Zeitung Heute : „Tut mir Leid. Ich bin nicht neurotisch.“

Nina Hoss wirft nicht mit Tassen, weil das nur Löcher in der Wand gibt. Sie behält gern die Kontrolle. Und ist fasziniert von Männern, die für sie jagen gehen.

-

Nina Hoss, 30, wurde schon auf der Schauspielschule fürs Kino entdeckt und als „ShootingStar“ bejubelt. Sie gehörte dem Ensemble des Deutschen Theaters an und gab dieses Jahr die Buhlschaft bei den Salzburger Festspielen. Zurzeit ist sie in dem Film „Die weiße Massai“ zu sehen. Hoss lebt in Berlin.

Interview: Deike Diening und Stefanie Flamm Seit Sie mit 19 Jahren durch Bernd Eichingers „Das Mädchen Rosemarie“ schlagartig berühmt wurden, spricht man von Ihnen als „die Hoss“…

Ich fände es selbst interessant zu wissen, was sich Menschen unter „der Hoss“ vorstellen.

Die deutsche Superfrau: langbeinig, blond, erfolgreich – begabt und irrsinnig bescheiden. Nervt Sie dieses Image?

Ob ich bescheiden bin, muss jemand anderes beurteilen. Natürlich habe ich Ansprüche an mich und an das Leben, aber bescheiden bezieht sich wohl auf diesen Starrummel. Ich werde so wahrgenommen, als wäre mir das nicht so wichtig.

Ist der Rummel wichtig?

Ich weiß eben immer noch nicht genau, was das eigentlich ist. Ob es jetzt nur ist, dass Leute einen erkennen. Ich kriege auch nicht sofort den größten Tisch, wenn ich in ein Restaurant komme, derartige Vorzüge habe ich noch gar nicht erlebt.

Sie sind die Tochter von Willy Hoss, dem Mitbegründer der Grünen, dem Entwicklungshelfer, unbeugsamen Gewerkschafter. Ihre Mutter war Intendantin an der Württembergischen Landesbühne in Esslingen. Sie haben ein großes Erbe zu verteidigen.

Nein. Das hat mir mein Vater ganz früh genommen. Er hat gesagt, jeder lebt sein Leben, und nicht jeder Mensch kann zum Beispiel Entwicklungshilfe machen. Das war sein eigenes Interesse. Mein Vater hatte Ideen, hat Missstände gesehen und hat eingegriffen und für sich persönlich auch etwas daraus gezogen. Er war nicht nur der Helfer. Wenn er dann plötzlich an so einem Brunnen stand, sauberes Wasser aus den Leitungen kam, die Leute geduscht und geheult haben, stand er da mit Tränen in den Augen. Und er war natürlich der, der das Wasser da hingebracht hat. Etwas tun, tut mir gut, hat er gesagt.

Sie haben als Kind den Grünen-Wahlkampf miterlebt. Die Partei hat Sie in die Bundesversammlung zur Wahl des Bundespräsidenten nominiert. Was bedeutet Ihnen das?

Ich weiß eben gar nicht genau, was politisch ist: Reicht es, sich zu informieren, die Zeitung zu lesen, sich Gedanken zu machen? Ich glaube, dass mein politisches Handeln, wenn es kommt, später kommt. Im Moment hätte ich zu sehr das Gefühl, ich lasse da was in meinem Beruf sausen, das mir großen Spaß macht. Das habe ich noch lange nicht ausgeschöpft. Das kann egoistisch sein, doch ich kann jetzt kein Entwicklungshilfeprojekt auf die Beine stellen. Aber ich habe eine Meinung, und die äußere ich. Um politisch zu denken, muss ich nicht zwangsläufig Politikerin werden. Mein Beruf ist Schauspielerin.

Sie haben politisches Denken gelernt, weil es in Ihrer Kindheit immer präsent war. Prägt Sie das gar nicht in Ihrem Handeln?

