Zeitung Heute : Tunesien – Saudi-Arabien 2 : 2

WM-Stadion München, 14. Juni 2006, 66 000 Zuschauer

Tim Jürgens

Wenn das mit der WM so weitergeht, muss man langsam Angst ums miesepetrige Image der Deutschen kriegen. Jahrelang waren wir beim All-Inclusive-Trip nach Tunesien gefürchtet, weil uns vom warmen Bier bis zu verkalkten Armaturen im Hotelbad alles zum Beschwerdegrund gereichte. Jetzt kommen die Tunesier – und wir machen auf Gute-Laune-Bären. Jedenfalls waren die deutschen Fans diesmal deutlich in der Überzahl. Und nicht nur das: Während die Anhänger der gegnerischen Teams mit Schals und Fähnchen zumeist auffällig dezent ihr Fantum auslebten, überraschten viele Deutsche mit dick aufgetragener Kriegsbemalung, üppigen Flaggen oder der neuen Hutkultur (zylindrisch) in Nationalfarben. Die Folge: Wie wir uns sonst im Urlaub mit dem putzigen Kellner fotografieren lassen, machten viele Araber und Afrikaner heute mit den bemüht flippigen Paradiesvögeln aus dem Gastgeberland Gruppenbilder. Eine Truppe in Schwarz-RotGold skandierte dazu – wohl in Erinnerung an den letzten Pauschaltrip – freundlich: „Endlich voll, endlich voll, endlich voll!“. Als die Übermacht Teutonen während des Spiels dann aber wiederholt die „La Ola“ startete, klinkten sich die angespannten Fans aus dem Orient schnell aus. Das gab Pfiffe von den deutschen Rängen. Na also, einen Grund zur Beschwerde gibt’s doch immer. Die deutsche Überzahl schwand dann auch ab der 80. Minute gewaltig dahin. Rund 30 000 Event-Fans strömten aus dem Stadion, um pünktlich zur Partie Deutschland gegen Polen vor dem Fernseher zu sitzen. Vor halb leeren Rängen erzielte dann Radhi Jaidi den Ausgleich für Tunesien. Wären die Deutschen noch da gewesen, über den Jubel der Nordafrikaner auf den Rängen hätten sie sich nicht beschweren können.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar