Zeitung Heute : Tunnel-Inferno: Grauen, für das die Worte fehlen

Paul Kreiner

Aus frischem, hellem Holz sind die drei Särge geschreinert. Aufgebahrt hat man sie in der neonlicht-kalten Feuerwehrhalle, weil sie der größte Versammlungsraum ist, den Kaprun zu bieten hat. Doch in der Wahl des Orts wird auch die grenzenlose Verzweiflung deutlich: Der Toten gedenkt man ausgerechnet in der Zentrale einer Organisation, die als erste hätte helfen, retten, das Schlimmste verhindern sollen. Doch selbst die Feuerwehr war im Gletschertunnel von Kaprun machtlos; nicht einmal löschen konnte sie. Sinnloser ist selten ein Ort für eine solche Trauerfeier gewesen.

Dunkelheit habe sich über den Ort gelegt, sagt der Pfarrer in seiner Predigt. "Karfreitag" sei in Kaprun. Der Priester, auch wenn er selbst sich hörbar schwer tut, kann das Unfassbare wenigstens in vertraute, aus der Glaubenslehre bekannte und womöglich tröstende Begriffe fassen. Andere in Kaprun haben nicht einmal Kategorien für das Grauen: "Wir können es nicht in Worte fassen", heißt es auf den Straßen immer wieder. Oft genug wird dieser Satz als hohle Phrase gebraucht - in Kaprun aber sagt er die Wahrheit. Und beim Trauergottesdienst sitzen die Menschen nicht aufrecht auf ihren Bänken, sondern in sich zusammengesunken, weinend, oder mit steinernem Gesicht.

Kaprun mit seinen 3000 Einwohnern galt bisher als einzigartige Darstellung des Machbaren. Das Tal ist kreuz und quer überzogen mit Starkstromleitungen; die Tauernkraftwerke haben gigantische Betonmauern in die Berglandschaft gesetzt und Seen angelegt, die jetzt als Tourismus-Erlebnisgebiet angepriesen werden. Kaprun galt als Darstellung des starken Österreich: die Kraftwerke, begonnen unter Einsatz zahlreicher Zwangsarbeiter im Zweiten Weltkrieg, sind in den Jahren nach 1945 hochgezogen worden. Österreich betrachtet sie als Symbol dafür, wie sich die Heimat mit eigener Kraft aus tiefster Not emporgearbeitet hat. In Kaprun ist sogar das Naturfreundehaus aus Beton. Nun ist genau dieses Kaprun wie am Boden zerstört. In den Hotels und den Aprés-Ski-Bars läuft keine Musik mehr. Der Rot-Kreuz-Ball ist abgesagt. Auf den Balkons haben Kerzen geleuchtet die ganze Nacht, rote Grablichter besser gesagt; brennende Kerzen stehen überall an den Straßen. Ansonsten ist das Dorf wie leergefegt. Nur Feuerwehr- oder Polizeiautos fahren hin und her; Hubschrauber kreisen knatternd über dem Tal. Von den Einwohnern geht kaum jemand aus dem Haus. "Die Gäste sind abgereist. Nur Journalisten laufen durch den Ort", sagt Gertraud Eder von der Pension Jaga-Hias: "Wir sind alle fertig. Es ist trostlos."

Die Toten - das sind ja nicht nur Touristen, sondern auch zahlreiche Einheimische. Der örtliche Skiclub pflegt da oben auf dem Gletscher zu trainieren, und zum Saisonauftakt sind sie natürlich in größerer Mannschaftsstärke hinaufgefahren. Auch der Kinderskiklub der Gemeinde hat sich bei strahlend blauem Himmel und gutem Schnee aufgemacht - zu ihrem Glück sind sie früh aufgestanden. "Nahezu alle" der 35 Vier- bis Sechsjährigen seien oben angekommen, versichert die Gemeindesprecherin, und mit Tränen in der Stimme sagt der Trainer des Skiclubs, ein Kind, ein Skilehrer, ein Elternpaar würden vermisst.

"Vermisst" lautet der Begriff, der Hoffnungen nicht zerstören soll. An ihm halten sie eisern fest in Kaprun, obwohl der Salzburger Landeshauptmann Franz Schausberger bereits am Sonnabendmittag, vier Stunden nach Ausbruch des Brandes, öffentlich sagen musste, von der Gebirgsbahn im Tunnel sei nur noch das Fahrgestell erhalten, und es habe wohl niemand überlebt. "Seien wir ehrlich", sagt einer der Feuerwehrmänner, die sich durch den beißenden Rauch als erste zum Zug durchgearbeitet haben: "Es ist ein einziger Klumpen da drinne. Nur Asche und Metall." Aus Pietät und aus Verantwortungsgefühl gegenüber den Angehörigen will ein anderer der Öffentlichkeit keine Schilderung darüber zumuten, welche Szenen er in den verbrannten Waggons gesehen hat, und was sechs Stunden später immer noch gebrannt hat. Man kann ahnen, warum er es nicht sagt.

Die draußen hängen zwischen Hoffnung und Verzweiflung. Von den Einheimischen können etliche darüber Auskunft geben, wann ihre Bekannten, Freunde, Kinder, Ehepartner aufgebrochen sind, welche Gondel sie benützt haben - aber längst nicht alle. Manche, sagt Pfarrer Peter Hofer, haben bis in den späten Sonnabendabend warten müssen, um Gewissheit zu erhalten, so oder so. "Und dieses Warten, dieses Nicht-Wissen den ganzen Tag, das ist verheerend. Da dehnt sich jede Minute zur Stunde." Abends, beim Gottesdienst in der Feuerwehrhalle, sagt der Kapruner Mike Müller, sein Freund, ein Skilehrer, sei am Morgen mit einer Gruppe auf den Gletscher gefahren. Den ganzen Tag habe Müller versucht, ihn auf dem Handy zu erreichen. "Jetzt habe ich keine Hoffnung mehr."

Und erst die Angehörigen, die aus Deutschland und Österreich anreisen voller Angst; die in der Kapruner Jugendherberge untergebracht und vor allem: nicht allein gelassen werden. Von ihnen hat nur ein kleiner Teil überhaupt eine Vorstellung davon, welchen Zug, derjenige, den sie vermissen, genommen hat oder ob er überhaupt an diesem Tag nach Kaprun gefahren ist. "Mancher", sagt einer der gut 40 Psychologen, die zur Betreuung aufgeboten sind, "mancher hat daheim nur gesagt, er geht mal kurz nach Österreich zum Ski fahren." Gertrude Eder von der Pension Jaga-Hias sagt, sie habe bis in die Nacht auch zwei ihrer Gäste vermisst: "Dann aber sind die gekommen, völlig perplex; die sind woanders hingefahren und haben von der Katastrophe nichts mitbekommen."

Eine Liste mit Überlebenden - sie sind vorerst die einzigen, die man ermitteln kann - erscheint Sonnabendnacht im Internet. Sie beantwortet nicht alle Fragen, weil man bei 2500 Menschen auf dem Gletscher und etlichen Hundert in verschiedensten Hotels und Pensionen in verschiedenen Orten nicht jeden katalogisieren kann, aber immerhin. Die Identifizierung der stark verbrannten Leichen, sagen die Experten in Kaprun wiederholt, werde wohl Tage dauern. Das bange Warten wird also vielfach weitergehen. Der Skiverband aus dem oberbayerischen Chiemgau erfährt schon am Sonntagvormittag, dass seine Hoffnungen vergeblich waren: Zwei Trainer und fünf Jugendliche sind unter den Toten. Die Jugendlichen - das sind die Sieger eines Talentwettbewerbs vom vergangenen Winter. "Zur Belohnung" waren sie auf das Kitzsteinhorn eingeladen. Ein Mädchen hat aus der Bahn noch zurückgewinkt. Es war ihr letztes Lebenszeichen. Und am Sonntag erfährt auch der Magistrat der oberösterreichischen Stadt Wels, dass das ganze Personal eine schlaflose Nacht lang vergeblich gehofft hat: Sie haben 33 Kolleginnen und Kollegen verloren. Diese hatten ihren traditionellen Ski-Eröffnungsausflug unternommen.

Im Krankenhaus Zell am See, fünf Kilometer nördlich von Kaprun und mit diesem zu einer mondänen Tourismusregion verbunden, liegen die meisten der 18 Verletzten. Einer schwebt am Sonntag noch in Lebensgefahr, die anderen sind mit Prellungen und Rissquetschwunden davongekommen. Lange wissen sie nichts vom Ausmaß der Tragödie. Nur die Psychotherapeutin Claudia Hollaus hat mit ihnen gesprochen: "Die Patienten stehen alle unter schwerem Schock, sie stellen kaum Fragen, auch nicht nach dem Verbleib von Bekannten und Freunden." So dauert es auch mehr als vierundzwanzig Stunden, bis man herausbekommt, wo sich diese Personen verletzt haben.

Erst dann stellt sich heraus, dass sich nicht nur acht, sondern immerhin zwölf Deutsche aus der brennenden Bahn haben retten können, nachdem - ihren Schilderungen nach - "ein sehr kräftiger Mann mit seinem Skistock die Scheibe eingeschlagen hat". Die anderen haben sich oben in der Bergstation verletzt, durch Rauchgas vorwiegend, das aus dem Kaminschlot des Tunnels nach oben geschossen ist. Die Wolke war so stark und so dicht, dass in der mehr als drei Kilometer vom Unglücksort entfernten Bergstation an den Dämpfen sogar drei Menschen gestorben sind: ein Angestellter der Bergbahn und zwei Touristen.

Die Turnhalle von Kaprun ist an diesem Sonntag zum Medienzentrum umfunktioniert. Mehr als 300 Journalisten und Fernsehteams drängen sich bei den Pressekonferenzen - professionell fragend, jetzt wenigstens, da auch bei ihnen der Schock inzwischen hinter die Berufspflicht zurückgetreten ist. Und dieser Schock war am Sonnabend selbst abgebrühten Kollegen ins Gesicht geschrieben. Amerikaner sind da, japanische Journalisten, italienische, niederländische, deutsche und österreichische sowieso. Es geht in ihren Fragen um die Identität der Opfer, um Sicherheitsvorkehrungen im Tunnel; entsetzt reagieren sie, als bekannt wird, dass es bisher keine Feuer- und Rettungsübungen in der "ersten Gebirgs-U-Bahn der Welt" gegeben hat, weil einfach niemand in Erwägung gezogen hat, dass es dort einmal brennen könnte. Zwischendurch hat es sogar geheißen, nicht einmal Feuerlöscher seien in der Bahn vorgesehen und angebracht gewesen. Betriebsleiter Manfred Müller hat das am Sonnabend so zugegeben. Oder sich in der Aufregung versprochen, missverständlich ausgedrückt? Später, im Dauerdruck der bohrenden Fragen, widerruft Müller seine Äußerungen - oder er behauptet einfach die Existenz von Feuerlöschern, um Ruhe zu haben. So genau kann das vorerst keiner wissen.

Der Kapruner Pfarrer Peter Hofer feiert am Sonntag vormittag schon seinen zweiten Gottesdienst für die Opfer des Unglücks. Wieder predigt er, versucht er zu trösten - doch nachher, abseits der Feier, gibt er selbst zu, wie machtlos er ist: "Das einzige was ich machen kann: Ich kann die Leute bloß spüren lassen, ich bin da, ich halte zu euch. Worte sind oft so leer."

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar