Zeitung Heute : Turnschuh ade

Die Mode sagt der Sportswear auf Wiedersehen

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Es scheint Lichtjahre her, seit das Pariser Luxusmodehaus Chanel Mitte der 90er Jahre seine Models mit Surfbrettern mit dem Doppel-C-Logo über den Laufsteg schickte. Wie neu! Wie aufregend! Sport in der Haute Couture!

Inzwischen hat sich die Sportswear längst in der Mode etabliert: Designermarken machen Turnschuhe und Sportfirmen verdienen ihr Geld mit Bekleidung, die ausdrücklich nicht für die sportliche Betätigung gedacht ist.

Da hat man es sich also gerade so richtig gemütlich gemacht und plötzlich ist in Paris auf den Modenschauen nichts mehr zu sehen von der Bequemlichkeit eines Kapuzenpullovers oder der Lässigkeit eines Turnschuhs. Stattdessen Kostüme aus feinen Wollstoffen, geschnürte Taillen und viele, viele Röcke und Kleider.

Die Abkehr von der Lässigkeit kann man auch in Berlin entdecken. Erstaunlich ist das schon: Galt die Stadt doch immer als Hochburg der Sportswear, hiesige Designer mussten schon ausdrücklich betonen, dass sie Mode entwerfen und keine T-Shirts bedrucken.

Aber man muss nur mal zu „Konk“ in die Raumerstraße 36 in Prenzlauer Berg gehen, die einige der wichtigsten Berliner Designermarken führen. Hier gibt es Kleider aus Seide und zarte Jerseytops. Das Motto des Ladens ist: „Elegant und trotzdem geil.“ Auch auf den Modemessen Bread&Butter und Premium konnte man Ende Januar beobachten, dass es hier von gut geschnittenen Kleidern und Jacketts nur so wimmelte.

Natürlich sieht das auf der Straße noch anders aus: Hier wird fast nichts anders getragen als Turnschuhe und Jeans. Bei Ersterem scheint die Kompatibilität und der Mangel an Alternativen eine nicht unerhebliche Rolle zu spielen. So fragte das Berliner Modemagazin „Liebling“ in ihrem Fragebogen stilaffine Menschen vom DJ bis zum Möbeldesigner: „Turnschuhe oder Lederschuhe?“ Fast immer gewannen die aus Leder – theoretisch auf jeden Fall. Die Antwort eines Berliner Designers: „Leder, leider finde ich nie gute, deswegen doch wieder Turnschuhe.“

Und was die Jeans angeht: Die nimmt sich zunehmend zurück: Statt möglichst auffällig gebleicht und zerrissen, wird sie jetzt möglichst schlicht und in den Farben zurückhaltend angeboten. Und das lässt sich noch steigern: Für den Herbst wird der schmal geschnittenen, schwarzen Jeans eine steile Karriere in der Mode vorausgesagt. GTH

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