aus der Nachbarschaft“, sagt er, während er an einem der Tische im Café Platz nimmt. Kalayci ist ein Mann mittleren Alters; das Schwarz seiner Augenbrauen, der kurzen Haare und des Drei-Tagebarts geht an einigen Stellen langsam in Grau über. Wenn man ihm zuhört, merkt man, dass er seine Heimat Ostanatolien schon vor über 30 Jahren verlassen hat. Sein Deutsch ist gut, manches sagt er im Berliner Dialekt, etwa: „keene Ahnung“.

Hauptberuflich handelt Kalayci mit Spielautomaten, das Café ist eher ein Hobby: „Gewinn mache ich damit nicht.“ Jeder, der hereinkommt, kriegt kostenlos schwarzen Tee, serviert in kleinen Gläsern, daneben ein Löffel und zwei Stück Zucker. Einige halten sich stundenlang daran fest. Auch sonst sind die Preise niedrig. Cola kostet ein, Bier zwei Euro. Wäre es teurer, käme wahrscheinlich niemand. Die meisten Türken in Deutschland verdienen nicht viel. „Viele hier haben überhaupt keine Arbeit“, sagt Kalayci. „Das Café gibt ihnen die Möglichkeit, den Tag zu vergessen, zu vergessen, dass sie keine Zukunft haben.“

Kemal Kalayci spricht mit Wohlwollen über seine Gäste, manchmal klingt er dabei ein wenig jovial. „In der Türkei gibt es Cafés dieser Art auch für die Elite“, sagt er. „Aber das hier sind einfache Leute, Fußball ist der Mittelpunkt ihres Lebens.“ Wie ein Vater scheint Kalayci auf seine Landsleute achtgeben zu wollen. Auf den vier Fernsehern des Cafés darf nur Musik oder Sport laufen. Denn alles Politische könnte Streit provozieren. In anderen Männercafés werde gezockt, gebe es Drogenhändler, sagt Kalayci. Bei ihm nicht. Er entscheide auch darüber, wer ein Glas Bier bekomme und wer besser keinen Raki mehr trinken sollte.

Und so wirkt die Atmosphäre im Café gemütlich, beinahe familiär. Die traditionelle türkische Kultur weist den Frauen einen festen Platz in den eigenen vier Wänden, den Männern dagegen in der Außenwelt zu. Als Besucher gewinnt man schnell den Eindruck, dass die Männer sich mit ihren Cafés einen eigenen heimeligen Platz geschaffen haben, der Entspannung verspricht, die Abwesenheit aller Härten, die das Leben draußen bereithält. „Ich hätte nichts dagegen, wenn es auch weibliche Besucher gäbe“, sagt Cafébesitzer Kalayci, der mit einer Portugiesin verheiratet ist. Doch seine Gäste sehen das anders. Frauen würden diese seltsam maskuline Harmonie stören. Würde im Cankaya plötzlich einer seine Frau mitbringen, bekäme er Probleme mit den Freunden.

„Andere Länder, andere Sitten“, meint Kalayci schulterzuckend und begrüßt drei neue Kunden mit Handschlag. Es sind ältere Herren in schwarzen Mänteln. Die Kellnerin wechselt mit der Fernbedienung den Kanal, schaltet „Lig TV“ ein; das Spiel Galatasaray gegen Sivas beginnt. Die gerade gekommenen Männer nehmen im hinteren Teil des Cafés Platz. Wie alle anderen schauen sie schweigend auf den Fernsehschirm.

Ein paar Hausnummern weiter, an der Kottbusser Straße, sitzt Metin Dag in einem anderen Männercafé und wartet auf einen Freund. Dag ist 38, sein halblanges Haar und der Kapuzenpulli lassen ihn jungenhaft aussehen. „Die Frauen?“, fragt er mit einer wegwerfenden Geste und einem Lächeln: „Die sind doch froh, wenn wir mal weg sind.“ Dag, der eigentlich einen anderen Namen trägt, ist geschieden. Während er in einer türkischen Zeitung blättert, erklärt er, dass er weder eine zukünftige Frau noch seine Freundin jemals hierher mitnehmen würde. „Natürlich gehe ich auch in andere Cafés, sogar in Diskos. Aber manchmal ist es angenehm, nur unter Männern zu sein.“ Warum genau, darüber hat er noch nicht nachgedacht. „Na ja“, sagt er. „Um in Ruhe über Sport zu reden, oder über Frauen.“ Vier bis fünf Mal die Woche kommt er ins Café Liman, bleibt mal zwei, mal vier Stunden.

Hinter Dag hängt eine Leuchttafel mit Bildern des Republikgründers Atatürk und einer großen Türkeikarte. Dag deutet auf den nordöstlichen Teil: „Ich stamme vom Schwarzen Meer, aus Ordu.“ Er würde gerne wieder zurück, aber in Berlin hat er einen gutbezahlten Job. So wie die meisten Gäste. Anders als das Cankaya sei das hier „ein Arbeiter-, kein Arbeitslosencafé“. Zwölf Jahre ist Dag schon in Deutschland, derzeit arbeitet er in einem Metallbetrieb. Aber mit der Sprache tut er sich nach wie vor schwer. Da ist es einfacher, unter seinesgleichen zu bleiben. Männercafés sind eben Orte der Bequemlichkeit.

In manchen Cafés sind Deutsche nicht gern gesehen – selbst wenn die Lokale als „deutsch-türkischer Kulturverein“ firmieren, weil die Betreiber so Steuern sparen können. Andererseits sucht auch kaum ein Deutscher Kontakt, so wie sich ein Heavy-Metal-Freak nicht in eine Yuppie-Bar verirrt, in der man ihn wiederum mit Distanz betrachten würde.

Der Ruf der Männercafés hat zudem darunter gelitten, dass sich einige von ihnen zu Brutstätten für Kriminalität, Glücksspiel und Prostitution entwickelt haben. In den meisten wird aber nur um ein paar Getränke gezockt oder Geld auf ein Fußballergebnis gesetzt. Die Kellnerinnen sind in den Augen der Besucher hübsches Beiwerk, mit ihnen schmecke der Tee besser, sagen sie. Prostituierte sind sie deshalb noch lange nicht.

„Die Cafés haben ihre guten Seiten“, sagt der Sozialwissenschaftler Rauf Ceylan, der selbst türkisch-kurdischer Abstammung ist. Er hat für seine Doktorarbeit zwei Jahre lang Männercafés in Duisburg besucht. „Die Leute können dort Frust und Stress abbauen. Sie werden aufgefangen, egal ob sie arbeitslos sind oder ihre Frau verloren haben.“ Vor allem werde anders als in deutschen Eckkneipen wenig Alkohol getrunken.

Und die Frauen? Im besten Fall treffen sie sich, während die Männer beieinander sitzen, zu Hause mit ihren Freundinnen, sehen Videos, plaudern, kochen füreinander. Im schlechteren Fall haben sie daheim zu arbeiten, Einkäufe zu erledigen, zu putzen. Dass auch Türken immer weniger mit dieser Rollenverteilung anfangen können, zeigt sich daran, dass Männercafés bei vielen als „Zeitverschwendung“ gelten. Eltern erkundigen sich vor der Hochzeit, ob der Schwiegersohn ein „Kahveci“, ein notorischer Cafégänger ist.

Auch Yunus Temel kann die Männer in den Cafés nicht verstehen. „Anstatt den ganzen Tag herumzusitzen, sollten sie sich besser um ihre Familie kümmern“, sagt er. „Ich möchte eine Frau heiraten, weil ich sie liebe. Und dann will ich auch Zeit mit ihr verbringen.“ Der 29-jährige Turkologie-Student von der FU ist auf die Tour durch die Männercafés mitgekommen, um zu übersetzen. Seine Eltern sind Türken, er selbst wurde in Berlin geboren, ist in Schöneberg und Tiergarten aufgewachsen. Schon sein Vater war kein Cafégänger. Die Schwester heiratete einst einen Mann, der den größten Teil seiner Freizeit im Café verbrachte – zu ihrem Leidwesen. „Sie war extra nach Köln gezogen, hatte in der fremden Stadt weder Familie noch Freunde und saß nun jeden Abend allein in der Wohnung“, erzählt Yunus. Schließlich trennte sie sich. Seine Zeit im Café war ihrem Mann offenbar so wichtig, dass er dafür sogar seine Ehe auf Spiel setzte – und verlor.

Loredana Nemes sagt, sie habe bei ihren Fotoaufnahmen bisher nur positive Erfahrungen gesammelt. Die Männer aus den Cafés waren ausgenommen freundlich zu ihr. Schon ein paar Mal kam einer von ihnen heraus, brachte ihr Saft oder ein Sandwich und bestaunte das Interesse der Fremden. Ganz geheuer war ihre Neugier keinem. „Ich glaube“, sagt Nemes, „sie waren beruhigt, dass ich draußen geblieben bin.“

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