Na ja, ich hatte zum Beispiel mal das Angebot für eine Mercedes-Werbung, die hätte sehr viel Geld gebracht. Aber das ging nicht. Aus Prinzip nicht. Ich kann nicht für einen Rüstungskonzern werben. Ich finde es sowieso erstaunlich, dass jetzt viele Werbung machen. Vor zehn Jahren, als ich angefangen habe, war das verpönt unter Schauspielern. Ich nehme es keinem übel, aber ich finde, man muss ganz vorsichtig damit sein. Für mich selber ist das nichts.

Warum?

Ich habe eine Verantwortung. Da stellst du dich hin für ein Produkt und stehst mit deiner Glaubwürdigkeit da, und die Menschen werden dir das abnehmen. Die kaufen das dann, weil sie meinen, das ist gut. Und doch weiß letztlich jeder, dass man es für Geld macht.

Andererseits macht man jeden Job auch für Geld.

Das stimmt nicht.

Sie arbeiten nicht für Geld?

Natürlich arbeite ich, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Aber, wenn ich Werbung machen würde, wäre es mir wichtig, wofür ich werbe.

Also für Amnesty schon?

Ja, das ist ja was anderes. Da werbe ich nicht für ein Produkt, sondern für Menschenrechte. Wer für Seife wirbt, macht das nur für Geld.

Wahrscheinlich würden Sie der Partei Ihres Vaters sehr helfen, wenn Sie unentgeltlich einen Spot für die Grünen drehten.

Ich will mich nicht parteipolitisch binden. Die Grünen finde ich wichtig, gerade jetzt.Es bewahrheitet sich, dass ihre ökologischen Forderungen richtig sind.Siehe New Orleans. Das sind Auswirkungen der Klimakatastrophe. Ich sehe mit Grausen, dass die Pole schmelzen, die Meere ansteigen.

Die Deutschen haben im Moment andere Sorgen.

Ich weiß, fehlende Arbeitsplätze. Im Bereich der regenerativen Energien zum Beispiel kann man sehr viele Arbeitsplätze schaffen. Dorthin müssen die Anstrengungen gehen.

Würden Sie demonstrieren gehen?

Zum Beispiel gegen den Irakkrieg habe ich demonstriert. Gegen den Golfkrieg habe ich demonstriert, ganz früh gegen Cruise-Missiles und gegen Pershings.

Heute heißt es dann: Nina Hoss war auch da. Überlegen Sie sich das zweimal?

Ja, das musst du dir genau überlegen, wofür oder wogegen du demonstrierst. Weil ich davon ausgehen muss, dass ich anders wahrgenommen werde. Ich finde es großartig, dass man in einer Demokratie einfach auf die Straße gehen kann. Das gilt es zu verteidigen. Aber manchmal hätte ich Lust, unterzutauchen, weil es einfach auch sehr anstrengend sein kann, häufig erkannt zu werden.

Sind Sie schon einmal total aus der Rolle gefallen?

Selten, das bin ich nicht. Ich verliere nicht gerne die Kontrolle. Wobei ich zum Glück dafür meinen Beruf habe. Ich darf in den Figuren ab und zu die Kontrolle verlieren. Das hat dann nichts mit mir zu tun, aber ich habe es trotzdem erlebt. Zum Beispiel bei Einar Schleef…

…einer Produktion am Deutschen Theater, die nicht aufgeführt wurde, weil der Regisseur verstarb…

…da habe ich gebrüllt, geheult, gelacht, war ganz still – das war sehr extrem. Da denkst du selber: Wo kommt das denn jetzt her? Wo hast du denn die Energie her, da so einen Monolog hinzustemmen? Da kannst du viel ausleben.

Haben Sie das Gefühl, in solchen Situationen kommt das Verdrängte hoch?

Nein.

So ein Ersatzrausch auf der Bühne?

Tut mir Leid, ich weiß, Sie suchen danach. Aber ich bin relativ unneurotisch. Es gibt einfach nichts, das ich verarbeiten muss, ich habe einfach viel überschüssige Energie. Ich lasse nichts raus, ich lasse eher etwas rein. Das reizt mich. Privat finde ich es eher lächerlich, die Kontrolle zu verlieren.

Sie haben noch nie eine Tasse geworfen?

Das mache ich nie. Ich denke immer, was habe ich davon, da ist gleich das Loch in der Wand, das muss ich morgen wieder zuspachteln. Da sage ich mir: lass doch den Scheiß. Ich kann mich auf der Bühne austoben.

Die Bühnengesten sind die Einfälle eines Regisseurs, der auf dem Theater die Macht über die Figuren hat. Für eine Tochter aus einem so liberalen Elternhaus muss das schwierig sein, sich dort einzufügen.

Auch im hierarchischen Theater verändern sich Dinge. Man hängt als Schauspielerin nicht nur vom Regisseur ab, umgekehrt ist es genauso. Und wenn ein Regisseur das nicht weiß, muss man ihn darauf hinweisen.

Sie sind sicher schon mal mit jemandem aneinander gerasselt.

Bin ich.

Mit wem?

Das sage ich jetzt nicht. Das gehört hier nicht hin. Wir haben uns überhaupt nicht verstanden, und es hat nicht funktioniert. Es war eine schreckliche Arbeit. Wir haben geschrien und geheult, aber was rauskam, war okay.

Sie waren 14 Jahre alt, als Sie in einem Theaterstück mitspielten, in dem Ihre Mutter Regie führte. Ging das gut?

Man ist, glaube ich, sehr viel offener gegenüber der Mutter. Zu ihr würde ich sehr viel schneller sagen, „Quatsch, jetzt hör doch mal auf“, das würde ich einem Regisseur nie sagen. Als ich mit ihr gearbeitet habe, war das besonders schlimm. Mit 14 steckst du schon mitten in der Pubertät und hast ein Problem damit, dass deine Mutter dir sagt, was du machen sollst. Wir mussten eine neue Ebene finden.

Welche?

Dass ich plötzlich von der Tochter zur Kollegin wurde, die auch kritisiert werden darf, das war neu. Und dass ich diese Kritik nicht als Tochter verstehe, sondern als Kollegin. Das war ein Lernprozess für uns beide.

Freut es Ihre Mutter, dass Sie dann wirklich Schauspielerin geworden sind?

Ja, aber sie hat mich nicht dazu gezwungen. Das Einzige, das ich machen musste, war Klavierunterricht nehmen. Das war ein harter Kampf. Im Nachhinein bin ich echt froh. Jetzt kann ich halt gut Klavier spielen.

Ihr Leben scheint aus einem Guss zu sein – hat es nie Generationenkonflikte gegeben?

Was für einen Generationenkonflikt?

Sie haben so ein harmonisches Verhältnis zu Ihren Eltern, dass man es gar nicht glauben kann.

Die Brüche liegen bei mir woanders, aber diese Dinge gehen niemanden was an. Es war ein absoluter Bruch in meinem Leben, als mein Vater gestorben ist. Ich muss Ihnen jetzt nicht erzählen, dass ich wahnsinnig gegen meine Eltern ankämpfen musste, weil es einfach nicht so war. Doch ich war auch nicht immer brav und habe fleißig für die Schule gearbeitet. Aber es gab nicht diesen großen Konflikt. Anscheinend haben meine Eltern das super hingekriegt.

Und wie?

Sie haben mich einfach in allem, was ich getan habe, ernst genommen, sie haben sich mit mir auseinander gesetzt, und zwar beide. Ich habe dadurch vieles erfahren, in der Politik und bei den Künstlern. Ich habe nicht gewusst, warum ich meine Eltern angreifen sollte.

Viele, die in so liberalen, verständnisvollen Elternhäusern aufgewachsen sind, sagen heute, ihnen fehle die Pubertät.

Nee, bei mir ist das nicht so. Meine Mutter ist eine toughe, engagierte Frau, mit der du innerhalb von Sekunden einen Wahnsinnsstreit haben kannst. Es macht Peng, und dann ist es wieder gut. Das liebe ich. Ich habe durch meine Mutter Streitkultur gelernt. Ich kann mit ihr streiten, ohne dass sie denkt, ich liebe sie nicht mehr.

Ihre Mutter hat geschafft, was sich viele Frauen erträumen: Führungsposition und Mutter. Aber das kriegen die wenigsten hin. Wer heute mit Anfang 30 noch keine Kinder hat, gerät unter Egoismus-Verdacht. Macht Ihnen das Angst?

Angst ist zu viel gesagt, ich finde nur, man muss wachsam sein. Der „Spiegel“ hat kürzlich die Erziehung in Deutschland und Frankreich verglichen. Dort ist es selbstverständlich, dass die Frau wieder arbeiten geht, wenn sie möchte.

Möchten Sie selbst Kinder haben?

Ja, und ich möchte auch keine alte Mutter sein. Aber im Moment geht das einfach nicht, ich müsste so vieles sein lassen, worauf ich Lust habe. Da lasse ich mich nicht unter Druck setzen, das ist doch unser Leben, verdammt noch mal.

Als Schauspielerin, heißt es, sei man mit 30 „im Mutterfach“.

Ich hatte eine Zeit lang das Gefühl, dass im deutschen Film alles immer jünger wird. Wenn das so weitergeht, haben wir unter Kollegen gesagt, haben wir bald nichts mehr zu tun. Aber das hat sich wieder eingependelt.

Aber selbst Sie haben nicht immer ein Engagement.

Anfang des Jahres war das so. Zum Glück ist dann noch was aufgetaucht. Das war bislang immer so. Dadurch kriege ich nicht so eine Existenzangst. Auch die Vorstellungen im Theater laufen ja teilweise jahrelang. Ich hänge nicht sofort in einem Loch, wenn ich kein nächstes Angebot habe.

In dem Film „Die weiße Massai“ spielen Sie eine Frau, die einem kenianischen Krieger in den Busch folgt. Sie lässt ihr gesichertes Leben als Boutiquen-Besitzerin in der Schweiz zurück. Den Krieger hat sie ein einziges Mal gesehen. Liebe auf den ersten Blick. Das muss man ihr erst mal abnehmen.

Ich habe nie daran gezweifelt, dass es Liebe auf den ersten Blick gibt. Ich habe das selbst erlebt.

Und, hat es lange gehalten?

Es hält noch an.

Im Film verfällt die Frau der stattlichen Erscheinung eines Mannes in Kriegermontur, dessen Sprache sie nicht spricht. Klingt naiv.

Mag sein, aber ihr ist es passiert. Mir würde die intellektuelle Auseinandersetzung fehlen. Trotzdem kann ich die Faszination verstehen. Es geht um das Elementare, den Ursprung, den Mann, der für dich jagen geht.

In der westlichen Welt findet man höchstens einen Mann, der einem etwas repariert: den Handwerker, und der ist dann ein Dienstleister.

Neulich hat einer versucht, mich reinzulegen. Wenn man denen als Frau zeigt, dass man weiß, wo der Hammer hängt, werden sie rot. Der Mensch, der meinen Fernseher reparieren sollte, machte stundenlang dran rum, und ich wusste genau, der muss jetzt nur noch einen Knopf drücken. Das hat er aber nicht gemacht.

Und Sie haben nichts gesagt?

Nein, am Schluss habe ich habe nur gesagt: Das zahl ich Ihnen jetzt aber nicht. Das hat Spaß gemacht. Natürlich bist du manchmal in einer Rolle, wo du als Frau nicht ganz ernst genommen wirst.

Können Sie drüber lachen?

Über Blondinenwitze kann ich mich sogar kaputtlachen.

Kennen Sie einen?

Das Schlimme bei mir ist, dass ich Witze immer sofort vergesse. Irgendwas mit Heu, aber ich kann mich nicht erinnern.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar